US-Geheimdienste beschuldigen den Kronprinzen

Biden verschärft Kurs gegen Riad – Kronprinz unbehelligt

Samstag, 27. Februar 2021 | 15:26 Uhr

Der neue US-Präsident Joe Biden hat den Kurs gegenüber Saudi-Arabien drastisch verschärft und damit eine Abkehr von der Politik seines Vorgängers Donald Trump vollzogen. Im Zusammenhang mit dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im Oktober 2018 verkündete die Biden-Regierung am Freitag (Ortszeit) Sanktionen, von denen Kronprinz Mohammed bin Salman aber verschont blieb.

Kurz zuvor hatte das Büro der US-Geheimdienstkoordinatorin Avril Haines einen bisher unter Verschluss gehaltenen Bericht zu dem Fall veröffentlicht. Aus ihm geht hervor, dass der Kronprinz nach Einschätzung der US-Geheimdienste die Operation zur Gefangennahme oder Tötung Khashoggis im saudischen Konsulat in Istanbul genehmigt hatte.

Das saudische Außenministerium wies den Bericht umgehend als “falsch” und “inakzeptabel” zurück. Er enthalte “fehlerhafte Informationen und Schlussfolgerungen” zur saudischen Führung, teilte das Ministerium mit. Das “schreckliche Verbrechen” stelle einen eklatanten Verstoß gegen saudisches Recht dar. Diejenigen, die es begangen hätten, seien verurteilt worden. Das Königreich lehne Maßnahmen ab, die seine Souveränität und die Unabhängigkeit seiner Justiz verletzten.

Khashoggi war am 2. Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul von einem Spezialkommando aus Riad getötet worden. Von seinem Leichnam fehlt bis heute jede Spur. Khashoggi lebte im US-Bundesstaat Virginia und schrieb Kolumnen für die “Washington Post”, die oft Kritik an der saudischen Monarchie enthielten.

Die Führung des islamisch-konservativen Königreichs war nach dem Verschwinden Khashoggis scharfer Kritik ausgesetzt. Sie räumte den Mord erst auf internationalen Druck hin ein. Die Spuren führten bis in das engste Umfeld des Kronprinzen, der aber bestritt, die Tötung selbst angeordnet zu haben.

Ein saudisches Gericht hatte im Herbst fünf Angeklagte zu 20 Jahren Haft verurteilt und damit eine zuvor verhängte Todesstrafe gegen die Beschuldigten aufgehoben. In dem US-Bericht werden neben dem Kronprinzen 21 Personen im Zusammenhang mit der Operation aufgeführt.

Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Berichts kündigte US-Außenminister Antony Blinken am Freitag Einreisebeschränkungen gegen 76 Bürger Saudi-Arabiens an. Das US-Finanzministerium setzte zugleich den früheren saudischen Vize-Geheimdienstchef Ahmed al-Asiri und eine Eliteeinheit zum Schutz des Kronprinzen auf die Sanktionsliste.

Für Kritik sorgte, dass die US-Regierung keine Strafmaßnahmen gegen den Kronprinzen selbst verkündete, obwohl der Demokrat Biden das im Wahlkampf in Aussicht gestellt hatte. Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im US-Repräsentantenhaus, der Demokrat Adam Schiff, forderte auf Twitter weitergehende Maßnahmen. “Die Biden-Regierung sollte sicherstellen, dass die Konsequenzen für den brutalen Mord an Khashoggi nicht nur diejenigen treffen, die ihn ausgeführt haben, sondern auch denjenigen, der ihn angeordnet hat”, schrieb er. “Der Kronprinz hat Blut an den Händen.”

Die “Washington Post” forderte, gegen Bin Salman müsse eine Einreisesperre verhängt werden, etwaiger Besitz in den USA müsse eingefroren werden. “Mohammed bin Salman ist des Mordes schuldig. Biden sollte ihm das nicht durchgehen lassen.” Die “New York Times” kommentierte, Biden scheine bereit dazu zu sein, “den Mörder laufen zu lassen”. Das sei “Betrug” an Khashoggi. Unter Berufung auf Regierungskreise schrieb die Zeitung, Biden sei der diplomatische Preis für eine Bestrafung des Kronprinzen zu hoch gewesen.

Der Sender CNN berichtete unter Berufung auf Regierungskreise, Sanktionen gegen den Kronprinzen seien keine Option gewesen, weil sie US-Militärinteressen hätten gefährden können. Saudi-Arabien ist traditionell ein enger Verbündeter der USA.

Außenminister Blinken verteidigte das Vorgehen der Regierung. “Die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, zielten also nicht darauf ab, die Beziehung abzubrechen, sondern darauf, sie neu zu kalibrieren, um sie besser mit unseren Interessen und Werten in Einklang zu bringen”, sagte er bei einer Pressekonferenz.

Blinken verkündete am Freitag eine Visa-Neuregelung mit dem Namen “Khashoggi-Verbot”. Sie erlaube es seinem Ministerium, Visabeschränkungen gegen Personen zu verhängen, die im Auftrag ausländischer Regierung an Aktivitäten gegen Dissidenten außerhalb ihres Landes beteiligt seien, teilte er mit. “Extraterritoriale Drohungen und Übergriffe Saudi-Arabiens gegen Aktivisten, Dissidenten und Journalisten” würden von den USA nicht toleriert werden.

Die EU nahm nach Angaben eines Sprechers des Außenbeauftragten Josep Borrell den Bericht sowie die Reaktion Saudi-Arabiens zur Kenntnis. Die EU habe immer wieder zur Rechenschaftsziehung und zur Umsetzung von Maßnahmen in den saudi-arabischen Sicherheits- und Geheimdienstorganisationen aufgerufen, damit ähnliche Verbrechen nicht wieder passieren. Die EU wiederhole bei dieser Gelegenheit ihr eindeutiges Bekenntnis zur Pressefreiheit und zum Schutz von Journalisten.

Biden-Vorgänger Trump hatte mit Riad Waffengeschäfte in Milliardenhöhe abgeschlossen. Der Republikaner war mit einer eher laxen Haltung mit Blick auf die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien ein wichtiger Verbündeter des Kronprinzen. Washington verhängte im Zusammenhang mit dem Mord an dem Journalisten zwar Sanktionen gegen mehr als ein Dutzend ehemalige saudische Regierungsmitarbeiter. Trump hielt aber an seiner Unterstützung für das Königshaus in Riad fest.

Die Regierung des Demokraten Biden hat deutlich gemacht, dass sie das Verhältnis zu Saudi-Arabien neu ausrichten werde. Biden hatte bereits im Wahlkampf einen härteren Kurs gegenüber Saudi-Arabien versprochen. Bei einer TV-Debatte im November 2019 hatte er die Frage bejaht, ob er als Präsident führende saudische Politiker wegen des Mordes an Khashoggi bestrafen werde. Biden hatte damals auch gesagt, er glaube, dass Khashoggi auf Befehl des Kronprinzen getötet worden sei.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen hofft auf eine konkrete Verfolgung der Verantwortlichen. Der US-Bericht unterstreiche, “wie wichtig eine unabhängige und rechtsstaatliche Aufklärung dieses unfassbar brutalen Mords ist. Die Verantwortlichen müssen bestraft werden”, sagte Geschäftsführer Christian Mihr am Samstag laut Mitteilung.

Von: APA/dpa

Kommentare

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13 Kommentare auf "Biden verschärft Kurs gegen Riad – Kronprinz unbehelligt"


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quilombo
quilombo
Tratscher
1 Monat 17 Tage
der saudi-arabische Prinz gibt einen Mord in Auftrag. Wo sind die Sanktionen von Europa? In Spanien sitzen katalanische Politiker im Gefängnis, weil sie für ihre Region die Selbstbestimmung forderten. Sanktionen? Fehlanzeige. In England sitzt ein Journalist unter brutalsten Bedingungen, weil er Kriegsverbrechen aufgedeckt hat. Die Verbrecher sind frei, aber kein Journalist kümmert sich um Julian Assange, obwohl es um das Recht der unabhängigen Berichterstattung aller geht. Im Weißem Haus in Washington streicht jeden Dienstag der Präsident auf der “Killing-list” die Namen der Personen an, welche durch Drohnen “ausgelöscht” werden sollen. Z.B. General Suleimani, der am meisten gegen Isis und al-Qaida… Weiterlesen »
Supergscheider
Supergscheider
Superredner
1 Monat 17 Tage

quilombo@ Danke ,besser kann man es nicht formulieren.
Ach ja beinahe vergessen ,die EU hat doch erst kürzlich Russland Sanktionen wegen Nawalny auferlegt,die werden jetzt sicher auch für die Saudis kommen,oder?

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
1 Monat 17 Tage

@Supergescheider
Alles wird gut. Die Saudis kaufen ein paar Panzer und Schwamm drüber.

Supergscheider
Supergscheider
Superredner
1 Monat 17 Tage

Hustinettenbär@ Also pro Waffensystem, eine bestimmte Abschussquotte?

primetime
primetime
Universalgelehrter
1 Monat 17 Tage

Von den Saudis kommt das Öl – wenn die EU diese sanktioniert schnellen die Benzinpreise nach oben, die Öllieferung nach unten. Das ist leider eine wirschaftlich geknüpfte Entscheidung

sixtus
sixtus
Grünschnabel
1 Monat 17 Tage

Um so näher man an der Spitze der Pyramide steht um so weniger passiert einem. Sollte der Prinz davon gewusst haben ist er als Entscheidungsträger nicht nur mitverantwortlich sondern auch der Auftraggeber. Vor dem Gesetz ist folglich nicht jeder gleich. Es hängt davon ab wo man sich befindet: Spitze oder Sockel.

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
1 Monat 17 Tage

Ja. Überspitzt formuliert: Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte.

rapunzel191
rapunzel191
Tratscher
1 Monat 17 Tage

Trump mag zwar vieleicht nicht der größte Diplomat gewesen sein, aber Kriegstereiber war er keiner. Da wird sich unter Binden ändern

Peerion
Peerion
Tratscher
1 Monat 17 Tage

Wenn das KSA bis 2022 keine belastbaren Ergebnisse zum Fall J. Khashoggi geliefert hat, dann erwartet der “Westen” bis spätestens 2028 Aufklärung. Wenn nicht, wird der “Westen” ab 2050 kein Öl mehr von KSA kaufen… aber nur, weil es dann keines mehr gibt.

brunner
brunner
Universalgelehrter
1 Monat 16 Tage

Kriegstreiber Biden…..und fleißig über Trump wettern…

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
1 Monat 16 Tage

@brunnerI
Das Buch der Nichte von Herrn Trump ist da recht interessant. Fazit: Donald sei ein reich verwahrlostes Kind mit Gefallsucht für (“väterliche”) Autoritäten. Er drückte sich vor Konflikten mit Russland, China, Nordkorea, Syrien … und hinterließ Chaos. Ob Herr Biden Kriege führt (oder wegen des Trumpismus führen muss), wird sich zeigen.

Teto
Tratscher
1 Monat 16 Tage

@Husti
“Donald sei ein reich verwahrlostes Kind mit Gefallsucht für (“väterliche”) Autoritäten. Er drückte sich vor Konflikten mit Russland, China, Nordkorea, Syrien … und hinterließ Chaos.”

Damit ist dann wohl die gesamte Außenpolitik der USA unter Trump erklärt…

LOL.
Du hast doch in deinen vorigen Posts hier keinen Schmarrn erzählt, warum jetzt?

Trina1
Trina1
Universalgelehrter
1 Monat 16 Tage

De Ölscheichs schaug man gscheider lai auf die Fotos un!

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