Nach dem Mord gehen die Spuren zur Mafia

Erste Festnahmen nach Journalistenmord in der Slowakei

Donnerstag, 01. März 2018 | 16:25 Uhr

Der Mord an dem Investigativjournalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten hält die Ermittler in der Slowakei weiter auf Trab. Am Donnerstag führte die Polizei zahlreiche Razzien in Immobilien italienischer Unternehmer im Osten des Landes durch, sieben Personen wurden dabei vorläufig festgenommen. Ermittler würden einer “italienischen Spur” folgen, bestätigte Polizeipräsident Tibor Gaspar.

Unter den Vorgeführten waren laut Medienberichten auch der Italiener Antonin Vadala und mehrere seiner Verwandten, die in der letzten – unvollendeten – Reportage des ermordeten Kuciak namentlich erscheinen und demnach Verbindungen zu kalabrischen Mafiagruppen haben sollen. Über Firmen in der Ostslowakei sollen sie auch zu EU-Fördergeldern in Millionenhöhe gelangt sein. Brüssel kündigte an, die Finanzströme von EU-Agrarsubventionen in die Slowakei gründlicher unter die Lupe nehmen zu wollen.

Laut der letzten Recherche des erschossenen Aufdeck-Reporters hatten sich Mitglieder der italienischen Mafia vor Jahren im Osten der Slowakei angesiedelt, Kontakte bis in höchste Stellen des slowakischen Regierungsamtes geknüpft und gelangten über ihre Firmen mittels Steuerbetrug und Missbrauch von EU-Unterstützungsgeldern zu Reichtum.

Eine Assistentin des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Robert Fico sowie der Sekretär des Sicherheitsrates des Staates sollen einst rege Geschäftskontakte mit den Italienern unterhalten haben. Inzwischen haben beide ihre Posten vorläufig geräumt.

Der Journalistenmord und angebliche Verbindungen zur Mafia bis in höchste Kreise der slowakischen Regierung schlagen immer höhere politische Wellen. Neben heftigem Druck der bürgerlichen Opposition ist Premier Fico auch mit zunehmender Kritik des eigenen Koalitionspartners, der ungarisch-slowakischen Versöhnungspartei Most-Hid von Bela Bugar, konfrontiert.

Laut Medienberichten soll Lucia Zitnanska, Justizministerin der Most, überlegen, dem Beispiel von Kulturminister Marek Madaric (Smer) zu folgen, der am Mittwoch in Folge des Journalistenmordes seinen Rücktritt angekündigt hatte. Zitnanska hatte es zuvor als “absolut unannehmbar” bezeichnet, dass im Regierungsamt Personen mit eventuellen Mafia-Verbindungen agieren sollen.

Neben einer Abdankung der Ressortchefin sei aber auch noch ein völliger Rückzug der Most-Hid aus der aktuellen slowakischen Regierungskoalition möglich, wie Medien im Land berichteten. Die Partei soll nämlich, ähnlich wie die Opposition, die sofortige Abberufung von Innenminister Robert Kalinak (Smer) und Polizeipräsident Tibor Gaspar fordern, da diese keine Garantie für objektive Ermittlungen des Mordes an Kuciak sein können. Ein Treffen der drei Koalitionschefs Fico, Andrej Danko (SNS)und Bela Bugar am Donnerstag führte sichtlich vorerst zu keinem Ergebnis.

Slowakische Kommentatoren meinten am Donnerstag, die Regierungskoalition von Fico bewege sich auf “dünnem Eis”. Wegen der aktuell “sehr bestürzten” Stimmung in der Gesellschaft könnte der “kleinste Fehler” zum Sturz der ganzen Koalition führen, warnte der Politikwissenschaftler Michal Horsky in der Tageszeitung “Pravda”.

Hinter dem Tod von Kuciak müsse allerdings nicht unbedingt die italienische Mafia stecken, erklärte der slowakische Publizist und Extremismus-Experte Radovan Branik für den Nachrichtenserver aktualne.cz. Viel wahrscheinlicher hänge der Mord mit der sogenannten Justiz-Mafia in der Ostslowakei zusammen, über die noch nicht berichtet wurde, meinte er. Zu dem Thema hatte er auch Kuciak getroffen, eine weitere Zusammenarbeit habe der Mord aber verhindert.

Von: apa