Ost-Ghouta steht unter Beschuss

Assad: Militäreinsatz in Ost-Ghouta wird fortgesetzt

Sonntag, 04. März 2018 | 21:01 Uhr

Der syrische Präsident Bashar al-Assad hat eine Fortführung der Militäroffensive im Gebiet Ost-Ghouta nahe der Hauptstadt Damaskus angekündigt. Allerdings werde es parallel dazu Zivilisten möglich sein, die von Aufständischen gehaltene Region zu verlassen, sagte Assad in einem am Sonntag im Fernsehen.

Er verwies dabei auf die von Russland ausgerufene Waffenruhe von fünf Stunden an jedem Tag. “Es gibt keinen Widerspruch zwischen einer Waffenruhe und Kampfeinsätzen”, sagte Assad. Er fügte hinzu, die westlichen Vorwürfe eines Chemiewaffen-Einsatzes in Syrien seien nur ein Vorwand, um die syrische Armee anzugreifen.

Die syrische Armee war nach eigenen Angaben am Wochenende in der Rebellen-Enklave Ost-Ghouta weiter vorgerückt. In den vergangenen Wochen wurden bei der von Russland und Iran unterstützten Offensive nach UNO-Angaben Hunderte Menschen getötet. Die Einnahme Ost-Ghoutas wäre ein wichtiger Sieg für Assad in dem seit rund sieben Jahren dauernden Bürgerkrieg.

Die syrische Armee ist nach eigenen Angaben am Wochenende in der Rebellen-Enklave Ost-Ghouta weiter vorgerückt und treibt einen Keil in das belagerte Gebiet. Ein Kommandant sagte am Sonntag, die Truppen müssten nur noch wenige Kilometer vorankommen, um das Rebellengebiet in zwei Teile zu spalten.

Nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (OSDH) vom Sonntag stehen mehr als ein Viertel der belagerten Region östlich von Damaskus unter Kontrolle der Armee. Die Assad-Truppen befänden sich nun nur mehr drei Kilometer von der Stadt Duma entfernt. Tausende Menschen waren Beobachtern und Augenzeugen zufolge auf der Flucht vor den Regierungstruppen.

Die Flüchtlinge versuchten, im Zentrum von Ost-Ghouta Unterschlupf zu finden. In den vergangenen Wochen wurden bei der von Russland und dem Iran unterstützten Offensive nach UNO-Angaben Hunderte Menschen getötet. “Diese Kollektivstrafe für die Zivilbevölkerung ist schlicht nicht hinnehmbar”, erklärte der UNO-Koordinator für Hilfslieferungen in der Region, Panos Moumtzis. Ein für Sonntag geplanter Hilfskonvoi wurde von den Vereinten Nationen ausgesetzt.

Die Einnahme von Ost-Ghouta wäre ein wichtiger Sieg für Assad in dem seit rund sieben Jahren dauernden Bürgerkrieg. Seine Armee teilte mit, sie habe die Kontrolle über mehrere Ortschaften in Ost-Ghouta erlangt. Eine große Zahl Terroristen sei getötet worden. Mehrere Kommandozentralen, Tunnel und Befestigungsanlagen seien zerstört worden. Die Assad-Führung bezeichnet alle oppositionellen Kämpfer als Terroristen.

Ost-Ghouta vor den Toren der Hauptstadt Damaskus ist eines der letzten größeren Rückzugsgebiete der Aufständischen. Es wird von islamistischen Rebellengruppen kontrolliert. Rund 400.000 Menschen sind dort eingeschlossen. Russland hatte kürzlich eine Feuerpause von fünf Stunden täglich erklärt, um Menschen aus Ost-Ghouta heraus- und Hilfslieferungen hineinzubringen. Doch diese Kampfpause ist brüchig. Die Armee teilte mit, ihre Angriffe hätten außerhalb der Feuerpause stattgefunden.

Der Fernsehsender Orient TV, der der Opposition nahesteht, berichtete, der Vormarsch der Assad-Truppen habe die Flucht der Menschen aus Ost-Ghouta ausgelöst. Sie verließen ihre Häuser dort, wo die Soldaten die Kontrolle übernommen hätten, teilte der Augenzeuge mit. Die der Opposition nahestehende Beobachtungsstelle für Menschenrechte sprach von 300 bis 400 Familien, die seit Samstag auf der Flucht seien. Das entspreche mehreren Tausend Personen.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete, das russische Militär habe erklärt, die Rebellen hätten eine Ausgangssperre über die von ihnen kontrollierten Gebiete verhängt, um Zivilisten an der Flucht zu hindern. Die Rebellen haben dies wiederholt zurückgewiesen.

Nach UNO-Angaben wurden seit Mitte Februar fast 600 Menschen in der Enklave getötet. Mehr als 2.000 Menschen seien verletzt worden. Statt der dringend nötigen Atempause werde noch mehr gekämpft, erklärte UNO-Koordinator Moumtzis. Es gebe noch mehr Berichte über Hunger und Bomben auf Krankenhäuser. Auch bei Granatangriffen der Rebellen auf Damaskus seien Dutzende Zivilisten getötet und verletzt worden.

Die Vereinten Nationen erklärten, der geplante Hilfskonvoi könne am Sonntag nicht fahren, bleibe aber in Bereitschaft, um die Güter sofort auf den Weg zu bringen, sobald die Situation dies erlaube. Ein UNO-Vertreter nannte als Grund, dass von der syrischen Regierung nicht die abschließende Freigabe gekommen sei. Rund 40 Lastwagen sollen dringend benötigte Lebensmittel und Medikamente nach Duma schaffen. Nur ein kleiner Konvoi mit Gütern für 7.200 Menschen hatte Mitte Februar sein Ziel erreicht. Es war heuer bisher der einzige.

Die syrische Armee hatte im Februar begonnen, Ost-Ghouta massiv zu bombardieren. Zudem starteten Bodentruppen eine Offensive.

Großbritannien und die USA machen Syrien und Russland für die verheerende humanitäre Notlage in Ost-Ghouta verantwortlich. Die britische Premierministerin Theresa May und US-Präsident Donald Trump seien sich einig, dass Damaskus und Moskau die Hauptschuldigen für das “herzzerreißende Leid” der Menschen in der belagerten syrischen Rebellenenklave seien, erklärte die Regierung in London. Trump und May hatten zuvor am Sonntag miteinander telefoniert.

Der französische Präsident Emmanuel Macron rief unterdessen seinen iranischen Kollegen Hassan Rouhani auf, den “nötigen Druck” auf Syriens Machthaber Bashar al-Assad auszuüben, um die “rücksichtslosen” Angriffe auf Zivilisten in Ost-Ghouta zu beenden. In seinem Telefonat mit Rouhani habe Macron betont, dass der Iran als Verbündeter der Regierung in Damaskus eine “besondere Verantwortung” trage und dabei helfen müsse, die UNO-Resolution für eine Waffenruhe und humanitäre Hilfslieferungen umzusetzen, teilte der Elysee-Palast mit.

Derweil gehen auch in der Region Afrin im Nordwesten des Landes die Gefechte weiter. Dort mussten Regierungstruppen ihre bisher schwersten Verluste im Kampf gegen türkische Einheiten einstecken. Türkische Luftangriffe töteten nach Angaben der Beobachtungsstelle mindestens 36 Regierungskämpfer.

Die Regierung rückte in das kurdisch kontrollierte Afrin vor gut zwei Wochen ein, um Verbände unter Führung der Kurdenmiliz YPG zu unterstützen. Die Türkei hatte die YPG zusammen mit protürkischen Rebellen im Jänner angegriffen, weil sie die Gruppe als Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und damit als Terrororganisation sieht. Die türkische Führung hatte klargemacht, dass die UNO-Forderung nach einer Feuerpause ihrer Ansicht nach nicht für den Konflikt in Afrin gilt.

Von: APA/ag.