Kanadischer Autor Michel Jean auf Wien-Besuch

Autor Michael Jean gibt Kanadas First Nations eine Stimme

Montag, 19. September 2022 | 06:00 Uhr

In seinem Roman “Kukum” lieh der kanadische Autor und Journalist Michel Jean seiner Urgroßmutter Almanda Siméon, die 1875 im Alter von drei Jahren von Irland nach Quebec kam und einen Innu heiratete, seine Stimme. In der Fortsetzung “Atuk” wechselte sich der Autor mit seiner Großmutter Jeannette als Erzählfigur ab. In Wien stellte Jean am Freitag sein drittes auf Deutsch übersetztes Buch vor. “Maikan” erzählt von brutalen Übergriffen an jungen Indigenen in Umerziehungslagern.

“Die Cousine meiner Mutter war selbst in so einem Internat. Nichts von dem, was ich in meinem Buch beschreibe, ist erfunden”, versichert der Autor im Gespräch mit der APA. Mit staatlicher Zwangsgewalt wurden über viele Jahrzehnte Kinder von Familien der elf First Nations Kanadas ihren Eltern weggenommen und in weit entfernte kirchliche Internatsschulen gebracht. Dort sollten die “Wilden” ihrer Herkunftskultur und -sprache entfremdet und zu französischsprachigen “zivilisierten Menschen” gemacht werden. Was das neue, im Original bereits 2013 erschienene Buch jedoch beschreibt, ist nicht nur eine unmenschliche Politik gegenüber der autochthonen Bevölkerung, wie man sie auch aus den USA oder Australien kennt, sondern eine von Brutalität und sexuellem Missbrauch gekennzeichnete Schreckensherrschaft mancher Mönche und Nonnen, die von den Kindern “Maikan” genannt wurden: “Wölfe”.

Über die Jahrzehnte sollen rund 150.000 Kinder in derlei Anstalten “umerzogen” worden sein. 80.000 von ihnen leben noch – und die Zahl derer, die schwer traumatisiert mit Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen haben, ist hoch. Während es in diesen Schulen das Ziel war, den “Indianer im Kind zu töten” (und über 4.000 Kinder tatsächlich dort ums Leben kamen), bekam der 1960 geborene Autor, der Geschichte und Soziologie studierte und Fernsehjournalist wurde, von Verwandten immer wieder zu hören: “Du hast den Indianer in dir.”

Die positive Annahme seiner Herkunft habe schließlich sein Leben verändert, sagt Michel Jean. Er habe die Aufgabe angenommen, vom schweren Schicksal seines Volkes zu erzählen, auch von der Erkenntnis getrieben: “Wer soll es machen, wenn nicht ich?” Es gebe kaum literarische Zeugnisse von Angehörigen der First Nations, erst durch den erstaunlichen Erfolg seiner Bücher seien andere dazu ermutigt worden, eigene Geschichten zu erzählen, sodass es mittlerweile eine schmale, aber immerhin rund ein Dutzend Namen umfassende, literarische Szene gebe.

Später, bei seiner Lesung in der Buchhandlung Hartlieb in Wien-Alsergrund, zeigt sich Michel Jean davon gerührt, dass sich so viele Menschen hierzulande für seine Bücher und sein Volk interessieren und versichert den Anwesenden: “Sie brauchen sich nicht dafür zu schämen, dass sie so wenig über uns wissen. Wie Ihnen geht es den meisten Kanadiern. Wir haben in der Schule die offizielle Geschichte der Besiedelung Kanadas gelernt, aber gar nichts über die Menschen, die früher hier gelebt haben.”

Dabei seien die kulturellen Differenzen durchaus bemerkenswert: “Während in der Schule das christliche Weltbild vermittelt wird, bei dem der Mensch an der Spitze der Schöpfungspyramide steht, halten die Ureinwohner die Natur für ein hohes und schützenswertes Gut, in das sich der Mensch eingliedern muss, weil es ihn ernährt. Die meisten Kanadier sehen den Umgang der weißen Siedler mit den Indianerstämmen der USA kritisch und können kaum glauben, dass in ihrem Land ähnliches Unrecht geschehen ist. Und während sie gegen die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes demonstrieren, ignorieren sie, dass in ihrem eigenen Land Vergleichbares mit dem Borealen Nadelwald gemacht wird. Die meisten Leute haben die Vorstellung von riesigen Wäldern in Kanada. Heute gibt es aber nur noch karge Reste davon. Die Holzindustrie hat kaum mehr etwas übrig gelassen.”

Als Journalist wie als Autor werden Michael Jean die Themen und Geschichten nicht so bald ausgehen, dessen ist er sich sicher. Die kanadische Öffentlichkeit hat noch viel zu lernen. Das Internat Fort George auf einer Insel in der James Bay, das den Schauplatz von “Maikan” darstellt, gab es von 1936 bis 1952 – doch das Leid wirkt lange nach. Der Roman erzählt in zwei Handlungssträngen von den Erlebnissen der drei jungen Innu Marie, Virginie und Thomas in den Fängen der “Wölfe” und von den Bemühungen einer jungen, engagierten Anwältin Jahrzehnte später, die drei aus allen Registern Verschwundenen als Empfänger von Entschädigungszahlungen aufzuspüren und ihnen späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

2007 wurde nach dem Vorbild Südafrikas die “Truth and Reconciliation Commission of Canada” gegründet. Der Wahrheit sei man seither ein Stück näher gekommen, sagt Michael Jean, doch “für die Versöhnung wird es noch einige weitere Generationen brauchen.”

(S E R V I C E – Michel Jean: “Maikan – Der Wind spricht noch davon”, aus dem Französischen übersetzt von Michael von Killisch-Horn, Wieser Verlag, 196 Seiten, 21 Euro)

Von: apa

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