Blick in eine Straße in Mykolajiw

Erfolge bei ukrainischem Vormarsch auf Cherson

Freitag, 11. November 2022 | 10:57 Uhr

Die Soldaten der Ukraine rücken den bei Cherson abziehenden russischen Einheiten scheinbar unaufhaltsam nach. In dem Gebiet rund um die südukrainische Stadt seien bereits 41 Ortschaften befreit, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Donnerstagabend in seiner täglichen Videobotschaft mit. Die Zahl der ukrainischen Flaggen, die im Rahmen der laufenden Verteidigungsoperation “an ihren rechtmäßigen Platz” zurückkehrten, gehe demnach in die Dutzenden.

Allein seit Mittwoch seien ukrainische Verbände bis zu sieben Kilometer tief in ehemals von Russen besetztes Gebiet vorgestoßen, berichtete der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj. Nach Darstellung des Generalstabs in Kiew zogen die russischen Militärs nur langsam ab, um ihre Verteidigungslinien am linken Ufer des Dnipro zu verstärken.

Wie der ukrainische Gouverneur des Gebietes Mykolajiw, Witalij Kim, berichtete, sei Tschornobajiwka, ein Vorort direkt an der Stadtgrenze von Cherson, bereits unter ukrainischer Kontrolle. Nähere Angaben machte er zunächst nicht. “Wir schweigen weiterhin, denn all dies ist Sache des Militärs.” Freitag ist der 261. Tag des Krieges.

In der Nähe von Cherson ist ein Abschnitt der Antonivka-Brücke, der einzigen Straßenbrücke über den Dnipro zum russisch kontrollierten Ostufer des Flusses, eingestürzt, wie Fotos und Videos zeigen. Weitere Details blieben vorerst offen. Die nächste Flussquerung für Fahrzeuge ist das 70 Kilometer entfernte Wasserkraftwerk Kachowka, das sich noch unter russischer Kontrolle befindet und gestern ebenfalls beschossen wurde.

Bei ihrem Abzug aus Cherson haben russische Truppen nach Medienberichten die südukrainische Stadt verwüstet. Neben dem Fernsehzentrum seien unter anderem Fernheizungsanlagen und Funkmasten gesprengt worden, berichtete die “Ukrajinska Prawda” am Donnerstag. Zudem sei in der Stadt der Strom komplett ausgefallen, ebenso wie das Internet. Bereits in den vergangenen Tagen waren mehrere Brücken über den Dnipro gesprengt worden.

Ein Zeitablauf für den am Vortag angeordneten Abzug russischer Soldaten aus Cherson und der gesamten Umgebung der Stadt am rechten Dnipro-Ufer war nicht bekannt. Nach einem Bericht der russischen Agentur Tass sollen Einheiten der Polizei und Rettungsdienste die Stadt erst mit den letzten Truppen verlassen.

Selenskyj warnte vor Gefahren in den von den Besatzern aufgegebenen Gebieten. “Die erste und grundlegende Aufgabe ist die Minenräumung”, sagte er. Die Besatzer ließen tausende Blindgänger und Munition zurück. “Ich habe oft Schätzungen gehört, dass die Räumung der Ukraine von russischen Minen Jahrzehnte dauern wird.” Noch rund 170.000 Quadratkilometer des Landes seien demnach minenverseucht.

Der Staatschef der Ukraine wies darauf hin, dass die aktuellen Erfolge der ukrainischen Streitkräfte “durch Monate brutalen Kampfes” erreicht worden seien. “Es ist nicht der Feind, der geht – es sind die Ukrainer, die die Besatzer verjagen”, sagte Selenskyj. “Und wir müssen den ganzen Weg gehen – auf dem Schlachtfeld und in der Diplomatie – damit überall in unserem Land, entlang unserer gesamten international anerkannten Grenze, unsere Flaggen – ukrainische Flaggen – zu sehen sind. Und keine feindlichen Trikoloren mehr.”

Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar sprach von einem nur langsamen Vorrücken ukrainischer Truppen im Osten und Süden des Landes. Auch wenn viele Menschen “explosive Neuigkeiten” von den Fronten erhofften, gehe es vorerst langsam voran, dies sei eben die Dynamik des Krieges. “Im Moment herrscht eine andere Dynamik und andere Phase der Kampfhandlungen”, sagte sie am Donnerstagabend im Fernsehen. “Aber die Intensität der Kämpfe hat nicht nachgelassen.”

Bei einem russischen Raketenangriff auf ein Wohnhaus in der südukrainischen Stadt Mykolajiw sind am Freitagmorgen Behördenangaben zufolge sechs Menschen getötet worden. Rettungskräfte suchten in den Trümmern nach Überlebenden, teilt Bürgermeister Olexander Senkewytsch über den Kurznachrichtendienst Telegram mit.

Nach Einschätzung britischer Geheimdienste setzt Russland bei seinen Angriffen auf kritische Infrastruktur in der Ukraine auf eine wellenartige Offensive. Dadurch seien weitreichende Schäden an Kraftwerken und Übertragungsstationen entstanden, hieß es am Freitag im täglichen Kurzbericht des britischen Verteidigungsministeriums auf Twitter. Insbesondere die Hauptstadt Kiew sei stark von Stromausfällen betroffen. Bei den jüngsten intensiveren Angriffen, die Ende Oktober stattgefunden hätten, sei erstmals auch ein Wasserkraftwerk Ziel gewesen. Moskau versuche mit diesen Angriffen, die Moral der ukrainischen Zivilbevölkerung zu schwächen.

Zur Unterstützung der Ukraine im russischen Angriffskrieg stellen die USA dem Land weitere Militärhilfen im Wert von 400 Millionen Dollar (392 Mio Euro) zur Verfügung, wie das US-Verteidigungsministerium am Donnerstag in Washington ankündigte. Die militärische Unterstützung für Kiew aus den USA belaufe sich damit auf insgesamt 19,3 Milliarden Dollar seit Beginn der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden. Zu dem neuen Paket gehörten auch vier Avenger-Luftabwehrsysteme und Stinger-Raketen sowie Raketen für Hawk-Luftabwehrsysteme, sagte die Vize-Sprecherin des Pentagons, Sabrina Singh. “Das ist genau das, was wir brauchen, wonach wir gefragt haben”, sagte Selenskyj am Abend.

Einem Bericht des “Wall Street Journal” zufolge wollen die USA zudem Munition von ihrem Verbündeten Südkorea kaufen, um damit die Ukraine zu unterstützen. Es gebe einen vertraulichen Waffendeal zwischen Seoul und Washington, wonach die USA 100.000 Runden von 150-Millimeter-Artillerie-Munition von ihrem Verbündeten abnehmen würden, berichtet das Blatt unter Berufung auf US-Beamte. Das Verteidigungsministerium in Seoul bestätigte die Verhandlungen, es werde aber unter der Voraussetzung verhandelt, dass die USA “Endbenutzer” seien. Das Ministerium betonte, an Südkoreas Position habe sich nichts verändert, keine tödlichen Waffen an die Ukraine zu liefern.

US-Präsident Joe Biden zeigt sich wenig optimistisch in Bezug auf ein baldiges Ende des Krieges in der Ukraine. Vor seiner Abreise zu einer Auslandsreise gab sich Biden vor Reportern im Weißen Haus eher pessimistisch, als er zu den Aussichten auf eine baldige Beilegung des Konfliktes gefragt wurde: “Ich glaube nicht, dass der Konflikt gelöst werden kann, solange Putin nicht aus der Ukraine verschwindet.”

Mit Blick auf mögliche Verhandlungen mit Russland übt die US-Regierung nach eigenen Angaben keinen Druck auf die Ukraine aus. “Wir beharren nicht auf bestimmten Dingen, sondern wir beraten als Partner”, sagte der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan am Donnerstag im Weißen Haus. Kiew hatte am Vortag ein neues Verhandlungsangebot aus Moskau auf Basis “der aktuellen Lage” abgelehnt. Als Voraussetzung für Gespräche mit Moskau verlangt die ukrainische Führung einen vollständigen Abzug der russischen Truppen.

Der Politikwissenschafter Gerhad Mangott sieht noch eine kleine Rest-Wahrscheinlichkeit, dass es sich beim Abzug der russischen Truppen aus Cherson, um einen Scheinabzug handelt, wie er am Donnerstagabend in der “Zib2” sagte. Militärisch mache der Abzug der Russen durchaus Sinn, könne aber bis zu zwei Wochen dauern, so Mangott. Moskau wolle den Begriff Rückzug vermeiden, in Wahrheit handle es sich aber, um die dritte große Niederlage der russischen Armee im Ukraine-Krieg.

Von: APA/dpa/Reuters

Kommentare

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3 Kommentare auf "Erfolge bei ukrainischem Vormarsch auf Cherson"


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Look_at_Yourself
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Universalgelehrter
21 Tage 1 h

Ein neues Debakel für den großen Führer?
15000-25000 russische Soldaten sitzen am falschen Ufer des Flusses fest und müssen unter heftigem Beschuss durch die ukrainische Armee irgendwie auf die Ostseite kommen.
Das wird noch bitter für die russische Armee.

Faktenchecker
20 Tage 22 h

Quelle?

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
20 Tage 15 h

Diese Brücke ist bestimmt wegen den heftigen Erschütterungen🤣 verursacht durch die flüchteten “Helden des großen vaterländischen Krieges” eingestürzt….

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