Der frühere Premierminister ist in Sorge um Großbrtainnien

Blair warnt: “Populistische Kraft kann an die Macht kommen”

Samstag, 25. Juni 2016 | 14:15 Uhr

Der frühere britische Premierminister Tony Blair warnt nach dem EU-Referendum in Großbritannien vor der Gefahr, dass in seinem Land eine populistische Kraft an die Macht kommen könnte. “Für uns beginnt eine Ära der Angst und der Unberechenbarkeit. Man muss nach Wegen suchen, um das Schlimmste abzuwenden”, so Blair im Interview mit der römischen Tageszeitung “La Repubblica” am Samstag.

“Wenn man aber einen derart destabilisierenden Beschluss ergreift, kann man Instabilität nur schwer vermeiden. Ich sehe im Moment keinen Weg, um Großbritanniens EU-Austritt zu verhindern”, klagte Blair. Das Ergebnis des Brexit-Referendums sei mit der Sorge um die Flüchtlingsproblematik zu erklären, mit der der ganze Westen konfrontiert sei. “Die Mitte-Links-Kräfte in ganz Europa müssen eine Lösung für die Einwanderung finden, ansonsten werden die Populisten überwiegen”, so Blair.

“Ich glaube nicht, dass es uns besser gehen würde, wenn Einwanderer nicht mehr nach Großbritannien kämen. Alle Studien beweisen das Gegenteil. Sie bringen mehr Geld als sie aus öffentlichen Mitteln erhalten. Das ist aber den Wählern ungenügend erklärt worden”, sagte Blair. Eine Lösung für die Flüchtlingsproblematik sei laut Blair dringend notwendig.

Auch vor der Gefahr von Spaltungen Großbritanniens warnte der 63-Jährige. “Großbritanniens EU-Austritt ändert die Situation vollkommen. Sie gibt den Schotten ein entscheidendes Argument, über das sie bei ihrem Unabhängigkeitsreferendums vor zwei Jahren nicht verfügten”, so Blair.

In Griechenland kommt indes die Befürchtung auf, das Nein der Briten zur EU könnte die Diskussion über einen “Grexit” neu entfachen. Auslöser der Debatte über einen möglichen Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone in den Medien des Landes am Samstag waren Äußerungen eines griechischen Ministers in der englischen Zeitung “The Guardian” (Freitag).

Der Politiker, der anonym bleiben wollte, soll dem Bericht zufolge gesagt haben, die Wahrscheinlichkeit eines “Grexits” sei nun höher. Griechenlands Vize-Außenminister Dimitris Mardas wiegelte umgehend ab. “Es gibt nicht den kleinsten Zusammenhang zwischen Brexit und Grexit”, sagte er am Samstagmorgen im Fernsehsender Skai.

Zusätzliche Sorge bereitet den Griechen der Brexit im Hinblick auf den Tourismus; bei einem schwachen Pfund könnten die vielen Briten ausbleiben, die das Land Jahr für Jahr besuchen. Sie seien die zweitgrößte Besuchergruppe und hätten in Griechenland in den vergangenen zehn Jahren mehr als 16 Milliarden Euro ausgegeben, berichtete Skai. Auch hier versuchte Madas zu beruhigen: Man erwarte keinen Schock durch den Brexit. Auch zuvor habe es Schwankungen beim Kurs des Pfundes gegeben.

Die rechtsextreme slowakische Volkspartei-Unsere Slowakei (LS-NS) kündigte indes ein Bürgerbegehren für ein Referendum zum EU-Verbleib an. “Die Bürger von Großbritannien haben sich entschieden, das Diktat aus Brüssel zurückzuweisen. Es ist höchste Zeit, dass die Slowakei die sinkende europäische ‘Titanic’ ebenso verlässt”, heißt es am Samstag auf der Internetseite der Partei. Nach slowakischen Recht kann eine Volksabstimmung durchgesetzt werden, wenn dies 350.000 Wahlberechtigte in dem Land mit 5,4 Millionen Einwohnern fordern.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete den Brexit als “Beginn einer neuen Ära”. “Wie die ganze Welt hatten wir ein Ja-Ergebnis in dem Referendum erwartet, doch es kam anders”, sagte Erdogan bei einem Abendessen zum Fastenbrechen am Freitag.

Er warnte, weitere Austritte seien “unvermeidbar”, sollte die EU nicht ihre Politik gegenüber Migranten, Rassismus und Islamfeindlichkeit ändern. Mit Blick auf die Beitrittsgespräche seines Landes mit der EU sagte Erdogan, das Problem sei “nicht die Türkei, sondern die EU selbst”. Er warf den EU-Staaten “Islamfeindlichkeit” vor. Dies sei der Grund, warum sie der Türkei einen Beitritt verweigerten.

Von: apa