Die Stadt Daraya wird unter Bewachung syrischer Truppen evakuiert

Erste Bewohner verlassen belagerte syrische Stadt Daraya

Freitag, 26. August 2016 | 16:48 Uhr

Nach vier Jahren Belagerung durch syrische Regierungstruppen haben die ersten von tausenden Zivilisten und bewaffneten Kämpfern Daraya bei Damaskus verlassen. Busse brachten sie am Freitag aus der zerstörten Stadt, begleitet von Krankenwagen und Fahrzeugen des Roten Halbmonds. In dem ersten Bus saßen vor allem Kinder, ältere Menschen und Frauen.

Der regimenahe libanesische TV-Kanal Al-Mayadeen meldete am Freitag, Busse transportierten Männer, Frauen und Kinder in andere Orte. Der UN-Beauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, äußerte sich besorgt über das Schicksal der betroffenen Menschen.

Als Busse mit Rebellen die Stadt verließen, reckten Regierungssoldaten ihre Gewehre in die Höhe und schmähten die Insassen, indem sie die Regierung hochleben ließen. Die abziehenden Kämpfer durften eigene Waffen mitnehmen, mussten sonstiges Kriegsgerät aber in der Stadt zurücklassen, berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP.

Gemäß einer zwischen beiden Seiten am Donnerstag getroffenen Vereinbarung sollen voraussichtlich bis Samstag insgesamt rund 700 Rebellen in die ebenfalls von bewaffneten Regierungsgegnern beherrschte Stadt Idlib ziehen. Mehrere tausend Zivilisten sollten aus Daraya in Auffanglager der Regierung außerhalb der Stadt siedeln. Geschätzt 8.000 Menschen wollten in Daraya bleiben. Nach Angaben von Regierungsseite soll die syrische Armee nach der Evakuierung in Daraya einmarschieren.

Regierungssoldaten umzingelten die Rebellenhochburg seit Ende 2012. Für die syrische Armee ist der Ort wichtig, weil er direkt an einem Militärflughafen liegt. Daraja war regelmäßig Ziel von Luftangriffen des Regimes mit international geächteten Fassbomben. Die rund 8.000 eingeschlossenen Menschen leiden Aktivisten zufolge unter Mangelernährung. Im Juni hatte erstmals nach knapp vier Jahren ein Hilfskonvoi mit Nahrungsmitteln den Ort erreicht.

Daraya wird von zwei islamistischen Rebellengruppen kontrolliert – Ajnad al-Sham und den Märtyrern des Islam. Nach Angaben der regierungsnahen Nachrichtenwebseite almasdarnews sind Regierungstruppen in den vergangenen Tagen nach Daraya vorgerückt.

Insgesamt leben laut UNO in Syrien noch rund 600.000 Menschen unter Belagerung. Die meisten Orte werden vom Regime und seinen Verbündeten blockiert. Der führende syrischen Oppositionelle George Sabra warf der internationalen Gemeinschaft vor, versagt zu haben und die Menschen in Daraya im Stich gelassen zu haben.

Der UN-Beauftragte für Syrien de Mistura äußerte sich besorgt über das Schicksal der betroffenen Menschen. Die Lage sei “äußerst ernst”, erklärte er in Genf. De Mistura appellierte an Russland, die USA und die anderen Staaten der Unterstützergruppe für Syrien (ISSG), die uneingeschränkte Respektierung des humanitären Völkerrechts während der Evakuierung Darayas zu gewährleisten.

Demnach sind bei bewaffneten Konflikten Übergriffe auf Zivilisten ebenso international geächtet wie die Gewaltanwendung gegen Kämpfer, die ihre Waffen niedergelegt haben. Die Stellungnahme De Misturas wurde von der UNO veröffentlicht, während er in einem Genfer Hotel mit den Außenministern der USA und Russlands, John Kerry und Sergej Lawrow, die Lage in Syrien erörterte.

Bei den Gesprächen zwischen Kerry und Lawrow sollte es nach Angaben von Diplomaten unter anderem um Möglichkeiten zur Wiederaufnahme der Genfer Friedensgespräche gehen. Themen seien auch eine Koordinierung amerikanischer und russischer Luftangriffe auf die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sowie eine zeitweilige Waffenruhe für den Einsatz humanitärer Helfer in der umkämpften Stadt Aleppo.

Von: APA/dpa/ag.

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