Mehr als 20 Tote und zahlreiche Verletzte

Anschlag bei Friedensfeiern mit Taliban in Afghanistan

Samstag, 16. Juni 2018 | 19:33 Uhr

In Afghanistan sind bei einer Zusammenkunft von Soldaten und Taliban-Kämpfern nach Behördenangaben mindestens 26 Menschen Opfer eines Autobombenanschlags geworden. Die Attacke im Landesosten warf einen Schatten auf das Fastenbrechen, das am Samstag in weiten Teilen Afghanistans in seltener Einmütigkeit von Regierungssoldaten und Extremisten zusammen gefeiert wurde.

Der Islamische Staat (IS) bekannte sich zu der Tat, bei der es sich laut der IS-Agentur Amaq um einen Selbstmordanschlag handelte. Die Taliban erklärten, es habe auch Opfer unter ihren Kämpfern gegeben, die an den Feierlichkeiten teilgenommen hatten.

Die Taliban hatten überraschend eine dreitätige Waffenruhe über das am Freitag begonnene Fest des Fastenbrechens nach dem Ramadan verkündet. Sie fällt mit einer Feuerpause der afghanischen Regierung zusammen, die noch bis Mittwoch dauern soll. Am Samstag waren Dutzende unbewaffnete Taliban-Kämpfer in die Hauptstadt Kabul und in andere Städte des Landes gekommen, um zu feiern. Dabei kam es in dem von Extremismus und Gewalt gezeichneten Land zu ungewöhnlichen Szenen: Regierungssoldaten und Taliban-Kämpfer lagen sich in den Armen und machten Selfies von sich.

“Ich bin hier, um Grüße an unsere Brüder in der Polizei und der Armee zu richten”, sagte ein Taliban-Befehlshaber. “Alle haben den Krieg satt, und wenn unsere Anführer es anordnen, werden wir die Waffenruhe für immer einhalten.”

Unter dem Eindruck des erfolgreichen Beginns der Waffenruhe verlängerte der afghanische Präsident Ashraf Ghani am Abend einseitig den Waffenstillstand, der vonseiten der Regierung ursprünglich nur bis zum 20. Juni gelten sollte. In einer landesweit im Fernsehen übertragenen Rede sagte Präsident Ghani, er weise die Streitkräfte an, die Feuerpause auch nach den hohen Eid-Feiertage weiterzuführen. Details würden bald bekanntgegeben.

Ghani bat auch die Taliban, ihre Kampfpause zu verlängern. “Ihre Verwundeten werden versorgt und Familienbesuche werden organisiert.” Er bot “umfassende Verhandlungen” an. Zudem gab Ghanis Büro bekannt, dass 46 Taliban-Kämpfer freigelassen worden seien.

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Mohammed Radmanish, sagte zu dem Waffenstillstand, dass man Taliban während der Feuerpause in sonst abgeschottete Städte eingeladen habe und dass Kämpfer auch in der Hauptstadt seien. Kabuls Polizeichef Hashmat Staniksai schrieb auf Facebook, dass eine Gruppe von Kämpfern ihre Waffen abgegeben habe. Nach Ende des Besuchs würden sie sie zurückbekommen.

Der friedliche Besuchstag war besonders bemerkenswert, weil Kabul seit Monaten zunehmend Ziel blutiger Überfälle der Taliban und des IS ist. Die Regierung ist dabei, Sicherheitsmaßnahmen drastisch zu verschärfen. Allein in diesem Jahr gab es 13 schwere Anschläge. Mehr als 300 Zivilisten wurden getötet.

Selbst Innenminister Wais Barmak traf offenbar mit Taliban zusammen. Tolo TV und Ariana News zeigten Fotos des Ministers in einer Gruppe von Kämpfern in Kabuls Stadtteil Kompani. Einige Männer machten Selfies. Der BBC sagte der Minister, er sei auf Patrouille in der Stadt gewesen, als die Kämpfer ihn sahen und grüßten. Er habe sie daraufhin in Kabul willkommen geheißen.

Auch im Rest des Landes freuten sich Millionen Afghanen nach Monaten blutiger Auseinandersetzungen weiter überschäumend über den Mini-Frieden. Tolo TV twitterte ein Video aus der schwer umkämpften Provinz Kunduz, wo sich Taliban und Sicherheitskräfte umarmten, überschüttet mit Reis von Zivilisten. In sozialen Medien kursierten Bilder von Soldaten und Taliban, die einander Rosen schenkten.

Von: APA/ag./dpa

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