Die Vorwürfe reichen bis in die 1990er zurück

Anwälte von Kardinal Pell bezeichnen Urteil als “falsch”

Mittwoch, 11. März 2020 | 11:04 Uhr

Im Berufungsverfahren gegen den wegen Kindesmissbrauchs verurteilten australischen Kardinal und Ex-Vatikan-Finanzchef George Pell haben dessen Anwälte die Verurteilung ihres Mandanten als “falsch” bezeichnet. Pell sei aufgrund “falscher” und “ungeheuerlicher” Gerichtsentscheidungen hinter Gittern, sagten die Anwälte am Mittwoch zum Beginn der zweitägigen Anhörung vor dem Obersten Gerichtshof.

Der Berufungsantrag ist Pells letzter Versuch, eine sechsjährige Haftstrafe zu kippen. Zunächst gab es keine Entscheidung.

Pell war im Dezember 2018 von einem australischen Geschworenengericht schuldig gesprochen worden, sich Mitte der 90er Jahre in der Kathedrale von Melbourne an zwei Chorknaben vergangen zu haben. Im vergangenen März wurde er dann zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der 78-Jährige sitzt nun in einem Hochsicherheitsgefängnis in der Nähe von Melbourne, bei der Anhörung am Mittwoch war er nicht anwesend.

Die Richter des Obersten Gerichts können den Berufungsantrag ablehnen oder ihn zulassen, was zur Freilassung Pells führen könnte. Das Gericht kann den Fall auch an eine untere Instanz zurückverweisen, um ihn erneut zu prüfen.

Die Berufungsverhandlung ist für zwei Tage angesetzt. Zum Prozess am Mittwoch demonstrierten sowohl Unterstützer als auch Gegner des Kardinals vor dem Gericht. Beide Seiten gerieten kurz aneinander, als ein Mann mit dem Schild “Verbrenn in der Hölle, Pell” daran gehindert wurde, mit Reporter zu sprechen.

Pell ist der ranghöchste katholische Geistliche weltweit, der wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Der Kardinal hat die Vorwürfe gegen sich aber stets zurückgewiesen.

Für den 78-Jährigen könnte die Verhandlung die letzte Chance sein, doch noch auf freien Fuß zu kommen. Der erste Versuch, das im März 2019 gesprochene Urteil von einem Berufungsgericht aufheben zu lassen, scheiterte im August. Demnach hätte Pell frühestens im Oktober 2022 aus der Haft entlassen werden können. Nach der Entscheidung des Berufungsgerichts legten die Anwälte des Geistlichen beim Obersten Gericht Einspruch ein, so dass sich dieses nun damit befasst.

Die Prozesse um die “schockierenden Anschuldigungen” hätten 22 Jahre nach den angeblichen Vorfällen stattgefunden, sagte Pells Anwalt Bret Walker in der Anhörung. Es verwies darauf, dass es nur eine Aussage gab, die als Beweis diente.

Eines von Walkers Argumenten: Nach einer Sonntagsmesse sei es unmöglich gewesen, dass ein Erzbischof fünf oder sechs Minuten in der Sakristei mit zwei Chorknaben alleine war – so soll es bei einem Übergriff gewesen sein. Bei dem anderen Fall, für den Pell verurteilt wurde, waren laut Walker keine Zeugen dabei. Die Anklage dreht zudem seiner Meinung nach die Beweislast um: Statt dass sie Pells Schuld beweist, musste die Verteidigung seine Unschuld beweisen.

Der Jus-Professor Jeremy Gans von der Universität Melbourne sagte zum ersten Tag der Verhandlung: “Es war ein recht guter Tag für Pell, weil er von hinten anfing.” Das kann man so verstehen: Der Kardinal sitzt im Gefängnis, seine Situation kann nur gleichbleiben oder sich verbessern. Gans erwartet, dass das Gericht der Rechtsbeschwerde von Pell stattgeben könnte. Aber es sei sehr wahrscheinlich, dass das Gericht seine Entscheidung nicht am Donnerstag, sondern später treffe.

Die Vorwürfe reichen in die Jahre 1996/97 zurück, als Pell gerade Erzbischof von Australiens zweitgrößter Stadt Melbourne geworden war. Einer der früheren Chorknaben starb vor einigen Jahren an einer Überdosis Rauschgift. Der andere ist heute Mitte 30 und war im Prozess der entscheidende Belastungszeuge. Er galt den Richtern als sehr glaubhaft.

Pell war ein Vertrauter von Papst Franziskus. Im November wurde sein Nachfolger im Vatikan verkündet: Der spanische Jesuit Juan Antonio Guerrero ist neuer Präfekt des Wirtschaftssekretariats. Das ist eine der wichtigsten Behörden der römischen Kurie.

Unterdessen trat einer der dienstältesten katholischen Bischöfe Australiens am Mittwoch zurück, nachdem Berichte über polizeiliche Ermittlungen wegen mutmaßlicher Sexualdelikte bekannt wurden. Bischof Christopher Saunders, der die Diözese Broome an der Westküste des Landes leitete, soll sich freiwillig zu dem Schritt entschieden haben.

Nach Berichten des Senders Seven News befindet sich die Polizei inmitten in einer seit 18 Monaten andauernden Untersuchung wegen mehrerer schwerwiegender Vorwürfe gegen Saunders, darunter Sexualdelikte gegen zwei junge Männer.

Von: APA/dpa