Protassewitsch sagte, er bewundere Lukaschenko

Belarussischer Blogger legt im Fernsehen “Geständnis” ab

Freitag, 04. Juni 2021 | 15:24 Uhr

Nach seiner Verhaftung infolge einer erzwungenen Landung hat der belarussische Regierungskritiker Roman Protassewitsch im Staatsfernsehen ein langes “Geständnis” abgelegt. Der Sender ONT strahlte ein eineinhalbstündiges “Interview” aus, in dem der 26-jährige Blogger davon sprach, Proteste gegen Machthaber Alexander Lukaschenko organisiert zu haben. Zudem äußerte er Bewunderung für Lukaschenko. Die Opposition vermutet, dass Protassewitsch zu dem Auftritt genötigt wurde.

Seine Mutter bezeichnete das Interview am Freitag als Ergebnis von Folter. “Ich kann mir nicht einmal vorstellen, welchen Foltermethoden – sowohl psychischen als auch physischen – mein Sohn momentan ausgesetzt ist”, sagte Natalia Protassewitsch der Deutschen Presse-Agentur. Die 46-Jährige verwies auf dunkle Stellen, die an seinen Handgelenken zu sehen waren. “Schauen Sie einfach, was für tief eingeschnittene Handgelenke er hat, was für Entzündungen da zu sehen sind.” Die langen Ärmel seines Hemdes könnten weitere Misshandlungsspuren verdecken.

Auch Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja hat Zweifel und meint, dass das Interview unter Folter zustande gekommen ist. “Mithilfe von Gewalt kann man Menschen dazu bringen, das zu sagen, was man will”, sagte Tichanowskaja am Freitag in Warschau. Es habe zuletzt viele Videos gegeben, in denen belarussische Oppositionelle sich selbst beschuldigten und ihre Aktionen bereuten. Diese Aufnahmen entstünden immer unter Druck. Daher hätten die Aussagen keine Bedeutung. “Die Aufgabe eines politischen Gefangenen ist, zu überleben.”

Mit teils zitternder Stimme erhob der Blogger in dem Interview, das am Donnerstagabend ausgestrahlt wurde, auch Anschuldigungen gegen andere Regierungskritiker. Massive Angst zeigte Protassewitsch vor einer etwaigen Auslieferung in die abtrünnige ukrainische “Luhansker Volksrepublik” (LNR), die im Zusammenhang mit einem Aufenthalt des Bloggers mit dem rechtsradikalen “Asow”-Regiment im ostukrainischen Frontgebiet ein “Strafverfahren” eingeleitet hat.

Es falle ihm schwer dazu etwas zu sagen, erklärte Protassewitsch und blickte dabei auf den Boden. “Verständlich, dass ich das (die Auslieferung, Anm.) fürchte. Ich hoffe einzig, dass Alexander Grigorewitsch (Lukaschenko, Anm.) genug politischen Willen und Entscheidungskraft findet, mich nicht auszuliefern.” In der selbsterklärten “Volksrepublik” im Osten der Ukraine, die bisher von keinem anderen Staat anerkannt wurde, wäre auch eine Exekution des Bloggers durchaus möglich. Am Ende weinte der Mitbegründer des oppositionellen Telegram-Kanals Nexta (Nechta).

Kritik kam von Deutschland und Großbritannien. Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert sprach am Freitag in Berlin von einem “vollkommen unwürdigen und unglaubwürdigen Geständnis-Interview”. “Das ist eine Schande für den Sender, der es ausstrahlt, und für die belarussische Führung, die nochmal ihre ganze Demokratieverachtung, und eigentlich muss man auch sagen, Menschenverachtung zeigt”, betonte Seibert. Der britische Außenminister Dominic Raab sagte: “Das verstörende Interview von Herrn Protassewitsch vergangene Nacht entstand eindeutig unter Zwang und in Gewahrsam”, twitterte Raab am Freitag. Er forderte, alle zur Verantwortung zu ziehen, die an der Produktion und Verbreitung des Videos beteiligt gewesen seien. “Die Verfolgung derjenigen, die Menschenrechte und Pressefreiheit in Belarus verteidigen, muss aufhören.”

Protassewitsch war vor knapp zwei Wochen in Minsk an Bord eines Ryanair-Passagierflugzeugs festgenommen worden, das Machthaber Lukaschenko vom Kurs abbringen und dann zur Landung zwingen ließ. Ebenso wie seine russische Freundin Sofia Sapega sitzt er seitdem in Haft. Vergangene Woche war er schon einmal im Staatsfernsehen vorgeführt worden. Der Vorfall hat den Konflikt zwischen der ehemaligen Sowjetrepublik und dem Westen verschärft. Die EU und die USA verhängten seither neue Sanktionen gegen Belarus.

In der Nacht auf Samstag sollen weitere Sanktionen in Kraft treten. Die Europäische Union will Diplomaten zufolge belarussischen Airlines die Überflug- und Landerechte entziehen. Zugleich sollten europäische Gesellschaften nicht mehr über belarussisches Gebiet fliegen, sagten drei mit den Verhandlungen der EU-Staaten vertraute Diplomaten am Freitag in Brüssel. Die Sperre, die auch Start- und Landeverbote umfasst, soll ab Mitternacht gelten.

Der Dachverband der Fluggesellschaften (IATA) in Genf kritisierte das Vorgehen. “Die Sicherheit des Flugbetriebs darf niemals politisiert werden”, sagte IATA-Chef Willie Walsh. Der Verband verurteile die Umleitung der Ryanair-Maschine, das Verbot sei aber ebenfalls eine Politisierung. “Unrecht und Unrecht ergibt kein Recht. Politiker sollten niemals unter dem Mäntelchen der Luftfahrtsicherheit eine politische oder diplomatische Agenda verfolgen.”

Protassewitschs Mutter forderte unterdessen, unabhängige Ärzte zu ihrem Sohn zu lassen. “Die sollten auch Blutanalysen machen, was man ihm spritzt.” Bisher seien alle Anträge aber abgelehnt worden. Auch die Anwältin des Bloggers seien diese Woche nicht vorgelassen worden. Die Mutter zeigte sich überzeugt, dass der Machtapparat Druck auf Familie, Freunde und Mitstreiter ausüben wolle. Zu dem Interview sagte sie, Lukaschenkos Apparat ziele auf die schmerzhaftesten Stellen. “Eine größere Qual kann man als Mutter vermutlich nicht erleiden.”

Die belarussische Justiz wirft dem Blogger vor, im vergangenen Jahr zu Massenprotesten gegen Lukaschenko aufgerufen zu haben. Nach der weithin als gefälscht geltenden Präsidentenwahl vom 9. August waren teils Hunderttausende gegen den immer wieder als “letzten Diktator Europas” kritisierten Lukaschenko auf die Straße gegangen. Inzwischen gibt es kaum noch Proteste.

Von: APA/dpa/Reuters

Kommentare

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25 Kommentare auf "Belarussischer Blogger legt im Fernsehen “Geständnis” ab"


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felixklaus
felixklaus
Superredner
12 Tage 2 h

Wo snd den alle die hier immer schreien diktatur und sklsverei wo wir hier wohnen , da seht ihr was eine diktatur ist ! Dort würdet ihr das nur einmal ins portal oder face book schreiben und weg seit ihr

luis p
luis p
Tratscher
11 Tage 23 h

genau so ist es

ahiga
ahiga
Superredner
11 Tage 6 h

@ felix..
was ist das denn für eine aussage? sollen wir uns hier einfach alles gefallen lassen, weil es auf der welt orte gibt, in denen es noch schlimmer wäre?
gefallen lassen von wem?
politiker? gehts noch? genau das ist in einem freien land eben nicht mehr angesagt. .
Wenn ein politiker, oder machthaber, wie sich dieser selbstverliebte nennt, zu rappeln beginnt, gehört der weg…sofort!

Zugspitze947
12 Tage 4 h

Dem Gefangenen kann man nur Kraft wünschen und hoffen dass er die Torturen überlebt 🙁

NooName
NooName
Grünschnabel
11 Tage 7 h

kann sich einer der minusdrücker hier mal dazu äußern, da ich nicht ganz verstehe wieso hier minus gedrückt wird?

ohma
ohma
Grünschnabel
11 Tage 4 h

@Noo
Frag Zug mal, was er von Assange haltet und vergleiche das mal mit seiner Sorge um diesen ‘Anti-Kommunisten’…

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
12 Tage 4 h

Wahrscheinlich gibt der arme Kerl demnächst noch zu, mit dem Besen über den Brocken geflogen zu sein.

Doolin
Doolin
Universalgelehrter
12 Tage 3 h

…wie bei Hexenprozessen im Mittelalter…er wird zugeben, aus Liebe zu Lukaschenko mit ihm Sex gehabt zu haben…
🤪

Karl
Karl
Universalgelehrter
11 Tage 23 h

Mit einer solchen Regierung darf man über nichts verhandeln und jegliches Geschäft mit ihnen ablehnen. Was ist eigentlich aus der UNO und deren Menschenrechtstribunal geworden. Schaft diesen Geld verschlingenden Bürokratenhaufen endlich ab . Diese Organisation ist gleich nutzlos wie ein Kropf.

Zugspitze947
11 Tage 22 h

Karl: Leider hat man Lukaschenko nicht da wo man ihn verhaften könnte……. Das UN TRibunal ist gar nicht so schlecht wenn auch manchmal etwas langsam 🙂

andr
andr
Universalgelehrter
11 Tage 22 h

Jemand muss doch über Menschenrechte reden und wenn es nur reden ist

inni
inni
Superredner
11 Tage 19 h

Einfach zum Schaudern die Vorstellung, Gleiches erleiden zu müssen in der eigenen Heimat … 😱 😱 😱. 
Ich weiß, jetzt werden sicher wieder die üblichen reaktionären Patrioten hier im Forum ihre Stimme erheben, mit dem Hinweis, dass in den 60-iger Jahren den Freiheitskämpfern aus unseren Reihen Ähnliches widerfahren ist, im gehassten Stiefelstaat Italien.

NooName
NooName
Grünschnabel
11 Tage 19 h

Überall wo man hinschaut nur Diktaturen, es kann leicht passieren das die Welt wieder dorthin zurückrutscht, sehr Schade. Aber das liegt wohl in der menschlichen Natur

inni
inni
Superredner
11 Tage 13 h

Viele Politiker der Vergangenheit und auch der Gegenwart haben durch ihr Tun- oder aber auch durch ihr Nicht-Tun das mittlerweile kaum mehr vorhandene Ansehen und den kaum noch gegebenen Respekt gegenüber der gesamten Politikerschaft zu verschulden.

Hollywood
Hollywood
Grünschnabel
11 Tage 6 h

So ist es. Ist bei uns in der EU haargenau gleich. Folter und Mobbing wird von höchster Staatsebene bis in die niedrigste Beamtenstufe praktiziert. Da gibt es keinen Unterschied zur Ukraine mehr.

Hupsstupspups
Hupsstupspups
Tratscher
11 Tage 16 h

Die USA haben mit Snowden das gleiche gemacht!! Er war aber nicht an Bord!! Er würde sehr lange weggesperrt werden weil er die Wahrheit gesagt hat!! Siehe Julian Assange!!!

quilombo
quilombo
Tratscher
11 Tage 15 h

ja. Auch Israel hat das schon gemacht, und andere Länder auch. Im Jahr 2016 hat die Ukraine ein Passagierflugzeug mit Jagdbombern nahe der Grenze gezwungen umzukehren und in Kiew zu landen. An Bord war ein armenischer Journalist, welcher sich kritisch über den Maidan-Protest geäußert hatte. Er wurde aus dem Flugzeug geholt und verhaftet.
Aber damals hat niemand so geschrieen wie jetzt, von Sanktionen gegen die Ukraine keine Rede.

ohma
ohma
Grünschnabel
11 Tage 4 h

Noch ein Fall, der Erwähnung finden sollte, Alex Saab…
https://www.youtube.com/watch?v=Sz3AZcdSs88

pingoballino1955
11 Tage 7 h

Lukaschenko gehört vor das internationale Krigesverbrechertribunal,das ist nämlich “KRIEG”😡

quilombo
quilombo
Tratscher
10 Tage 22 h

nicht Lukashenko, sondern alle die den Krieg nach Weißrußland bringen wollen.

quilombo
quilombo
Tratscher
11 Tage 6 h

statt die üblichen Nato-Slogans nachzuplappern, – Diktatur und bla bla bla, warum schauen wir nicht wer Roman Protassewitsch ist, nämlich ein Verbrecher der Menschenleben auf dem Gewissen hat. Warum erinnern wir uns nicht auf den Fall, als die Ukraine ein Passagierflugzeug zum landen zwang, um einen armenischen Journalisten herauszuholen? Oder als das Flugzeug mit Evo Morales zum Landen gebracht wurde, um Edward Snowden zu holen? Oder wenn Israel Flugzeuge zum Landen zwingt, haben wir dann gerade Schweigeminute?

ahiga
ahiga
Superredner
11 Tage 6 h

@quilombo
wieso hat der menschenleben auf dem gewissen,,wieso verbrecher?
sorry, für die frage, aber ich hab davon nix gehört?
jedenfalls ist es einer, der eier in der hose hat..das ist sicher

quilombo
quilombo
Tratscher
10 Tage 22 h
@ahiga, daß man davon nichts hört, wundert mich nicht. Roman Protassewitsch hat als Söldner in der Ostukraine im berüchtigten Asow-Battaillon gedient. Eine paramilitärische Organisation, bekannt durch ihren Rechtsradikalismus. Sie führt im Wappen das Hakenkreuz und die Mitglieder singen Nazilieder. Diese Bande hat überall in der Ostukraine Bombenanschläge verübt und jagte prorussische Separatisten und ihre Familien. “Blut und Ehre” heißt ihr Schlachtruf. Sie war auch beteiligt, als in Odessa am 2.5.2014 das Gewerkschaftshaus angezündet wurde und 42 Menschen starben. Protassewitsch hat später in Polen eine ähnliche Organisation gegründet, welche solche Attentate auch in Weißrußland ausüben sollte. Erste kleinere Anschläge hat es… Weiterlesen »
Sag mal
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Kinig
11 Tage 6 h

das aufgeschwollene Gesicht lässt Folterungen😬 vermuten(imVergleich zu älteren Photos).

quilombo
quilombo
Tratscher
10 Tage 22 h

wo siehst du ein aufgeschwollenes Gesicht?

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