Vorschlag neuer Leitlinien

Elide Mussner und Hans Heiss: Tourismus neu denken!

Donnerstag, 22. September 2022 | 14:46 Uhr

Bozen – Tourismus ist ein wichtiger Träger der italienischen Wirtschaft, für die er derzeit rund acht Prozent des BIP erwirtschaftet. 2019 erreichte sein Volumen 420 Mio. Nächtigungen. 2020 waren es wegen der Pandemie nur mehr 229 Millionen. Trotzdem bleibt der Tourismus das Zugpferd. Künftige Regierungen Italiens, gleich welcher Ausrichtung, setzen darauf und wollen die Schönheiten Italiens stärker ins Spiel bringen. Im gesamtstaatlichen Rahmen ist der Südtiroler Tourismus ein herausragender Akteur, da er 2019 mit rund 33,6 Mio. Nächtigungen 7,5 Prozent des italienischen Gesamtaufkommens erreichte. „Südtirol wird im italienischen Kontext geschätzt – als Schrittmacher in Angebot und Incoming, als Maßstab für touristische Qualität. Weit mehr als bisher sollte unser Land aber auch als Pionier für einen klima- und umweltgerechten Tourismus vorangehen“, erklären E Elide Mussner, Kandidatin für den Kammerwahlkreis Bozen Unterland, und Hans Heiss, Kandidat für den Senatswahlkreis Nord-Ost, vom Bündnis Grüne-Sinistra.

Umso wichtiger sei es ihrer Ansicht, dass Südtirols Tourismus neue Grundlagen schafft, die einer klimagerechten Zukunft entsprechen und vorbildhaft wirken. Zudem sei der Rekord von 2019 auf absehbare Zeit weder realistisch wiederholbar noch wünschenswert. „Von weniger Tourismus haben alle mehr“, sind Heiss und Mussner überzeugt. Dazu präsentieren sie sechs Vorschläge:

1. Bettenstopp vor dem „Bettenstopp“

Der kürzlich verabschiedete sogenannte „Bettenstopp“ werde auch in italienischen Regierungs- und Fachkreisen aufmerksam beobachtet. „Er wird sogar als Vorbild gehandelt, obwohl es sich im Grunde um einen Etikettenschwindel handelt. Der aktuell verordnete Bettenstopp führe absehbar zum Zuwachs von rund 30.000 weiteren Betten, wie der grüne Landtagsabgeordnete Riccardo dello Sbarba mit Nachdruck aufgezeigt habe. „Der lange Bremsweg bis zum tatsächlichen Stopp dauert mehrere Jahre, er lässt sich aber verkürzen. Durch geringere Ausweisungen der Gemeinden, durch Verzicht auf weitere Expansion, hat doch Südtirol im Alpenraum die höchste Dichte an gastgewerblichen Betten pro Quadratkilometer. Von einem ‚Weniger‘ profitieren alle: Die Branche durch weniger Wettbewerb gegeneinander, durch geringeren Bedarf an Arbeitskräften, durch Schonung von Landschaft und Wasser bzw. Energie-Ressourcen, durch geringere Verschuldung“, erklären Mussner und Heiss.

2. Kostenwahrheit

Transparenz der externen Kosten: Tourismus sei wie der Verkehr einer der Bereiche, die es am besten schaffen, interne Kosten zu externalisieren: „Umweltlasten wie Bodenverbrauch, Verlust von Biodiversität, Verteuerung des Wohnungsmarkts, touristisch erzeugte Mobilität belasten nicht nur den Sektor selbst, sondern vor allem das örtliche Umfeld. Analog zu den positiven Effekten der Wertschöpfung sollten externe Kosten des Tourismus im Wege einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung genau aufgelistet werden. Auch der Vergleich mit anderen Wirtschaftssektoren wäre in diesem Zusammenhang nützlich. Eine schöne Aufgabe für die Freie Universität oder die EURAC.“

3. Systematische Klimazertifizierung

Den Betrieben sollte laut den Kandidaten vom Bündnis Grüne-Sinistra ein Instrument an die Hand gegeben werden, um ihre Klimabilanz überschaubar zu gestalten und systemische Verbesserungen einzuleiten: „Energieverbrauch, CO-2-Ausstoß, Mobilitätseffekte sollten auch auf betrieblicher Ebene sichtbar und nachvollziehbar werden. Nicht durch ein weiteres bürokratisches Monster, sondern anhand eines einfachen Instruments, über das etwa Eco-Hotels bereits verfügen. Subventionen sollten, nach Klimaleistungen gestaffelt, wichtige Anreize bieten, um den touristischen Fußabdruck flacher ausfallen zu lassen. Es gibt Südtiroler Hotels, die es geschafft haben, die Standardemissionen von 50/60 kg Emissionen pro Gast und Nächtigung auf 20 Prozent dieses Wertes auf rund zehn kg, herabzudrücken – sie sind ermutigende Vorbilder einer notwendigen Trendwende.“

4. Der Tourismus soll sich proaktiv in die Mobilitätsfrage einbringen

Eine der größten Herausforderungen für unser Land sei die ständig überlastete Verkehrssituation, betonen Mussner und Heiss. Der Tourismus sei zwar nicht der einzige Verantwortliche, trage aber eindeutig und wesentlich zur Überlastung bei. Nach einer Studie der IDM entscheiden sich nur sieben Prozent der Gäste für eine Anreise mit der Bahn, 90 Prozent hingegen für das Auto. „Hier gilt es Verantwortung zu übernehmen und konsequent und mit innovativen Projekten anzusetzen. Wenn wir einen nachhaltigen Tourismus anstreben, dann kommen wir um die Mobilitätsfrage nicht herum. Die Tourismusabgabe sollte erhöht werden, der Surplus sollte in Pilot-Projekten für eine alternative Mobilität investiert werden, IDM die Projekte koordinieren. Vor allem das Problem der ‚Last-Mile‘ sollte in Angriff genommen werden, mit einem dynamischen Angebot an Rufbussen und Car-Sharing Systemen, die nicht nur dem Tourismus, sondern auch der Bevölkerung zugutekäme. Und genau das ist der Punkt: Es geht um Lösungen, die für alle, Touristen und lokale Bevölkerung, attraktiv und zugänglich sind“, erklären Mussner und Heiss.

5. Südtirol als Land touristischer Ruhezonen

Die aktuelle Einteilung Südtirols nach touristisch „stark entwickelten“ und „entwickelten“ Gemeinden gegenüber „strukturschwachen Gebieten“ sei grundsätzlich einem Wachstumsmodell verpflichtet. Denn unter dem Stichwort „Entwicklung“ gelte quantitative Entwicklung als Norm, während „Unterentwicklung“ als Problemfall gelte, der der Aufwertung bedürfe. Als „strukturschwach“ gelten nach wie vor 55 Gemeinden oder Teile von Gemeinden in Südtirol, wo das Raumordnungsgesetz nur schwache Bindungen vorsieht. „Da in den Hot-Spots von Pustertal, Ladinien, Salten-Schlern, von Burggrafenamt und Überetsch Rückbau schwer möglich erscheint, sollten andere Gebiete umso mehr verstärkten Schutz und Alternativen erfahren. Kleine und strukturschwache Gemeinden sollten ihren ‚Undertourism‘ nicht als Defizit begreifen, sondern auch als Gewinn an Lebensqualität und als Ansporn, um auf andere Sektoren zu setzen“, betonen Mussner und Heiss.

6. Durch partizipative Prozesse zukunftsfähige Perspektiven schaffen

Der Tourismus habe eine große soziale Verantwortung, ein Sektor, der die Lebensqualität der lokalen Bevölkerung direkt und indirekt stark beeinflusst. „Genau deswegen werden wir keinen zukunftsfähigen Tourismus haben, wenn wir nicht die lokale Bevölkerung in die Entscheidungsprozesse des Tourismus miteinbeziehen. Der Tourismus muss raus aus dem egozentrischen Spiel der Lobbyinteressen und den Mut haben, sich aufs Spiel zu setzen, um im Austausch mit der lokalen Bevölkerung die strategischen Entscheidungen zu treffen. Die Ski-WM in Gröden ist ein Negativbeispiel für einen nicht demokratischen Entscheidungsprozess. Die Lobby entscheidet und die Bevölkerung hat kein Stimmrecht. Es braucht dringend partizipative Prozesse, die es der Bevölkerung erlauben, einen aktiven Beitrag zur Entwicklungsrichtung des Tourismus zu leisten“, so Mussner und Heiss.

Das Gebot eines entschiedenen wie weitblickenden Handelns sei umso notwendiger, da die Klimakrise die Attraktivität des Alpenraums, zumal Südtirols, bereits jetzt druckvoll erhöhe. Alpine Südlagen dürften in Zukunft mehr denn je zur „Sommerfrische Europas“ werden, falls nicht zeitgerecht vorgebaut wird. „Tourismus ist ein wichtiger Sektor und wird es bleiben, bedarf aber Regeln, um das Zusammenleben mit ihm erträglich zu gestalten, im Sinne der Anpassung der Branche an die Biodiversität, den Landschaftsreichtum und die Grenzen Südtirols“, betonen Mussner und Heiss abschließend.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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3 Kommentare auf "Elide Mussner und Hans Heiss: Tourismus neu denken!"


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PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Universalgelehrter
9 Tage 8 h

Ist das der Wahlkampf von Heiss?

leolee
leolee
Tratscher
9 Tage 10 h

was ganz wichtig ist,
eine Preisuntergränze für die sogenannte guten Betriebe,wie der HGV immer behauptet,
damit die kleinen Betriebe Pensionen und Gasthöf überleben können.

das wäre einmal ein Schritt nach vorne.

Frank
Frank
Universalgelehrter
9 Tage 4 h

Bettenstop ist die eine Seite, die Andere sorgt für einen größeren Teil des Reiseverkehrs, die in Mode gekommenen Kurzurlaube von 2-3 Tagen sorgen für einen großen Teil des ausufernden Reiseverkehrs und sorgt nebenbei auch für enorme Preissteigerungen. Da müssen sich vor Allem die Wellnesstempel an die eigene Nase fassen. Eine festgelegte Mindestaufentaltsdauer könnte manches Problem lösen.

In gewissen Kreisen Süddeutschlands, Österreichs und der Schweiz gehört es mittlerweile zum “guten Ton”, mal schnell für 2 Übernachtungen über den Brenner zu fahren, damit man am nächsten Arbeitstag in der Firma prahlen kann, was man doch für ein toller Hecht ist.

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