Julian Hessenthaler hat sich nicht schuldig bekannt

Drogenprozess gegen “Ibiza-Detektiv” erneut vertagt

Mittwoch, 16. Februar 2022 | 15:26 Uhr

Der Prozess um Drogenhandel gegen den mutmaßlichen Drahtzieher des Ibiza-Videos, Julian Hessenthaler, ist am Mittwoch am Landesgericht St. Pölten erneut vertagt worden. Eine Zeugeneinvernahme per Videokonferenz konnte nicht stattfinden und ist für den nächsten Verhandlungstermin geplant. Der Angeklagte wurde ergänzend befragt, er bestreitet die Vorwürfe. Belastet wird der in U-Haft sitzende Mann von zwei Zeugen, deren bisherige Aussagen einander teilweise widersprechen.

Der Privatdetektiv soll laut Staatsanwaltschaft 2017 und 2018 insgesamt 1,25 Kilo Kokain mit einem Reinheitsgehalt von zumindest 70 Prozent nahe der niederösterreichischen Stadt Haag (Bezirk Amstetten), in Salzburg und Oberösterreich zu einem Grammpreis von 40 Euro an einen Bekannten übergeben haben. Damit soll Hessenthaler der Anklage zufolge Schulden beglichen bzw. seine triste finanzielle Situation aufgebessert haben.

Belastet wird der 41-Jährige von einem ehemaligen Geschäftspartner und dessen früherer Geliebten. Der Mann hatte angegeben, er habe ursprünglich in seinem Prozess wegen Drogenhandels in Salzburg “reinen Tisch machen” und gegen Hessenthaler aussagen wollen. Weil seine Mutter kurz vor seiner Hauptverhandlung von zwei Männern bedroht worden sei, habe er dann aber anders entschieden und den 41-Jährigen erst danach belastet. Der Mann vermutet, dass Hessenthaler hinter der berichteten Einschüchterung steckte. Das wurde bestritten.

Die Einvernahme der in Serbien lebenden Frau per Videokonferenz “konnte nicht bewerkstelligt werden”, teilte der Richter am Mittwoch mit. Das Gericht habe seit Dezember “alle Wege unternommen”, das Rechtshilfeersuchen an die serbischen Behörden zu beschleunigen. Trotz E-Mail-Urgenzen sei es aber nicht möglich gewesen, die Befragung am Mittwoch zustande zu bringen. Die Verteidiger hielten ihren Antrag auf Einvernahme der Zeugin aufrecht und waren weiterhin nicht mit der Verlesung ihrer Aussagen einverstanden, deshalb wurde der Prozess erneut vertagt.

Thema war am Mittwoch das von der Staatsanwaltschaft vermutete Motiv – finanzielle Probleme. Der Richter hinterfragte dazu den Verkauf von Firmenanteilen durch Hessenthaler. Dies stand laut dem Angeklagten in Verbindung mit einem Projekt. Geldsorgen bestritt er hingegen. In Bezug auf das Ibiza-Video sagte der Richter: “Ich habe mich sehr gescheut, dieses Thema in den Prozess einfließen zu lassen”, dennoch müsse er es nun thematisieren. Eine Nachricht legt laut dem Richter nahe, dass der Angeklagte eine Bargeldzahlung vom “Spiegel” erwartet habe. “Ich habe Geld weder erwartet noch bekommen”, betonte Hessenthaler. Er verwies diesbezüglich auch auf ein laufendes Zivilverfahren in Deutschland. “Weder der ‘Spiegel’ noch die ‘SZ’ noch sonst jemand hat für die Veröffentlichung des Videos Geld gezahlt”, hielt der Angeklagte fest.

Befragt wurde Hessenthaler auch zu Nachrichten wie “Langsam kann ich mir einen Strick und einen hohen Ast suchen” und “Ich will sterben. Diese roten Idioten kommen bezüglich Geld nicht weiter”. “Privater Profit war für mich kein Motivator”, sagte der 41-Jährige, der von schlaflosen Nächten und der Vermeidung sozialer Kontakte wegen des Ibiza-Videos berichtete: “Ich habe in Angst gelebt.” Der Angeklagte meinte weiters dazu, dass nach der Veröffentlichung der Aufnahme bekannt geworden sei, dass es Kontakt mit der SPÖ gegeben habe.

Nach Verlesungen wurde am Nachmittag ein psychiatrisches Gutachten zur weiblichen Hauptbelastungszeugin erörtert. Die Befragung in Abwesenheit des Angeklagten war an den vorangegangenen Verhandlungsterminen wegen des psychischen Zustandes der Slowakin und aufgrund von Sprachproblemen abgebrochen und mit einem Dolmetscher fortgesetzt worden. Die Frau litt laut der Sachverständigen an einer posttraumatischen Belastungsstörung und befand sich deswegen in Behandlung. Konfrontationen mit dem Angeklagten bzw. ihrem früheren Geliebten lösen der Gutachterin zufolge bei der Betroffenen Nachhallerinnerungen aus. Hessenthaler soll der Zeugin nach ihrer Aussage eine Pistole an den Kopf gehalten haben.

“Wenn sich die Person nicht im Zustand der posttraumatischen Störung befindet, ist keine Störung des Erinnerungsvermögens oder der Abrufbarkeit gegeben”, hielt die Sachverständige fest. Eine Beeinträchtigung der Erinnerungs- und Wiedergabefähigkeit als Folge des früheren Kokainkonsums der Frau wurde nicht festgestellt. Die Slowakin neige aber dazu, sprachliche Defizite zu überspielen und Suggestivfragen zu bestätigen, um für sie belastende Situationen schnell zu beenden. Alle kriminalpolizeilichen Einvernahmen waren ohne Übersetzer durchgeführt worden, wie der Richter am Mittwoch erneut erwähnte.

Der Prozess wurde für die Durchführung der ausstehenden Zeugenbefragung auf unbestimmte Zeit vertagt. Der Richter hat den serbischen Behörden den 16., 17. oder 30. März als Termine für die Videoschaltung vorgeschlagen. “Ich hoffe auf baldige Antwort”, sagte er.

Die Verteidiger haben in Bezug auf die Anklage von konstruierten und politisch motivierten Vorwürfen gesprochen. Hessenthaler brachte ins Spiel, dass der Zeuge Geld bzw. Sachleistungen in Form von Rechtsanwaltshonorar für falsche Vorwürfe gegen ihn erhalten haben soll. Das dementiert der Betroffene. Im Fall eines Schuldspruchs drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Hessenthaler soll das Video produziert haben, auf dem der damalige FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache und FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus in einer Villa auf Ibiza im Gespräch mit einer vermeintlichen Oligarchennichte zu sehen sind. Nach Veröffentlichung der Aufnahmen im Mai 2019 verloren nicht nur Strache und Gudenus ihre Jobs, sondern es kam auch zum Bruch der türkis-blauen Koalition. Eine Neuwahl war die Folge.

Von: apa