Polizei im Kreuzfeuer der Kritik

Erneut Schwarzer durch Polizeischüsse in Houston getötet

Montag, 11. Juli 2016 | 09:40 Uhr

Inmitten der Proteste in den USA gegen Polizeigewalt sorgt die Tötung eines weiteren Afroamerikaners für zusätzliches Aufsehen. In Houston (Texas) haben Polizisten am Samstag den Afroamerikaner Alva Braziel niedergeschossen, später erlag dieser seinen Verletzungen.

Nach Angaben der lokalen Medien erklärte die Polizei, Braziel sei bewaffnet gewesen und habe sich geweigert, die Waffe fallen zu lassen. Stattdessen habe er sie auf die Beamten gerichtet. Nutzer der Sozialen Netzwerke zogen die Angaben der Polizei am Sonntag in Zweifel und forderten weitere Untersuchungen.

Nach der Tötung von zwei Schwarzen und fünf weißen Polizisten binnen weniger Tage waren Demonstrationen gegen Polizeigewalt in den USA am Wochenende eskaliert. Mehr als 200 Menschen wurden festgenommen. US-Präsident Barack Obama und andere Politiker appellierten an die Einheit der Nation. Das Weiße Haus kündigte für Dienstag die Teilnahme Obamas an einer Trauerfeier für die getöteten Polizisten in Dallas an.

In zahlreichen US-Städten gingen Menschen auf die Straße, um gegen Polizeigewalt gegen Schwarze zu demonstrieren, nachdem Polizisten in den vergangenen Tagen zwei Schwarze in St. Paul (Minnesota) und Baton Rouge (Louisiana) erschossen hatten. In Dallas hatte daraufhin am Donnerstagabend ein 25-jähriger Schwarzer während einer friedlichen Kundgebung gegen Polizeigewalt fünf weiße Polizisten aus dem Hinterhalt erschossen. Der Afghanistan-Veteran Micah Johnson gab an, aus Rache weiße Polizisten töten zu wollen, bevor er von der Polizei getötet wurde.

Nach Angaben des Polizeichefs von Dallas, David Brown, verfolgte der Attentäter noch andere “zerstörerische” Projekte. Johnson habe mit Sprengstoff experimentiert, das vorgefundene Material hätte “zerstörerische Auswirkungen” auf die Stadt Dallas und auf “den Norden von Texas” haben können, sagte er.

In St. Paul, wo ein Polizist am Mittwoch den Afroamerikaner Philando Castile in dessen Auto erschossen hatte, blockierten Hunderte Demonstranten am Samstagabend stundenlang eine Autobahn und warfen Steine, Feuerwerkskörper und Flaschen auf Polizisten. 21 Sicherheitskräfte wurden nach Behördenangaben verletzt, mehr als hundert Menschen festgenommen. “Das hat nichts mit Trauer zu tun, das hat nichts mit einer Demonstration zu tun, das nennt sich Aufstand, das nennt sich Gewalt”, sagte der Bürgermeister von St. Paul, Chris Coleman.

Auch in Baton Rouge, wo ein Polizist am Dienstag den schwarzen CD-Verkäufer Alton Sterling erschossen hatte, wurden mehr als hundert Demonstranten festgenommen, wie örtliche Medien unter Berufung auf die Polizei berichteten.

In San Francisco hielt ein großes Polizeiaufgebot Demonstranten davon ab, eine Straßenkreuzung zu besetzen. Auch in Phoenix (Arizona) hatte die Polizei am Freitagabend Tränengas gegen Steine werfende Demonstranten eingesetzt. In Rochester im Staat New York wurden 74 Demonstranten nach einem Sitzstreik festgenommen.

US-Präsident Obama verkürzte seine Europa-Reise um einen Tag und wollte schon am Sonntagabend in die USA zurückkehren. Bei einer Zwischenlandung in Madrid verteidigte er die US-Polizei: Eine große Mehrheit der Polizisten mache “wirklich gute Arbeit und versuche, Menschen zu schützen”, und dieses fair und ohne rassistische Tendenzen. Am Dienstag wird Obama nach Dallas reisen, um bei einer ökumenischen Trauerfeier für die getöteten Polizisten zu sprechen, wie das Weiße Haus mitteilte.

Parteiübergreifend mahnten Politiker, die Spaltung des Landes nicht weiter zu vertiefen. Vizepräsident Joe Biden verurteilte die Polizistenmorde, aber auch die tödlichen Polizeieinsätze gegen Afroamerikaner. Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton forderte, “weiße Amerikaner müssen besser zuhören, wenn Afroamerikaner über die Hürden sprechen, auf die sie stoßen”.

“Wer kein Afroamerikaner ist, wird niemals ganz begreifen können, was es bedeutet, schwarz zu sein”, sagte der ehemalige republikanische Präsidentschaftsbewerber Marco Rubio. Ähnlich äußerte sich der frühere Sprecher der Republikaner im US-Repräsentantenhaus, Newt Gingrich. Schwarze in den USA lebten gefährlicher als Weiße, erklärte Gingrich, der als möglicher Kandidat für die Vizepräsidentschaft an der Seite von Donald Trump gehandelt wird.

Von: apa