US-Armeevertreter räumten Fehleinschätzung ein

Dutzende Tote nach US-Luftangriff auf syrische Truppen

Sonntag, 18. September 2016 | 16:10 Uhr

Ein offenbar versehentlicher Luftangriff der US-geführten Koalition auf die syrische Armee hat zu heftigen gegenseitigen Vorwürfen zwischen Washington und Moskau geführt. Bei dem Angriff im Osten des Landes wurden nach russischen Angaben 62 syrische Soldaten getötet und hundert weitere verletzt. Moskau verlangte am Sonntag eine umfassende Untersuchung des Vorfalls.

Nach russischen Angaben drangen zwei F-16- und zwei A-10-Kampfflugzeuge der US-geführten Koalition vom Irak aus in den syrischen Luftraum ein. Die Jets hätten vier Angriffe gegen von der Jihadistenmiliz “Islamischer Staat” (IS) umzingelte Stellungen der Regierungstruppen nahe dem Flughafen von Deir ez-Zor geflogen.

Nach Angaben der syrischen Armee mussten sich ihre Soldaten nach den Luftangriffen zurückziehen und zwei strategisch wichtige Anhöhen in der Nähe des Flughafens dem IS überlassen. Am Sonntag hätten die Truppen aber eine neue Gegenoffensive gestartet “und einigen Boden zurückgewonnen”, hieß es aus Armeekreisen. Dabei seien die Soldaten durch Luftangriffe Russlands unterstützt worden.

Die Anhöhen in der Nähe des Flughafens sind von strategischer Bedeutung: Sollte der IS die Kontrolle behalten, könnten die Jihadisten alle startenden und landenden Flugzeuge von dort aus unter Beschuss nehmen. Am Sonntag vermeldeten die Extremisten, sie hätten bei Deir ez-Zor ein syrisches Kampfflugzeug abgeschossen.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana bestätigte den Abschuss einer Maschine und den Tod des Piloten, sie machte aber keine Angaben, wer verantwortlich war. Die Stadt Deir Essor und der Flughafen sind unter Regierungskontrolle, sie werden aber seit 2012 vom IS belagert und sind auf Versorgung durch die Luft angewiesen.

Nach Angaben des Pentagons gingen die Koalitionstruppen bei den Luftangriffen davon aus, dass sie IS-Stellungen attackierten. Die Koalition habe die Luftangriffe “sofort eingestellt”, als sie von russischer Seite darüber informiert worden sei, dass sie möglicherweise auf syrisches Militär ziele.

US-Botschafterin Samantha Power sagte bei der UNO in New York, die USA bedauerten “den Verlust von Menschenleben” und würden den Vorfall untersuchen. An diesem war auch ein australisches Flugzeug beteiligt, wie die Regierung mitteilte. Sie sprach den Familien “von jedem getöteten oder verletzten Syrer” ihr Beileid aus.

Power griff in ihrem Statement zugleich Russland, das die Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrates verlangt hatte, scharf an und warf ihm “Doppelmoral” und “Effekthascherei” vor. Die syrische Regierung greife “mit einer beängstigenden Regelmäßigkeit bewusst zivile Ziele an”, und Russland tue nichts, um dies zu verhindern. Beschlüsse wurden vom Sicherheitsrat nicht gefasst.

In Moskau forderte das Außenministerium eine umfassende Untersuchung des Vorfalls. “Das Handeln der Piloten lag – wenn sie, wie wir hoffen, nicht direkte Anweisungen von Washington bekamen – irgendwo zwischen krimineller Fahrlässigkeit und direkter Begünstigung von IS-Terroristen.” Wenn die USA nicht die gemäßigten Rebellen in Syrien zur Einhaltung des Waffenstillstandes brächten, “dann ist die Umsetzung der US-russischen Vereinbarungen in Gefahr”.

Der Waffenstillstand wurde am Wochenende nach Berichten von Korrespondenten und Aktivisten zunehmend gebrochen. Zudem haben die ebenfalls vereinbarten Hilfslieferungen für die notleidende Bevölkerung in Syrien bisher nicht begonnen, weil die UNO zuvor Sicherheitsgarantien für ihre Konvois haben möchte. US-Präsident Barack Obama warf der syrischen Führung vor, die humanitäre Hilfe bewusst zu blockieren.

Washington machte zudem eine militärische Kooperation mit Moskau im Kampf gegen Jihadisten davon abhängig, dass die Hilfslieferungen die Bevölkerung erreichen. Eine solche militärische Kooperation wollten Moskau und Washington entsprechend ihrer Einigung eigentlich beginnen, wenn die am Montag in Kraft getretene Feuerpause, die nicht für vom IS gehaltene Gebiete gilt, eine Woche hält.

Von: APA/ag./dpa

Kommentare

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4 Kommentare auf "Dutzende Tote nach US-Luftangriff auf syrische Truppen"


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Wolke
Neuling
6 Tage 20 h

Was wohl los wäre, wenn Syrische Kampfjets einfach mal so über die USA fliegen würden und 90 US-Soldaten töten würde?
Die USA hat keine internationale Genehmigung für ihren Einsatz dort, ihr Eingriff ist völlig illegal. Die Russen sind durch ihr Abkommen mit Syrien zumindest rechtlich gesehen legal dort tätig. Aber das hat das Imperium ja noch nie gestört und die Welt hat noch immer einfach nur zugeschaut.
Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass sie ganz genau wussten, wen sie da beschießen, denn ein Sieg des Staates ist dort nicht im Sinne der USA. Sie stellen sich dümmer als sie sind.

elmar
Grünschnabel
6 Tage 18 h

Da sieht man wiedereinmal wer Frieden will und wer mit allen Mitteln und Ausreden versucht den Krieg weiter voran zu treiben und wir Glauben alles was uns die lügnerische USA erzählt

6 Tage 15 h

Die USA sind die größten Kriegstreiber und Verbrecher die es gibt! 
Unter dem Deckmantel von Demokratie und Frieden bringen sie nur Chaos, Krieg und Tod!!

zombie1969
Grünschnabel
7 Tage 52 Min

Der Daesh (IS) kann militärisch gegen keinen Staat gewinnen. Terror sähen, Gräueltaten vollbringen, die Vergangenheit von Ländern auslöschen, indem man Kulturdenkmäler vernichtet. Aber am Ende werden ein paar Irre in Pick-Ups niemals einen Staat bezwingen.
Das was sie aber können ist, die Eskalationsspirale durch Gewalttaten in Gang zu halten. Wie wenig das aber wirkt, sieht man heute schon. Wer kennt den Namen Mohammed Atta? Okay. Wie ist der Name des Nizza-Attentäters?
Terrorismus ist primär eine Kommunikationsstrategie. Jeder Artikel, jedes Wort, jede Angstreaktion stärkt Terroristen. Egal wie gering das Individualrisiko ist.

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