Bolsonaro äußerte sich wiederholt abfällig über Minderheiten

Brasilianer wählen neuen Präsidenten

Sonntag, 07. Oktober 2018 | 23:37 Uhr

Millionen Brasilianer haben inmitten einer von Korruptionsskandalen, wachsender Gewalt und schlechten Wirtschaftsdaten ausgelösten Krise einen neuen Präsidenten gewählt. Favorit bei der Wahl im fünftgrößten Land der Welt war am Sonntag der rechtspopulistische Kandidat Jair Bolsonaro. Auf ihn folgte in letzten Umfragen Fernando Haddad, der für die linke Arbeiterpartei ins Rennen geht.

Sollte kein Bewerber in der ersten Runde die absolute Mehrheit erzielen, treffen die beiden stärksten Kandidaten in der Stichwahl am 28. Oktober wieder aufeinander. Erste Ergebnisse der Wahl werden um 22 Uhr Ortszeit (3:00 Uhr MESZ) erwartet.

Der Ex-Militär Bolsonaro spricht öfter abfällig über Minderheiten und lobt die Militärdiktatur (1964-1985). Angesichts der ausufernden Kriminalität kommen die Forderungen Bolsonaros, de gerne mit dem US-Präsidenten Donald Trump verglichen wird, nach einer Politik der harten Hand bei vielen Wählern gut an. Sao Paulos früherer Bürgermeister Haddad warf seinen Hut in den Ring, nachdem ein Gericht dem wegen Korruption inhaftierten Ex-Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva die Kandidatur untersagte.

Bolsonaro glaubt an einen direkten Sieg im ersten Wahlgang. “Am 28. Oktober gehe ich an den Strand”, verkündete er am Sonntag. Haddad hingegen setzt auf eine Stichwahl. “Das ist gut für Brasilien”, sagte er. “Es gibt uns mehr Zeit, die unterschiedlichen Projekte zu vergleichen.”

Neben dem Staatschef wählten die Brasilianer am Sonntag auch die 513 Abgeordneten des Parlaments, 53 Senatoren sowie die Gouverneure der 27 Bundesstaaten und des Hauptstadtbezirks. Während des Wahltages wurden 134 Menschen wegen mutmaßlichen Stimmenkaufs oder illegalem Transport von Wählern festgenommen, wie das Nachrichtenportal Globo unter Berufung auf die Polizei berichtete.

Während Brasilien mit seinen rund 210 Millionen Einwohnern vor einigen Jahren noch als aufstrebende Regionalmacht galt, ist das Land heute ein Sorgenkind. Durch die jüngsten Korruptionsskandale ist fast die gesamte politische Klasse diskreditiert. Nach einer schweren Rezession erholt sich die Wirtschaft nur langsam. Und die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter.

“Er wird den Banditen geben, was sie verdienen: Kugeln”, sagte Cassio Freire, der mit Dutzenden anderen Anhängern von Bolsonaro zu dessen Haus in Rio de Janeiro gekommen war. “Er ist ein ehrlicher Typ.”

Das Land ist tief gespalten. Fast religiös ist die Verehrung vieler armer Brasilianer für Ex-Präsident Lula und seine Arbeiterpartei (PT), die sie mit milliardenschweren Sozialprogrammen aus der bittersten Armut geholt haben. In der Mittel- und Oberschicht hingegen herrscht tiefes Misstrauen gegen die Linken, die sich in den Boomjahren selbst die Taschen füllten.

“Ich habe Haddad gewählt”, sagte der 20-jährige Rafael de Jesus nach seiner ersten Wahl in Sao Paulo. “Nicht, dass ich ihn gut finde, aber er ist der am wenigsten Schlechte.” Der 65-jährige Luiz de Tuliano hingegen hat für Bolsonaro gestimmt: “Er ist sehr umstritten, aber es muss sich etwas ändern. Es gibt hier viel Korruption. Und wenn er daran nichts ändert, dann wählen wie ihn eben wieder ab.”

Von: APA/dpa