In Neuseeland regiert weiterhin Trauer um die Opfer

Christchurch-Attentäter war offenbar zweimal in Österreich

Dienstag, 19. März 2019 | 14:42 Uhr

Der rechtsextreme Attentäter von Christchurch soll im Rahmen seiner Reisen durch Europa vor einigen Monaten auch zweimal Österreich besucht haben. Auf seinem mittlerweile gelöschten Facebook-Profil finden sich laut einem Bericht des deutschen Online-Portals “t-online” Fotos von Wien, Kärnten, Salzburg und Innsbruck.

Aus dem Innenministerium hieß es laut “Standard”, es gebe “keinen Hinweis, dass der mutmaßliche Attentäter in Österreich gewesen ist”. Das Innenministerium prüfe aber, ob es Verbindungen des mutmaßlichen Attentäters Brenton Tarrant nach Österreich gibt. Das deutsche Online-Portal recherchierte in Online-Archiven. Der Facebook-Account, von dem Tarrant auch die Live-Übertragung seines Terroranschlags auf zwei Moscheen in Christchurch in Neuseeland gestartet hatte, ist mittlerweile gelöscht, genauso wie sein Instagram-Profil.

Facebook hat nach eigenen Angaben den ersten Hinweis auf das Anschlagsvideo nach 29 Minuten erhalten. Der Nutzerhinweis kam 12 Minuten nach Ende dieses Livestreams, wie Facebook am Dienstag erklärte. Das Video sei “binnen Minuten” nach einer Anfrage der neuseeländischen Polizei gelöscht worden, hieß es weiter. Damit blieb zunächst unklar, wie lange genau es online war. Livestream-Videos bleiben nach Ende einer Übertragung zum Abruf verfügbar.

Brenton T. selbst ist auf den geposteten Fotos von Orten in Österreich nicht zu sehen, weshalb es keine Bestätigung gibt, dass Tarrant die Fotos selbst gemacht hat. Allerdings haben bereits mehrere Länder bestätigt, Ziel von Tarrants Reisen gewesen zu sein, darunter die Türkei, Israel und Bulgarien. Laut dem Medienbericht folgte der australische Staatsbürger auf seiner Reise durch Europa “den Spuren der Kreuzritter” und bereiste Schauplätze mittelalterlicher Kriegsherren der Türkenkriege. Im Herbst 2018 bereiste er Bulgarien, Rumänien und Ungarn.

Die Fotos deuten darauf hin, dass er im selben Zeitraum auch zweimal in Österreich war. In Wien könnte er demnach das Heeresgeschichtliche Museum und die Nationalbibliothek besucht haben. Auf Facebook postete er laut “T-online” außerdem Fotos von Friesach in Kärnten und dem Wappensaal des Landeshauses Klagenfurt, dem Christkindlmarkt in Salzburg, aus Steyr und Innsbruck. Auch die Krimmler Wasserfälle, die höchsten Wasserfälle Österreichs, im Nationalpark Hohe Tauern besuchte Tarrant offenbar. Laut den Fotos machte der Rechtsextremist auch einen Abstecher nach Deutschland: Einige Fotos zeigen das Schloss Neuschwanstein in Bayern.

Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2016 hatte Tarrant auch Serbien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina und Kroatien bereist. Er besuchte laut Medienberichten historische Schlachtstätten, wo Gefechte gegen Muslime stattgefunden hatten. Seine Waffen und Magazine hatte der mutmaßliche Haupttäter des Terroranschlags vergangene Woche in Neuseeland mit Namen und Schriftzügen versehen. Darunter fand sich auch der Name von Ernst Rüdiger von Starhemberg. Dieser leitete die Verteidigung der Stadt Wien während der Zweiten Türkenbelagerung im Jahr 1683.

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern sagte am Dienstag, sie will den Namen des Attentäters von Christchurch niemals aussprechen. “Mit seinem Terrorakt wollte er viele Dinge erreichen, eines davon war der Bekanntheitsgrad”, sagte Ardern bei einer Parlamentssitzung, die sie mit der Friedensbotschaft an Muslime “As Salaam Alaikum” eröffnete.

“Deshalb werden Sie niemals hören, dass ich seinen Namen nenne”, so die Regierungschefin. “Er ist ein Terrorist, er ist ein Krimineller, er ist ein Extremist”, sagte Ardern. “Aber er wird, wenn ich spreche, namenlos sein”, sagte die Regierungschefin über den 28-jährigen Australier, dem vorgeworfen wird, am Freitag in zwei Moscheen in Christchurch auf Gläubige geschossen und 50 Menschen getötet zu haben.

“Ich bitte Sie: Nennen Sie die Namen derer, die ihr Leben verloren, statt des Namens des Mannes, der sie auslöschte”, sagte die schwarz gekleidete Ardern weiter. Zugleich erklärte sie, der Attentäter habe mit “der ganzen Härte des Gesetzes” zu rechnen.

Die Regierungschefin hatte nach den Anschlägen auch schärfere Waffengesetze in Aussicht gestellt. Details sollen bis kommende Woche vorgelegt werden. In Erwägung gezogen würden aber Waffen-Rückkäufe sowie ein Verbot einiger halbautomatischer Waffen.

Die Neuseeländer reagierten bereits auf Appelle der Regierung, Waffen abzugeben. Laut Polizei liegen noch keine Daten zur Zahl der seit Freitag abgegebenen Waffen vor. Die Menschen sollten sich angesichts der verschärften Sicherheitslage aber zunächst bei der Polizei melden.

Die Terrormiliz “Islamischer Staat” kündigte unterdessen Vergeltung für den Anschlag auf eine Moschee in Neuseeland an. Die “Anführer der Ungläubigen” hätten über die Opfer des “Massakers” nur Krokodilstränen vergossen, sagte IS-Sprecher Abu al-Hassan al-Muhadschir in einer am Montagabend verbreiten Audiobotschaft.

Die Tötungsszenen aus den beiden Moscheen spornten jedoch die Anhänger des IS an, ihre Religion und ihre Glaubensbrüder zu rächen. Die Echtheit der mehr als 40 Minuten langen Botschaft konnte zunächst nicht überprüft werden. Sie wurde aber über die üblichen Kanäle des IS in den sozialen Medien verbreitet.

Neuseeland hat den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wegen der Verwendung des Videos des Anschlags bei seinen Wahlkampfauftritten scharf kritisiert. Eine solche Politisierung des Massakers “gefährdet die Zukunft und die Sicherheit der neuseeländischen Bevölkerung und unserer Bürger im Ausland und ist vollkommen unfair”, sagte Außenminister Winston Peters.

Neuseeland bemüht sich darum, die Verbreitung des Videos von dem Anschlag zu unterbinden. Erdogan zeigte die Aufnahmen dagegen bei mehreren live übertragenen Wahlkampfkundgebungen am Wochenende. Er präsentierte die Tat dabei als Angriff auf den Islam und die Türkei im Besonderen, nachdem der Täter in einem Manifest wiederholt der Türkei gedroht hatte.

Die neuseeländischen Behörden haben indes die sterblichen Überreste von sechs Opfern an ihre Angehörigen übergeben. Bis Dienstag seien alle 50 Autopsien abgeschlossen worden, allerdings hätten nur zwölf Opfer “zur Zufriedenheit des Gerichtsmediziners identifiziert” werden können, teilte die Polizei am Dienstag mit. Die Verzögerung bei der Überführung der Leichname an die Familien hatte für Unmut gesorgt: Viele Hinterbliebene hätten die Toten gerne binnen 24 Stunden beigesetzt, wie es muslimischer Brauch ist.

Der angesichts geposteter Fotos aufgetauchte Verdacht, der Christchurch-Attentäter könnte Verbindungen nach Österreich gehabt haben, beschäftigt nächste Woche auch das österreichische Parlament. Ende März tagt der ständige Unterausschuss für Inneres, teilte Obmann Werner Amon (ÖVP) mit. Auch die Minister für Inneres, Verteidigung und Justiz nehmen daran teil. SPÖ und JETZT fordern eine öffentliche Erklärung des Innenministers.

“Auch wenn es sich derzeit um Gerüchte handelt, nehmen wir jede potenzielle Bedrohung unserer Sicherheit ernst”, versicherte Amon Dienstag in einer Aussendung, dass den Regierungsparteien “rasche Aufklärungsarbeit” ein wichtiges Anliegen sei. Über den Unterausschuss wird die Öffentlichkeit allerdings nicht informiert, er tagt geheim

Von: apa