Der Streit um die Besuchsrechte führt immer wieder zu Spannungen

Erneut Verletzte bei Tempelberg-Unruhen

Mittwoch, 19. Juli 2017 | 16:57 Uhr

Bei erneuten Unruhen am Tempelberg in Jerusalem sind in der Nacht zu Mittwoch 14 Palästinenser und zwei Polizisten verletzt worden. Hintergrund der angespannten Situation sind verschärfte Sicherheitschecks für Muslime am Tempelberg. Die Kontrollen hatte Israel am Sonntag nach einem blutigen Attentat am Freitag eingeführt.

Ein Palästinenser sei von einem Gummimantelgeschoss schwer verletzt worden, teilte der Palästinensische Rote Halbmond mit. Zahlreiche Menschen atmeten zudem Tränengas ein. Polizisten wurden laut einer Polizeisprecherin mit Steinen und Brandflaschen beworfen.

Am Vormittag wurde der Tempelberg zeitweise für Nicht-Muslime und Touristen geschlossen, weil eine Gruppe Juden sich nicht an die geltenden Regeln auf dem Areal gehalten hatte. Sie hätten gestört und seien entfernt worden, sagte die Polizeisprecherin.

Der Tempelberg mit der Klagemauer sowie der Al-Aksa-Moschee und dem Felsendom ist für Juden wie auch Muslime eine wichtige heilige Stätte. Der Streit um die Besuchsrechte, also wer den Hügel betreten und dort beten darf, hatte schon in der Vergangenheit zu Spannungen und Gewalt geführt.

Vertreter der Palästinenser hatten immer wieder die Befürchtung geäußert, Israel wolle nach und nach die Kontrolle über den Tempelberg (Al-Haram al-Sharif) übernehmen. Gerade vor diesem Hintergrund kritisierte der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Ahmed Hussein, die neuen Sicherheitsschleusen mit Metall-Detektoren. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hatte bereits am Freitag betont, er werde den Status quo nicht verändern.

Die Fatah-Partei von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas (Abu Mazen) hatte für Mittwoch zu einem “Tag des Zorns” aufgerufen. Auch die radikalislamische Hamas und der Islamische Jihad riefen zu Protesten und Gewaltakten gegen Sicherheitskräfte im Westjordanland und im Gazastreifen auf. Allerdings blieb es dort zunächst ruhig.

Palästinensische Vertreter in Jerusalem forderten die Moscheen in der Stadt dazu auf, am Freitag nicht zum Gebet zu rufen. Sie sollten stattdessen Gläubige auffordern, so nahe wie möglich an der Al-Aksa-Moschee zu beten.

Grundsätzlich kommen zu den Freitagsgebeten an der Al-Aksa-Moschee mehrere Tausend Menschen aus den Palästinensergebieten. Am Freitag hatte Israel nach dem Attentat den Zugang zu dem Hügel geschlossen und so auch die dortigen Freitagsgebete unterbunden – das erste Mal seit 1969.

Bei dem Attentat am Freitag hatten drei arabische Israelis zwei israelische Polizisten an einem der Zugänge zum Tempelberg tödlich verletzt. Sie wurden bei dem Anschlag selbst erschossen.

Israel hat 1967 im Sechs-Tage-Krieg unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Israel annektierte später den arabisch geprägten Ostteil Jerusalems mit der Altstadt. Dies wird international jedoch nicht anerkannt.

Die Zugänge zum Tempelberg kontrolliert Israel. Für die Verwaltung des Tempelberges ist allerdings die jordanische Wakf-Stiftung verantwortlich. Die Palästinenser wollen das von Israel besetzte Westjordanland für einen unabhängigen Staat Palästina mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt.

Die Kirchenführer in Jerusalem äußerten sich über die angespannte Lage besorgt. “Wir äußern unsere ernste Beunruhigung über die gegenwärtige Eskalation in gewalttätigen Entwicklungen rund um den Haram al-Sharif und unsere Trauer über den Verlust von Menschenleben”, heißt es laut Kathpress in einer von den Führern der dreizehn anerkannten Kirchen im Heiligen Land unterzeichneten Erklärung, die das ökumenische “Interchurch-Center” am Mittwochnachmittag online veröffentlichte. Darin verurteilten die Unterzeichner auch jegliche Gewaltakte.

Die Kirchenführer zeigten sich ferner besorgt über mögliche Versuche, den historischen Status Quo am Tempelberg und in Jerusalem zu verändern. Dies könne im gegenwärtig angespannten religiösen Klima zu “ernsthaften und unvorhersehbaren Konsequenzen” führen. Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem der griechisch-orthodoxe Patriarch Theophilos III., der Leiter des Lateinischen Patriarchats, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, und Franziskanerkustos Francesco Patton.

Angesichts der angespannten Lage in und um die Jerusalemer Altstadt haben die deutsche Botschaft in Tel Aviv und das deutsche Vertretungsbüro in Ramallah zu “größtmöglicher Vorsicht und Wachsamkeit” an öffentlichen Orten aufgerufen. Gemieden werden sollte insbesondere die Umgebung des Tempelbergs und das muslimische Altstadtviertel, hieß es in einem am Mittwoch verbreiteten Sicherheitshinweis. Das österreichische Außenministerium rät angesichts der angespannten Sicherheitslage in Israel generell zu erhöhter Vorsicht und Aufmerksamkeit.

Von: APA/dpa