Der Ex-Polizist Derek Chauvin

22,5 Jahre Haft für Ex-Polizisten Chauvin im Fall Floyd

Samstag, 26. Juni 2021 | 11:23 Uhr

Die Familie des getöteten Afroamerikaners George Floyd und deren Anwälte werten die Haftstrafe für den verurteilten Ex-Polizisten Derek Chauvin als einen möglichen Schritt zu mehr Gerechtigkeit für Schwarze in den USA. Bisher war noch nie ein Polizist im Bundesstaat Minnesota zu einer längeren Haftstrafe verurteilt worden. Das zuständige Gericht in Minneapolis hatte eine Haftstrafe von 22 Jahren und sechs Monaten gegen Chauvin verhängt.

Einer der Anwälte der Familie, Ben Crump, sagte am Freitag (Ortszeit) nach der Verkündung des Strafmaßes für Chauvin, das Urteil biete die Chance, ein “Wendepunkt” in der US-Geschichte zu sein. “Wir haben heute ein gewisses Maß an Rechenschaft erhalten”, sagte Crump. Angehörige Floyds mahnten zugleich, es seien dringend Reformen und strukturelle Änderungen im Kampf gegen Rassismus nötig. Und nichts könne George Floyd zurückbringen. US-Präsident Joe Biden wertete die Strafe in einer ersten Reaktion als “angemessen”.

Kurz vor der Strafmaßverkündung gegen Chauvin hatten sich mehrere Angehörige Floyds auf emotionale Weise vor Gericht zu Wort gemeldet. Floyds Bruder Philonise etwa sagte unter Tränen, er habe seit dessen Tod keine Nacht ruhig schlafen können, weil er von Albträumen geplagt sei und das Leiden seines Bruders immer und immer wieder vor sich sehe. Floyds kleine Tochter Gianna sagte per Videobotschaft an ihren Vater gerichtet: “Ich vermisse dich und liebe dich.” Auch Chauvins Mutter, Carolyn Pawlenty, trat auf, beschrieb ihren Sohn als liebevollen und fürsorglichen Menschen mit einem großen Herz, von dessen Unschuld sie überzeugt sei. Chauvin selbst sprach Floyds Familie nur knapp sein Beileid aus und verfolgte das Geschehen ansonsten, ohne nach außen hin eine Regung erkennen zu lassen.

Richter Peter Cahill verwies bei der Verkündung der Strafe auf den Schmerz der Floyd-Familie. Er betonte aber, das Strafmaß richte sich nicht nach Emotionen, Mitgefühl oder öffentlicher Meinung, sondern nach der Rechtslage. Cahill veröffentlichte eine 22-seitige Begründung der Entscheidung. Chauvin kam demnach zu Gute, dass er nicht vorbestraft ist. Zugleich erkannte Cahill jedoch die besondere Schwere der Tat an und argumentierte, Chauvin habe als Polizist seine Machtstellung missbraucht, keine Erste Hilfe geleistet und Floyd in Anwesenheit von Kindern mit “besonderer Grausamkeit” behandelt.

Floyd war am 25. Mai vergangenen Jahres in Minneapolis bei einem brutalen Polizeieinsatz ums Leben gekommen. Beamte nahmen den 46-Jährigen fest, weil er eine Schachtel Zigaretten mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt haben soll. Videos von Passanten dokumentierten, wie Polizisten den unbewaffneten Mann zu Boden drückten. Chauvin presste dabei sein Knie gut neun Minuten lang auf Floyds Hals, während dieser immer wieder flehte, ihn atmen zu lassen. Floyd verlor das Bewusstsein und starb wenig später.

Die Videoclips der Szene verbreiteten sich damals rasant. Floyds Tod wühlte die USA auf und löste mitten in der Corona-Pandemie eine Welle an Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt aus. Das Verfahren gegen Chauvin wurde zu einem der aufsehenerregendsten Prozesse der jüngeren US-Geschichte. Im vergangenen April befanden die Geschworenen Chauvin in allen Anklagepunkten für schuldig. Der schwerwiegendste Anklagepunkt lautete Mord zweiten Grades ohne Vorsatz. Nach deutschem Recht entspräche dies eher Totschlag. Zudem wurde Chauvin auch Mord dritten Grades vorgeworfen – und Totschlag zweiten Grades. Chauvin hatte auf nicht schuldig plädiert.

Die Verteidigung hatte eine Bewährungsstrafe für den 45-Jährigen gefordert, die Staatsanwaltschaft dagegen 30 Jahre Haft. Bei guter Führung könnte Chauvin Experten zufolge nach Zweidrittel der nun verhängten Haft auf Bewährung freikommen, also nach 15 Jahren.

Die Floyd-Familie und deren Anwälte sprachen in einer gemeinsamen Mitteilung von einem “historischen” Strafmaß und einem “bedeutenden Schritt nach vorne” angesichts der Missstände im Land. Mit Blick auf die offenen Anklagen auf Bundesebene gegen Chauvin und die anderen beteiligten Polizisten forderten sie aber erneut Höchststrafen.

Gegen Chauvin ist auch vor einem Bundesgericht Anklage erhoben worden. Ihm wird vorgeworfen, Floyd vorsätzlich seiner verfassungsmäßigen Rechte beraubt zu haben. Neben Chauvin wurden außerdem drei weitere am Einsatz gegen Floyd beteiligte Ex-Polizisten angeklagt. Sie werden in einem Verfahren in Minneapolis ab kommendem März vor Gericht stehen. Ihnen wird Beihilfe zur Last gelegt.

Einzelne Mitglieder der Floyd-Familie äußerten sich enttäuscht über Chauvins Strafe. Floyds Neffe Brandon Williams sagte: “22,5 Jahre sind nicht genug. (…) Wir kriegen George niemals zurück.” Nur lebenslange Haft wäre als Urteil angemessen gewesen. Deshalb werde er an diesem Tag nicht feiern. Auch der prominente Bürgerrechtler Al Sharpton sagte, es gebe keinen Grund zum Feiern. George Floyd sei tot. Gerechtigkeit wäre allein, wenn er noch am Leben wäre. Sharpton sagte mit Blick auf Chauvins Strafmaß: “Wir haben mehr bekommen, als wir dachten – nur weil wir vorher so oft enttäuscht worden sind.”

Floyds Schicksal steht für viele Amerikaner stellvertretend für strukturellen Rassismus in den USA. Sein Tod löste 2020 in Amerika die größten Bürgerrechtsproteste der vergangenen Jahrzehnte aus. Auch Chauvins Verteidiger, Eric Nelson, sagte am Freitag: “Dies ist ein Fall, der die Welt zu einem gewissen Grad verändert hat.”

Floyds verzweifelte Worte: “Ich kann nicht atmen”, die er in seinen letzten Minuten immer und immer wieder hervorpresste, sind zu einer Metapher für Rassismus und Polizeigewalt in den USA geworden. Anwalt Crump sagte am Freitag nach der Verkündung der Strafe für Chauvin: “Wir können heute ein bisschen besser atmen.”

Von: APA/dpa/Reuters

Kommentare

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36 Kommentare auf "22,5 Jahre Haft für Ex-Polizisten Chauvin im Fall Floyd"


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der echte Aaron
der echte Aaron
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

Logisch sagen seine Familie das er ein toller Mensch war…..aber wieso wird kein Wort erwähnt das Floyd ein gewohnheits Verbrecher war? 

Tina1
Tina1
Tratscher
1 Monat 5 Tage

@Aaron, logisch der “Leiferer, Würzburger und Römer” sind sicher auch tolle Menschen… kommt auf die Sichtweise an. Ironie aus.

Fraser
Fraser
Tratscher
1 Monat 5 Tage

Und? Wos hot sel mit der Aktion zi tien? Fakt isch, er wor afn Bodn, in Hondschelln, sie Situation wor entschärft und geklärt..muis man den sebm no afn Hols knieln? Er hot sich jo net gewehrt bzw wiedersetzt.. Aktionen solln Konsequenzn hobm, a fir Polizistn.

Doolin
Doolin
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

…sollte das stimmen, dann darf man ihm natürlich 9 Minuten auf den Hals knieen, gell…
😟

xXx
xXx
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

Also hat jeder gewöhnliche Ladendieb einen qualvollen und gewaltsamen Tot durch einen rassistischen Polizisten verdient?

der echte Aaron
der echte Aaron
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

@Fraser + Doolin
Wo habe ich geschrieben das es richtig war was der Polizist gemacht hat??…….bitte genau lesen und verstehen.

OrtlerNord
OrtlerNord
Grünschnabel
1 Monat 5 Tage

Aaron
Weil es keine Rolle spielt wenn er von einem selbstherrlichen Polizisten ermordet wird.

Sag mal
Sag mal
Kinig
1 Monat 5 Tage

@Fraser woher weisst Du ob Er Sich nicht gewehrt hätte wenn Der Polizist nachgegeben hätt🤨

falschauer
1 Monat 5 Tage

@der echte Aaron

du hast es nicht direkt angesprochen, aber zwischen den zeilen liest man einiges…..übrigens die tatsache, dass er ein gewohnheitsverbrecher war, rechtfertigt noch lange nicht das verhalten des polizisten

Sag mal
Sag mal
Kinig
1 Monat 4 Tage

@Fraser ja,klar … entschärft und geklärt🤨

Knut
Knut
Tratscher
1 Monat 5 Tage

Es stand von vornherein fest, dass es auf eine langjährige Haftstrafe hinauslaufen würde. Der Fall ist ein Politikum. Wäre er das nicht, hätte bereits ein mittelmäßiger Anwalt Chauvin raushauen können!

xXx
xXx
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

Du solltest dir noch mal etwas Nachhilfe über Amerika geben. Ginge es rein um Politik und wären die Richter und Geschworenen nicht unabhängig, hätte es kein Urteil gegeben, oder höchstens etwas von wegen Fahrlässig.

Doolin
Doolin
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

…immerhin weniger als von Anklage gefordert…

roserl
roserl
Grünschnabel
1 Monat 5 Tage

Knut, deiner Logik folgend, darf also jemand, der einem anderen 9 Minuten auf dem Hals kniet und ihm die Luft abdrückt einfach mal “rausgehauen” werden? Oweia, ich hoffe nur, du bist nicht in exekutiver Verantwortung.

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

In Europa, zum Beispiel in Italien, hätte er maximal zwei Jahre bedingt bekommen.

DontbealooserbeaSchmuser
1 Monat 1 Tag

Hier die Zahlen:

DontbealooserbeaSchmuser
29 Tage 1 h

@PeterSchlemihl das wäre auch angemessen gewesen.
22 Jahre Haft, nur weil er seiner Arbeit nachging…

In den USA werden jählich an die tausend Menschen von der Polizei erschossen, der größte Teil davon Weiße.
Wer das Problem einfach auf “Rassismus” abwälzen will, hat ein sehr beschränktes Weltbild.

Es liegt an der gewaltbereiten Bevölkerung und den dadurch verständlicherweise agressiveren Polizisten. (Es werden jedes Jahr auch ~50 Polizisten von Kriminellen erschossen)

Fraser
Fraser
Tratscher
1 Monat 5 Tage

Olbm no zi wienig. Polizistn moan sie stuckeweis sie kenn sich olls dolabm und’s Gsetz giltet fir sie net. Schun richtig aso.

Summer
Summer
Tratscher
1 Monat 5 Tage

@Fraser
Kennen Sie die Arbeitsumstände der Polizei in den USA? Dann wäre es besser, wenn Sie schweigen würden, denn in den USA ist jeder angehalten Autofahrer legal oder illegal potentiell mit einer Feuerwaffe ausgerüstet, sodass in jeder Sekunde auf die Polizisten das Feuer eröffnet werden kann. Das gehört dort zur Tagesordnung und so werden die Polizisten dort auch ausgebildet, dass jederzeit das Feuer auf sie eröffnet werden kann.
Das rechtfertigt keinesfalls die Tötung jenes Mannes, die Arbeit der Polizei in den USA würden 90% der europäischen Polizisten nicht für das doppelte Gehalt in den USA machen. So siehts aus!

Fraser
Fraser
Tratscher
1 Monat 5 Tage

@Summer mag sein, aber Fakt ist auch dass vor der Ausbildung in den USA besser ausgemistet werden sollte…die Ausbildungszeit ist mit ein paar Wochen regelrecht ein Witz..hingegen in Europa z. B. 2.5 bis 3 Jahre dauert..soll heißen, manchem würde eine längere Ausbildung nicht schaden, um in gewissen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Summer
Summer
Tratscher
1 Monat 5 Tage

@Fraser
In Bezug auf Menschen, egal welcher Hautfarbe, verbitte ich mir von ausMisten zu sprechen. Sie wären der erste, der im Zusammenhang mit ausmisten in Bezug auf eine andere Hautfarbe sofort Rassismus schreien würde.
Und last but not least: schon mal daran gedacht, warum in den USA die Ausbildung so kurz ist und soviele Polizisten in den ersten Jahren den Dienst verlassen?
Ihre heile Welt wird durch eine rosa Brille gesehen. Zum Fremdschämen!

Sag mal
Sag mal
Kinig
1 Monat 5 Tage

Fraser wenn man einen Polizisten respektiert und tut was Er sagt wird Er auch nicht so vorgehen😏

hundeseele
hundeseele
Superredner
1 Monat 5 Tage

Das spiegelt halt die Präpotenz wider,erst recht gegenüber schwarzen Amerikanern,die sehr viele amerikanische Polizisten gerne raushängen lassen.Habe Gott sei dank immer eine Gegenteilige Erfahrung machen können bei meinen Amerika Trips-Das Urteil finde ich als angemessen!

Pacha
Pacha
Superredner
1 Monat 5 Tage

Letztes Jahr wurden in den USA 50 Polizeibeamte während der Ausübung ihres Dienstes getötet, wo bleibt da der Aufschrei?

Pacha
Pacha
Superredner
1 Monat 5 Tage

P.s. sie wurden entweder erschossen, erstochen und erschlagen.

hundeseele
hundeseele
Superredner
1 Monat 5 Tage

@Pacha
Berufsrisiko!

quilombo
quilombo
Superredner
1 Monat 4 Tage

@Pacha, letztes Jahr wurden auch 129 Personen von Polizisten getötet. Die meisten waren unbewaffnet.
Aber reden tut man nur von einem.

Waltraud
Waltraud
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

Gut so. Mit diesem Urteil wird endlich mal ein Zeichen gesetzt gegen Polizeigewalt gegen Schwarze.

Nico
Nico
Superredner
1 Monat 5 Tage

Amerikas Polizisten (und natürlich auch anderer Nationen) müssen sich einfach bewusst sein, dass heutzutage jeder “falsche Furz” mit den Smartphones gefilmt wird!…. , früher hätte kein Hahn danach gekräht!

Nico
Nico
Superredner
1 Monat 5 Tage

Der Prozess war von vorneherein befangen! Die Richter standen unter unheimlichen öffentlichen Druck, die halbe Welt hat auf das Urteil geschaut, ansonsten wäre so ein Fall mit 5-6 Jahren wegen Totschlags ausgegangen!

ischJOwurscht
ischJOwurscht
Superredner
1 Monat 5 Tage

Ich finde diese Haftstrafe nicht gemäß dem Verbrechen, wenn man bedenkt, dass Floyd kein unschuldslamm ist, obwohl er immer so dargestellt wird, wären 10 Jahre von mir ausgesehen das oberste Limit gewesen.

Noggi
Noggi
Grünschnabel
1 Monat 5 Tage

Der arme Polizist

Erwin
Erwin
Grünschnabel
1 Monat 5 Tage

Und wenn sie an Polizist töten dann ist die Haft nur 15Jahre!

Babba
Babba
Grünschnabel
1 Monat 5 Tage

Gewohnheitsverbrecher hin oder her, die Strafe ist angemessen-jemandem 9 Minuten lang die Luft abzudrücken, ist Mord

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