Man schweigt und gedenkt der Toten

Dritter Terrorist von London-Anschlag identifiziert

Dienstag, 06. Juni 2017 | 19:06 Uhr

Die britische Polizei hat den dritten Angreifer identifiziert, der an dem Anschlag von London mit mindestens sieben Toten und Dutzenden Verletzten beteiligt war. Demnach handle es sich um den 22-jährigen Youssef Zaghba, Sohn eines marokkanischen Vaters und einer italienischen Mutter. Bei einer landesweiten Schweigeminute haben unterdessen zahlreiche Menschen in Großbritannien der Opfer gedacht.

In London versammelten sich zu Mittag Trauernde bei strömenden Regen auch an einem der Tatorte, der London Bridge. Viele Menschen legten Blumen nieder, einige weinten. Auf vielen Gebäuden wehten die Flaggen auf halbmast. Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes und der Krankenhäuser versammelten sich geschlossen vor ihren Dienststellen.

Im März 2016 war Youssef Zaghba auf dem Flughafen von Bologna aufgehalten worden, der Stadt, aus der seine Mutter stammt. Er wollte in die Türkei fliegen, um von dort Syrien zu erreichen. Zaghba war aufgefallen, weil er ohne Gepäck unterwegs war und lediglich eine Hinfahrkarte für die Türkei hatte. Von dort wollte er Syrien erreichen. In seinem Smartphone waren Videos mit IS-Propaganda entdeckt worden.

Zaghba war damals wegen internationalem Terrorismus angeklagt, aber freigesprochen worden. Seitdem stand er auf den Listen der gefährlichen Personen. Die Staatsanwaltschaft von Bologna hatte auch die Wohnung seiner Mutter durchsuchen lassen. Der Pass Zaghbas wurde beschlagnahmt. Zuletzt arbeitete er in einem Londoner Restaurant und hatte weiterhin Kontakt zu seiner Mutter in Bologna.

Unterdessen nahm die Polizei einen 27-jährigen Mann fest. Im Ostlondoner Stadtteil Barking durchsuchten Beamte zudem eine Wohnung. Weitere Details nannten die Behörden zunächst nicht.

Die mutmaßlichen Terroristen, die bei dem Attentat am Samstagabend in der Londoner Innenstadt von Polizisten erschossen worden waren, hatten ebenfalls in Barking gelebt. Zuvor hatten die Behörden sieben Frauen und fünf Männer, die ebenfalls im Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen worden waren, ohne Anklage wieder freigelassen.

Drei Tage nach dem Terroranschlag gerät die britische Polizei wegen möglicher Fehleinschätzungen unter Druck. Denn einer der Täter, der aus Pakistan stammende Brite Khuram Shazad Butt, war den Behörden und der Öffentlichkeit als radikaler Islamist und Anhänger der Terrormiliz “Islamischer Staat” bekannt.

Neben dem 27-jährigen Butt hatte die Polizei am Montag bereits den 30 Jahre alten Marokkaner Rachid Redouane als Täter genannt, der sich auch als Libyer ausgegeben habe. Butt hatte seine Gesinnung nicht verborgen und sogar in einer TV-Dokumentation mit einer IS-Fahne posiert. Großbritanniens Anti-Terror-Chef Mark Rowley teilte mit, der Mann sei damals überprüft worden. Aber die Behörden hätten keine Belege gefunden, dass er einen Anschlag plane. Daraufhin sei der in Pakistan geborenen Briten als nachrangig eingestuft worden.

Trotz seiner Verbindungen zu radikalen Islamisten arbeitete Butt von Mai bis Oktober 2016 für die Londoner U-Bahn. Die Zeitung “The Times” berichtete, Butt habe Verbindungen zu einem der Attentäter des Londoner Terroranschlags vom 7. Juli 2005, bei dem Dutzende Menschen getötet worden waren, sowie zu einem bekannten Hassprediger gehabt.

Außenminister Boris Johnson zeigte in der BBC Verständnis für kritische Fragen, “wie diese Person durch unser Netz schlüpfen konnte”. Er betonte aber, die Verantwortung für den Anschlag liege bei den Terroristen. Ähnlich äußerte sich der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan. Er warnte aber auch vor neuen Kürzungen bei der Polizei, wenn May die Wahl an diesem Donnerstag gewinnen sollte.

Butt war verheiratet und hatte zwei Kinder. Er lebte im Ostlondoner Stadtteil Barking wie auch sein Komplize Rachid Redouane. Der 30-Jährige Redouane hatte eine kleine Tochter mit einer 38-jährigen Frau, die unterschiedlichen Berichten zufolge aus Irland oder Schottland stammt. Er war der Polizei offenbar nicht bekannt.

Einer der Attentäter ist nach Angaben einer Denkfabrik zur Terrorbekämpfung schon vor knapp einem Jahr bei den Behörden gemeldet worden. Der 27-jährige Khuram Shazad Butt sei im Juli 2016 wegen eines Streits mit einem Mitglied der Quilliam Foundation zum Ende des Fastenmonats Ramadan aufgefallen, teilte die Stiftung am Dienstag in London mit.

Demnach hatte der aus Pakistan stammende Brite Butt dem Quilliam-Mitglied Usama Hasan vorgeworfen, mit Regierungsgeldern Muslime auszuspionieren. Als andere Gäste eingreifen wollten, habe es ein Handgemenge gegeben.

Mitarbeitern der Stiftung, die Butt den Behörden gemeldet hätten, sei gesagt worden, er sei “dem Geheimdienst schon bekannt”, hieß es. Der Quilliam-Chef Haras Rafiq klagte, die Behörden hätten den Bericht ernster nehmen sollen, zumal er von einer Anti-Terror-Gruppe gekommen sei. “Auch wenn die Polizei und Sicherheitskräfte gute Arbeit zu unserem Schutz geleistet haben, ist in diesem Fall klar, dass es offene Fragen gibt”, sagte Rafiq. Die Gruppe fordert seit Längerem die Ernennung eines Regierungs-Koordinators für die Extremismusbekämpfung in Großbritannien.

Die drei Terroristen hatten am Samstagabend auf der London Bridge und am nahen Borough Market mindestens sieben Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Acht Minuten nach dem ersten Notruf wurden sie am Tatort von der Polizei erschossen.

Noch immer liegen mehr als 30 Verletzte in Krankenhäusern, dabei befanden sich am Dienstag noch 15 in kritischem Zustand. Mehrere Menschen wurden noch vermisst.

Von: APA/ag.