Cameron setzte alles auf eine Karte und verlor

Eine persönliche und politische Niederlage für Cameron

Freitag, 24. Juni 2016 | 11:10 Uhr

Die Brexit-Sensation war ein paar Stunden alt, da trat David Cameron gefasst vor die Kameras: "Ich denke nicht, dass es richtig wäre für mich, der Kapitän zu sein, der unser Land zu seinem nächsten Ziel steuert." Damit kündigte der 49-Jährige seinen Rücktritt bis zum Herbst an – und zog die Konsequenzen aus einer beispiellosen persönlichen und politischen Niederlage.

"Das britische Volk hat eine sehr klare Entscheidung getroffen, einen anderen Weg zu nehmen und daher denke ich, dass das Land eine frische Führung erfordert", sagte Cameron. In den kommenden Monaten wolle er "das Schiff stabilisieren", dann aber bis Anfang Oktober sein Amt niederlegen.

Die Zeiten nach dem EU-Austritt der Briten werden stürmisch. Das "No" zur EU riss das Pfund in die Tiefe, ließ die Börsen weltweit ins Trudeln geraten, sogar der globale Ölpreis stürzte ab. Das zeige schon mal, dass Großbritannien "einen schweren Weg" vor sich habe, sagte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. Cameron habe "große Verantwortung auf sich und sein Land geladen", indem er auf Druck der Euroskeptiker in seiner konservativen Partei das Referendum überhaupt angesetzt habe.

Wohl selten hat ein Regierungschef eine Entscheidung von solcher Tragweite gefällt, um Kritiker in den eigenen Reihen zum Schweigen zu bringen. Das von Cameron selbst initiierte Referendum sei ein Spiel mit dem Feuer, das in ein "Katastrophenszenario" münden könne, prophezeite sein Biograf Anthony Seldon schon vergangenes Jahr.

Auf der Wahlkampfzielgeraden hatte Cameron noch einmal alles in die Waagschale geworfen, um die EU-Mitgliedschaft und sich zu retten: "Denkt an die Hoffnungen und Träume Eurer Kinder und Enkel", rief er vor seinem Amtssitz in der Downing Street 10. "Wenn Ihr ‘raus’ wählt, war’s das. Es ist unumkehrbar. Die nächste Generation wird mit den Konsequenzen leben müssen." Das Risiko "für britische Familien, für britische Jobs" sei "riesig", warnte der Regierungschef.

Aber Cameron war in der Zeit vor dem Referendumsbeschluss nie als leidenschaftlicher Europäer in Erscheinung getreten. Bei seinen Gipfel-Auftritten in Brüssel sagte er stets in die Kameras, er werde "für die Interessen der britischen Steuerzahler kämpfen", Punkt.

Als er Brüssel im Februar eine EU-Reform abgetrotzt hatte, um daheim doch noch für die EU werben zu können, erklärte er: "Wir werden niemals Teil eines europäischen Superstaates werden. Wir werden niemals einer europäischen Armee angehören."

Er beschwor stets die Distanz zu Brüssel, statt Leidenschaft reinster Pragmatismus. "Daher kam seine Schwierigkeit, die EU-Skeptiker jetzt zu überzeugen", schätzte ein weiterer Cameron-Biograf, Peter Snowdon.

Bürgernähe gehörte nie zu Camerons Stärken. Schon in jungen Jahren arbeitete der Sohn eines Börsenmaklers, Absolvent der Eliteschule Eton und der Oxford-Universität, als Berater für die Konservativen, 2001 wurde er erstmals ins Parlament gewählt. Danach ging es immer steil nach oben.

Schon 2013 versprach Cameron den Wählern das Referendum über Großbritanniens EU-Ausstieg. Als er im vergangenen Jahr dann erstmals seit 1992 – und völlig überraschend – eine eigene Regierungsmehrheit für die Tories eroberte, sah er die Gelegenheit gekommen, mit der Ansetzung des Referendums auch in der eigenen Partei nach Jahrzehnten die Grabenkämpfe zu beenden, die immer wieder über das EU-Thema geführt wurden.

Der Schuss ging gewaltig nach hinten los. Camerons halbes Kabinett fiel ihm in den Rücken und kämpfte für den Brexit. Londons populärer Ex-Bürgermeister Boris Johnson brachte sich als aggressiver Brexit-Wortführer mächtig in Szene und gilt nun als ein möglicher Nachfolger Camerons.

Am Tag des Referendums forderte Johnson dann aber Cameron noch schnell zum Verbleib im Amt auf – gemeinsam mit 80 prominenten Pro-Brexit-Tories. In den stürmischen Monaten, die Großbritannien bevorstehen, will der Ex-Bürgermeister wohl nicht in der ersten Reihe stehen. Cameron aber will es auch nicht.

Von: apa