Rauchschwaden über Gaza: Spirale der Gewalt dreht sich weiter

Dutzende Tote in Gaza – Anschlag in Ost-Jerusalem

Sonntag, 16. Mai 2021 | 20:45 Uhr

Trotz verstärkter internationaler Bemühungen ist kein Ende der Gewalt im Nahen Osten in Sicht. Bei israelischen Bombardements kamen am Sonntag 40 Menschen im Gazastreifen ums Leben, teilte das dortige Gesundheitsministerium mit. Auch das Haus des Gaza-Chefs der Hamas, Yahya al-Sinwar, wurde beschossen. In Ost-Jerusalem wurden bei einem Anschlag mit einem Auto mehrere Polizisten verletzt. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu signalisierte Härte.

Nach palästinensischen Angaben waren es die bisher schwersten Luftangriffe im Gazastreifen. In der Stadt Gaza wurden nach Augenzeugenberichten fünf Häuser zerstört. Ob Sinwar bei dem israelischen Luftangriff getötet wurde, war unklar. Die israelische Armee teilte mit, dass die zivilen Opfer der Bombardements am Sonntag “unbeabsichtigt” gewesen seien. Ägypten öffnete am Sonntag den Grenzübergang Rafah zu Gazastreifen, um verletzten Palästinensern den Transport in Krankenhäuser zu ermöglichen. Eigentlich war die Grenzöffnung erst für Montag geplant gewesen, hieß es aus Kairo.

Insgesamt sind seit Beginn des Konflikts in der vergangenen Woche bereits 188 Menschen im Gazastreifen ums Leben gekommen seien, darunter 55 Kinder. 1230 Palästinenser seien verletzt worden. In Israel kamen durch Raketenbeschuss militanter Palästinenser bisher zehn Menschen ums Leben, 282 wurden verletzt. Seit Wochenbeginn wurden nach Angaben des israelischen Militärs rund 3.100 Raketen auf das Land abgefeuert. 1210 Raketen seien vom Abwehrsystem “Iron Dome” (Eisenkuppel) abgefangen worden. Rund 450 Raketen seien noch im Gazastreifen niedergegangen.

Auf Twitter veröffentlichte die israelische Armee am Sonntag ein Video, auf dem ein durch ein Bombardement schwer beschädigtes Haus zu sehen war, aus dem Rauchwolken aufstiegen. In dem Gebäude in Khan Younis im Süden des Küstengebiets habe sich auch das Büro des Hamas-Chefs im Gazastreifen befunden, berichteten israelische Medien Sonntagfrüh. Es habe als “militärische Infrastruktur der Terrororganisation Hamas” gedient, teilte die israelische Armee mit. Auch das Haus von Sinwars Bruder Mohammed, ebenfalls ein ranghohes Mitglied der im Gazastreifen herrschenden islamistischen Hamas, sei angegriffen worden.

Nach Angaben der Armee wurden weitere Büros und Häuser wichtiger Hamas-Mitglieder attackiert. Als Teil der fortwährenden Angriffe auf das unterirdische Tunnelnetzwerk der Hamas, der sogenannten Metro, seien 30 weitere Ziele bombardiert worden. Außerdem habe die Luftwaffe Dutzende Waffenlager und Raketenabschussrampen beschossen. Binnen 24 Stunden habe die Luftwaffe 90 Ziele militanter Palästinenser attackiert.

Ost-Jerusalem geriet am Sonntagnachmittag neuerlich in den Fokus des Konflikts. Im Viertel Sheikh Jarrah wurden bei einem Anschlag mit einem Auto mehrere Menschen verletzt, darunter sechs Polizisten. Zwei Beamte seien schwer verletzt worden, teilte Polizeisprecher Micky Rosenfeld mit. Der Fahrer sei neutralisiert worden. Nähere Einzelheiten gab es nicht. Israelische Pläne zur Delogierung von palästinensischen Bewohnern des Viertels hatten maßgeblich zur jüngsten Gewalteskalation beigetragen. Israel hat sich Ostjerusalem im Sechs-Tage-Krieg einverleibt, doch wird das Gebiet international weiterhin als lediglich besetzt angesehen.

Die UNO, die USA, die EU und Russland riefen angesichts der steigenden Opferzahlen dringend zur Deeskalation auf. UNO-Generalsekretär António Guterres warnte vor einer “unkontrollierbaren” Krise in der ganzen Region. “Dieser sinnlose Kreislauf aus Blutvergießen, Terror und Zerstörung muss sofort beendet werden”, forderte Guterres am Sonntag in einer Dringlichkeitssitzung des UNO-Sicherheitsrates zum Nahost-Konflikt.

Die amerikanische UNO-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield betonte, die Vereinigten Staaten “versuchen unermüdlich auf diplomatischem Wege, diesen Konflikt zu beenden”. Der russische Vize-Außenminister Sergej Werschinin drängte auf eine Sitzung des Nahost-Quartetts (UNO, EU, USA und Russland, um den Konflikt zu beruhigen. Der palästinensische Außenminister Riad al-Malki bezichtigte Israel der “Kriegsverbrechen”, während Israels UNO-Botschafter Gilad Erdan mit dem Finger auf die Hamas zeigte.

Der saudische Außenminister Faisal bin Farhan al-Saud warf Israel “eklatante Verletzungen” der Rechte der Palästinenser vor. Auf Gesuch Saudi-Arabiens tagte am Sonntag auch die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in einer Sondersitzung. Nach den Beratungen der 57 muslimischen Staaten schrieb der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu auf Twitter, man habe bei dem Treffen betont, dass Israel alleine für die anhaltenden “Gräueltaten” verantwortlich sei. Man sei zudem entschlossen, Bemühungen zum Schutz der “palästinensischen Brüder und Schwester” auf internationaler Ebene fortzuführen.

Die EU kommt am Dienstag zu einer Krisensitzung zusammen. Bei der Videokonferenz werde es darum gehen, wie “die EU am besten zu einem Ende der derzeitigen Gewalt beitragen” könne, teilte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell auf Twitter mit. Die Zahl der zivilen Opfer durch die gegenseitigen Angriffe bezeichnete er als “inakzeptabel”. Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) forderte einen Drei-Stufen-Plan zur Deeskalation des Konflikts. “Es braucht nun: 1. Einen Stopp des Raketenterrors, 2. Ein Ende der Gewalt und 3. Die Rückkehr zu Gesprächen zwischen Israelis und Palästinensern und über eine Zweistaatenlösung”, schrieb er am Sonntag auf Twitter.

Der israelische Premier Netanyahu betonte indes, dass die Militärkampagne “mit aller Macht” fortgesetzt werde. Er verteidigte auch die umstrittene Zerstörung eines Medien-Hochhauses im Gazastreifen am Samstag. Dieses sei ein “völlig legitimes Ziel” gewesen, weil dort auch ein Geheimdienstbüro der Hamas untergebracht gewesen sei, sagte Netanyahu dem US-Sender CBS am Sonntag. Neuerlich warf er der Hamas vor, Zivilisten als “menschliche Schutzschilde” zu missbrauchen. “Einfach falsch” sei auch der Vorwurf, dass Israel Kinder nicht schütze. “Der Grund, warum wir diese Opfer haben, ist, weil die Hamas uns kriminellerweise aus zivilen Vierteln angreift, aus Schulen, aus Häusern, aus Bürogebäuden.” Israel versuche, “mit großer Präzision” gegen Hamas zurückzuschlagen. “Leider gibt es gelegentlich zivile Opfer, die wir bedauern.”

Hamas-Chef Ismail Haniyeh sagte vor einer Menschenmenge in Katars Hauptstadt Doha, die Schlacht, der Krieg und der Aufstand trügen den Namen “Jerusalem”. Dort hatten vor gut einer Woche im Ostteil an der Al-Aqsa-Moschee heftige Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften begonnen.

Von: APA/dpa/Reuters/AFP