Ost-Ghouta gleicht einem Trümmerhaufen

Dutzende Tote bei Angriffen auf Damaskus und Ost-Ghouta

Dienstag, 20. März 2018 | 22:38 Uhr

Bei einem Raketeneinschlag auf einen Markt in einem östlichen Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus sind staatlichen Medien zufolge mindestens 35 Menschen getötet worden. Der Vorort liegt nahe der noch von Rebellen gehaltenen Gebiete von Ost-Ghouta, die die syrische Armee mit russischer Luftunterstützung einzunehmen versucht.

40 Menschen seien zudem verletzt worden, sagte der Direktor eines örtlichen Krankenhauses. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, “Terroristen” hätten die Rakete auf das Viertel Kashkoul abgefeuert. Die Armee hat den Rebellen wiederholt vorgeworfen, Zivilisten in der Hauptstadt unter Beschuss zu nehmen. Die Aufständischen bestreiten dies. Bei dem Angriff am Dienstag handelt es sich um einen der schwersten auf Damaskus, das von den Kräften von Präsident Bashar al-Assad kontrolliert wird. Die Hauptstadt gilt eigentlich als relativ gut gesichert.

Die Region, die vor allem von Islamisten kontrolliert wird, erlebt seit rund einem Monat die schwerste Angriffswelle seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs. Dabei wurden Menschenrechtlern zufolge fast 1.500 Zivilisten getötet. Mittlerweile haben Regierungstruppen den größten Teil von Ost-Ghouta eingenommen.

In der von Rebellen noch gehaltenen Stadt Douma (Duma) in Ost-Ghouta starben nach Angaben von Rettungskräften bei dutzenden Angriffen syrischer und russischer Kampfflugzeuge über 56 Menschen binnen 24 Stunden. Die Flugzeuge hätten Napalm und Brandbomben auf weit von der Front entfernte zivile Ziele abgeworfen, um offenbar Zivilisten in die Flucht zu treiben, berichteten Retter und Bewohner.

In Douma, der größten Stadt Ost-Ghoutas, haben zehntausende Familien aus umkämpften Gebieten und inzwischen von der syrischen Armee eroberten Städten der Enklave Schutz gesucht. Die Lage sei katastrophal, sagte der Chef des Bürgerrats von Douma, Iyad Abdel Aziz. Nahrungsmittel würden knapp, nachdem am Sonntag bei einem Luftangriff Lagerhäuser zerstört worden seien, in denen die letzte UNO-Hilfslieferung eingelagert war.

Dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) zufolge flohen in den vergangenen Tagen 45.000 Menschen aus Ost-Ghouta. “In den Auffanglagern kommen tausende Familien völlig erschöpft, hungrig, durstig und krank und praktisch ohne Hab und Gut an”, sagte UNHCR-Sprecher Andrej Mahecic. “Jeden Tag werden es mehr.” Die Auffanglager seien völlig überfüllt, vor den Toiletten seien stundenlange Wartezeiten nötig.

Unterdessen berichteten Helfer nach dem Einmarsch türkischer Truppen und ihrer Verbündeten in das Kurdengebiet Afrin im Nordwesten Syriens von einer dramatischen humanitären Lage. Besonders stark betroffen sind Kinder, Frauen und Ältere. Tausende seien in den vergangenen Tagen “verzweifelt und in Panik” aus Afrin geflohen, twitterte der Regionaldirektor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Robert Mardini, am Dienstag. Sie hätten keine Unterkunft sowie kaum Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung. Die UNO meldete, rund 100.000 Menschen seien in der Region bereits seit längerem auf der Flucht. Bis zu 50.000 weitere seien in den vergangenen Tagen hinzugekommen.

Die türkischen Streitkräfte und syrische Verbündete hatten die vor allem von Kurden bewohnte Region Afrin und die gleichnamige Stadt im Nordwesten Syriens am Sonntag nach zweimonatigen Kämpfen erobert. Die türkische Regierung stuft die Kurdenmiliz YPG wegen ihrer Verbindungen zur PKK als Terrororganisation ein und bekämpft sie.

Bei den meisten Vertriebenen aus Afrin handle es sich um Frauen, Kinder und Ältere, teilte das UNO-Nothilfebüro (OCHA) mit. Es gebe besorgniserregende Berichte über Gewaltandrohungen, willkürliche Festnahmen von Zivilisten sowie Plünderungen. Das UNHCR erklärte, Menschen hätten berichtet, sie seien auf der Flucht über viele Stunden durch die Berge gegangen. Schulen und Moscheen seien völlig mit Vertriebenen überfüllt.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sowie Kurdenvertreter hatten am Montag über Plünderungen protürkischer Rebellen in Afrin berichtet. Fotos davon kursieren in den Sozialen Medien. Der türkische Außenminister, Mevlüt Cavusoglu, schloss eine Beteiligung von Soldaten seines Landes aus. Auch der verbündeten Freien Syrischen Armee (FSA) traue er ein solches Verhalten nicht zu. “Wenn es von dort eine Beschwerde oder Aufforderung geben sollte, werden wir das penibel untersuchen, da sind wir empfindlich”, sagte er.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks (UNICEF) brauchen 100.000 Menschen aus Afrin dringend Hilfe, die Hälfte davon Kinder. Das IKRK meldete am Dienstag, ein Hilfskonvoi habe den von Kurden kontrollierten Ort Tal Rifat erreicht. Dort haben nach UNO-Angaben mindestens 75.000 Vertriebene aus Afrin Zuflucht gefunden.

Die Türkei wies Kritik des IKRK scharf zurück. Äußerungen des IKRK-Präsidenten Peter Maurer seien “fern von der Wahrheit und inakzeptabel”, teilte das Außenministerium mit. Maurer hatte mehr Zugang für internationale unabhängige Organisationen gefordert. In diesem Zusammenhang kritisierte er den türkischen Roten Halbmond und sagte, die Glaubwürdigkeit der Aussage, dass dieser mit der kurdischen Bevölkerung in Afrin zusammenarbeite, sei “nahezu null”.

Von: APA/dpa/ag.