Wahlsieger Lula

Brasilien-Wahl: Bolsonaro taucht ab – Lula besorgt

Montag, 31. Oktober 2022 | 21:06 Uhr

Nach dem hauchdünnen Sieg des ehemaligen Staatschefs Luiz Inácio Lula da Silva bei der Präsidentenwahl stehen Brasilien ungewisse Zeiten bevor. Auch am Morgen nach der Wahl hüllte sich der unterlegene rechte Amtsinhaber Jair Bolsonaro am Montag in Schweigen, ob er seine Niederlage akzeptiert. “Ich würde mich gerne nur freuen, aber ich bin teilweise besorgt”, sagte Lula. “Ich muss wissen, ob der Präsident, den wir besiegt haben, einen friedlichen Übergang erlaubt.”

Bei der Stichwahl am Sonntag hatte Lula 50,9 Prozent der Stimmen erhalten, Bolsonaro kam nach Angaben des Wahlamtes auf 49,1 Prozent. Verbündete hätten versucht, in der Wahlnacht mit ihm zu sprechen, aber er sei schlafen gegangen, berichtete das brasilianische Nachrichtenportal G1. Überprüfen ließen sich die Angaben zunächst nicht.

Bolsonaro hatte zuvor schon mehrfach Zweifel am Wahlsystem gestreut und angedeutet, das Ergebnis möglicherweise nicht zu akzeptieren. Seit der Lockerung der Waffengesetze in seiner Amtszeit haben viele seiner Unterstützer aufgerüstet. Erst am Samstag verfolgte eine Abgeordnete von Bolsonaros Liberaler Partei (PL) einen Mann nach einem Streit mit vorgehaltener Waffe. Bereits vor der Entscheidung war befürchtet worden, dass es bei einem knappen Ausgang zu Gewalt kommen könnte.

Während Anhänger der linken Arbeiterpartei (PT) den Sieg feierten, gab es auch Proteste von Bolsonaro-Unterstützern. Lastwagenfahrer steckten Reifen in Brand und blockierten Fernstraßen. In der Stadt Belo Horizonte wurde ein Lula-Anhänger bei einer Feier in einem Lokal erschossen. Dort hatten sowohl Anhänger Lulas als auch Bolsonaros die Stimmauszählung verfolgt. Offen blieb zunächst, ob die Tat einen politischen Hintergrund hatte.

Lula kündigte an, das extrem gespaltene Land versöhnen zu wollen. “Ich werde für 215 Millionen Brasilianer regieren”, sagte der 77-Jährige. “Es gibt keine zwei Brasilien, nur ein Volk.” Nun sei der Moment gekommen, den Frieden wieder herzustellen. Der frühere Gewerkschafter hatte Brasilien bereits von Anfang 2003 bis Ende 2010 regiert. Er ist der erste demokratisch gewählte Präsident Brasiliens, der in eine dritte Amtszeit geht. “Das ist nicht nur mein Sieg, sondern der Sieg aller, die die Demokratie lieben”, sagte Lula vor seinen Anhängern in der Millionenmetropole São Paulo.

Auch wenn Bolsonaro abgewählt wurde, seine Gefolgsleute haben sich in der brasilianischen Politik festgesetzt. Dem Ex-Militär war es gelungen, die zersplitterte Rechte zu einen und sich als Verteidiger traditioneller Familienwerte und als Bollwerk gegen den angeblich drohenden Kommunismus zu präsentieren. Die Abgeordneten seiner Liberalen Partei (PL) stellen nun im Kongress die stärkste Fraktion.

Lulas Rückkehr an die Macht ist dennoch eine erstaunliche Wendung. “Sie haben versucht, mich lebendig zu begraben, aber ich bin hier”, sagte er. Wegen Korruption und Geldwäsche war Lula 2018 zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden. Er verbrachte 580 Tage im Gefängnis. Im vergangenen Jahr hob ein Richter am Obersten Gerichtshof das Urteil aus formalen Gründen wieder auf. Lula erhielt seine politischen Rechte zurück und kehrte auch wieder auf die politische Bühne zurück.

Die Wahl in der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas hat auch international enorme Bedeutung. Als riesiger Kohlenstoffspeicher spielt das Amazonasgebiet im Kampf gegen den weltweiten Klimawandel eine wichtige Rolle. Zudem ist Brasilien mit seinen natürlichen Ressourcen, dem hohen Anteil an grüner Energie und der großen Agrarwirtschaft ein potenziell wichtiger Handelspartner. Durch seine Blockade beim Klimaschutz und seine eigenwillige Corona-Politik hatte Bolsonaro Brasilien auf der Weltbühne zuletzt isoliert. “Brasilien ist zurück. Es ist zu groß, um ein internationaler Paria zu sein”, sagte Lula nun.

Viele Anhänger verbinden mit dem früheren Gewerkschaftsführer die goldenen Zeiten Brasiliens, als die Wirtschaft aufgrund hoher Rohstoffpreise boomte und die Regierung mit Hilfe von Sozialprogrammen Millionen Menschen aus der bittersten Armut holte. Allerdings ist die Ausgangslage heute eine andere. Sowohl auf dem internationalen Parkett als auch daheim wird es Lula nach seinem Amtsantritt Anfang kommenden Jahres mit neuen Rahmenbedingungen zu tun haben. “Ich bin zuversichtlich, dass wir einen Weg finden werden, damit dieses Land wieder harmonisch leben kann”, sagte Lula.

Zwar äußerte sich Bolsonaro vorerst nicht zu dem Wahlergebnis, doch erkannten zumindest mehrere seiner Verbündeten, darunter der mächtige Parlamentspräsident Artur Lira, die Niederlage des amtierenden Präsidenten an.

Der Wahlsieger erhielt zudem aus der ganzen Welt Glückwünsche. US-Präsident Joe Biden unterstrich auf Twitter, er gratuliere Lula “zu seiner Wahl zum nächsten Präsidenten von Brasilien nach freien, fairen und glaubwürdigen Wahlen”. Bidens Vorgänger Donald Trump hatte nach dessen Wahlsieg ohne Belege von Betrug gesprochen und damit einen Sturm von Hunderten seiner Anhänger auf das US-Kapitol in Washington ausgelöst, bei dem am 6. Jänner 2021 fünf Menschen starben.

“Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen bei der Bewältigung drängender globaler Herausforderungen, von der Ernährungssicherheit über den Handel bis hin zum Klimawandel”, schrieb EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen ihrerseits am Montag auf Twitter. Ratspräsident Charles Michel nannte als Bereiche der Zusammenarbeit Frieden und Stabilität, Wohlstand sowie den Klimawandel.

Auch Russlands Präsident Wladimir Putin begrüßte den Wahlsieg. “Die Ergebnisse der Abstimmung haben Ihre hohe politische Autorität bestätigt”, schrieb Putin nach Angaben des Kremls vom Montag. “Ich setze darauf, dass wir mit gemeinsamen Anstrengungen die weitere Entwicklung der konstruktiven russisch-brasilianischen Zusammenarbeit in alle Richtungen sichern.” Brasilien und Russland arbeiten auch in der BRICS-Gruppe (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) zusammen.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) gratulierten Lula ebenfalls. “Das ist eine Chance, um unsere wertvollsten Regenwälder zu schützen und für ernsthaften Klimaschutz. Nicht nur für Brasilien, sondern in der ganzen Welt. Ich freue mich auf eine fruchtbare Zusammenarbeit”, schrieb Van der Bellen am Montag auf Twitter. Nehammer ließ ebenfalls über Twitter wissen: “Ich freue mich auf die gemeinsame Arbeit an globalen Herausforderungen und die Stärkung der bilateralen Beziehungen zwischen Österreich und Brasilien.”

Auch der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz begrüßte Lulas Wahlsieg mit den Worten, er freue sich auf eine “enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit” insbesondere in Fragen von Handel und Klimaschutz. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb in einem Glückwunschschreiben an den Linkspolitiker: “Seien es ökonomische Krisen, die Gestaltung unserer Energieversorgung oder die Transformation in eine nachhaltige Wirtschaftsweise: Deutschland steht bereit, die strategische Partnerschaft zwischen unseren Ländern zum Wohle unserer beiden Gesellschaften und der Zukunft unseres Planeten mit Leben zu füllen.”

Der französische Präsident Emmanuel Macron schrieb auf Twitter: “Es wird ein neues Kapitel in der Geschichte Brasiliens aufgeschlagen.” Man wolle das Band der Freundschaft erneuern. Macron war in den vergangenen Jahren mit Bolsonaro vor allem in der internationalen Umweltpolitik heftig aneinandergeraten.

Der britische Premierminister Rishi Sunak drückte seine Vorfreude darauf aus, “bei Themen, die für Großbritannien und Brasilien wichtig sind, zusammenzuarbeiten”. Das reiche vom Wachstum der Weltwirtschaft bis zum Schutz der natürlichen Ressourcen des Planeten und der Förderung demokratischer Werte, so der Regierungschef auf Twitter.

Argentiniens Präsident Alberto Fernández besuchte Lula bereits. Die beiden Männer trafen sich in einem Hotel in São Paulo und umarmten sich, wie am Montag in einem von Fernández auf Twitter veröffentlichten Video zu sehen war. “Meine ganze Liebe, Bewunderung und Achtung, lieber Genosse”, schrieb der argentinische Staatschef.

Von: APA/dpa

Kommentare

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18 Kommentare auf "Brasilien-Wahl: Bolsonaro taucht ab – Lula besorgt"


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Doolin
Doolin
Kinig
1 Monat 3 Tage

…wenn der rechtsextreme Bolsonaro verliert, will er das Ergebnis nicht anerkennen…so was ähnliches hat man schon mal bei einem anderen Dodel gehört…
😆

Honor
Honor
Grünschnabel
1 Monat 3 Tage

ach doolinchen😄

Doolin
Doolin
Kinig
1 Monat 3 Tage

@Honor
…ach blood and honor, lieber Parlament stürmen, gelle…Faschisten ähneln sich überall…
🤪

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 2 Tage

Axh, du redest viel… Bolsonaro ist eun NoGo aber sein Kontrahent ist nicht besser. Der Unterschied liegt nur darin, der eine schützt den Regenwald , der andere nicht, das Volk rauben die beide aus.

sophie
sophie
Kinig
1 Monat 3 Tage

Lula👍👍👍👍👍🌴
Vielleicht hat dann auch der Amazonas noch eine Chance für Tiere und Klimawandel🌴🌞🌵🌿🌸🌻

sarkasmus
sarkasmus
Tratscher
1 Monat 2 Tage

War der nicht gerade vom knast entlassen worden? Hilf mir mal, wegen was ist der eingesessen?

schlauer
schlauer
Tratscher
1 Monat 1 Tag

„Sophie“ bin ganz deiner Meinung🙏
Mit Bolsonaro wären die Wahnsinns-Wald-Rodungen unvermindert weiter gegangen….

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 3 Tage

Den Teufel Bolsonaro mit dem Belzebub austreiben! Sollte Lula gewinnen, ist die Gefahr eines Bürgerkriegs hoch.
Es lebe die Demokratie, die von Bolsonaro, Trump, Putin, Orban, Le Pen, Meloni….
PS: Es gab in der Geschichte der Demokratie noch nie so viele Autokratien wie zur Zeit und es werden mehr..!
Warum wohl?

Oracle
Oracle
Universalgelehrter
1 Monat 3 Tage

… das Demokratieverständnis des Bolsonero, Trump, Orban, Putin & Co: gewinnen wir, dann wurde demokratisch abgestimmt, gewinnen die anderen, dann muss Betrug im Spiel gewesen sein…..

onassis
onassis
Superredner
1 Monat 3 Tage

Ein respektloser Machthaber dieser Bolsonaro.

Suedtirolfan
Suedtirolfan
Superredner
1 Monat 2 Tage

Gott sei Dank!
Für den Regenwald und das Weltklima ist das eine positive Nachricht. 👍🙏

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
1 Monat 2 Tage

@Suedtirolfan..wäre toll, wenn es der neue Präsident schaffen würde, das illegale Roden zu stoppen und wenn Teile der brasilianischen Regenwälder wieder aufgeforstet würden. Denn der Planet Erde braucht sie dringender den je……

Suedtirolfan
Suedtirolfan
Superredner
1 Monat 2 Tage

@Rudolfo
Ja , denn der Klimawandel ist – langfristig betrachtet – das größte Problem auf unserer Erde. 🌎

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
1 Monat 2 Tage

@Suedtirolfan…stimmt. Aber dicht auf den Fersen ist ihm die Dummheit…..

sophie
sophie
Kinig
1 Monat 3 Tage

Die Dodel gehören alle samt in einen Topf und v…..

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
1 Monat 2 Tage

Ob nun ein/e Rechte/r oder ein/e Linke/r Wahlen gewinnt, ist dem Grunde nach egal. Sind doch Beide abseits der politischen Mitte, die es in der letzten Zeit fast nirgendwo mehr geschafft hat, eine Mehrheit auf sich zu vereinigen. Darüber sollten sich nicht nur Politiker und Parteien Gedanken machen, sondern auch die Wähler…..

shanti
shanti
Tratscher
1 Monat 3 Tage

Bolsonaro 🤡🤡

DontBeALooserBeASchmuser
1 Monat 2 Tage

Wie in letzter Zeit häufig zu sehen, scheint es eine Wahl zwischen Pest und Cholera gewesen zu sein …

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