General Haftar befahl Truppen, in Richtung Tripolis vorzurücken

Eskalation in Libyen: Druck auf General Haftar steigt

Samstag, 06. April 2019 | 21:52 Uhr

Die internationale Gemeinschaft erhöht ihren Druck auf den libyschen General Khalifa Haftar und fordert einen Stopp seines Vormarsches auf die Hauptstadt Tripolis. Die G-7-Staaten zeigten sich am Samstag bei einem Außenministertreffen sehr besorgt über die Lage in dem nordafrikanischen Land. Haftars Truppen berichteten unterdessen, sie seien bei ihrem Vormarsch aus der Luft angegriffen worden.

Der Angriff sei etwa 50 Kilometer südlich der Hauptstadt in der Region Al-Aziziya erfolgt, teilten die Libysche Nationale Armee (LNA) des abtrünnigen Generals Khalifa Haftar am Samstag mit. Das Flugzeug war nach LNA-Angaben in der westlibyschen Stadt Misrata gestartet. Die dort stationierten Truppen sind überwiegend loyal zur Regierung in Tripolis.

Haftars LNA hatte am Donnerstag mit einer Offensive auf die Hauptstadt begonnen. Dort hat die von den Vereinten Nationen unterstützte Regierung der Nationalen Einheit unter Ministerpräsident Fayez al-Sarraj ihren Sitz. Sie wird von Haftar und seinen Anhängern nicht anerkannt.

Regierungschef Serraj warnte am Samstag in einer Fernsehansprache vor einem “Krieg ohne Gewinner”. Serraj warf dem abtrünnigen General “Verrat” vor. “Wir haben unsere Hände dem Frieden entgegen gestreckt, aber nach der Aggression, die es von den zu Haftar gehörenden Truppen gab, und nach seiner Kriegserklärung gegen unsere Städte und unsere Hauptstadt (…) kann er nur auf Gewalt und Entschlossenheit treffen”.

Es sei gut, dass der UN-Sicherheitsrat ein klares Signal gegeben habe, “dass Schluss sein muss mit der militärischen Eskalation”, sagte Deutschlands Außenminister Heiko Maas am Rande des G-7-Treffens im bretonischen Küstenort Dinard. Deutschland, Frankreich und Italien riefen Haftar bei dem Treffen eindringlich zu einem Stopp seiner Offensive auf. “In Libyen wird es keinen militärischen Sieg geben. Die Lösung kann nur eine politische sein”, sagte der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian zum Abschluss des G-7-Außenministertreffens in Dinard.

Der UN-Sicherheitsrat hatte Haftar und seine selbst ernannte Libysche Nationalarmee (LNA) am Freitag aufgerufen, alle militärischen Bewegungen zu stoppen. “Es kann für den Konflikt keine militärische Lösung geben”, sagte der deutsche UN-Botschafter Christoph Heusgen in einer Erklärung, die er im Namen des Sicherheitsrates verlas.

Das Signal des Sicherheitsrats sei auch klar an Haftar gerichtet, sagte Maas. Die G-7-Runde sei sich einig gewesen, “dass wir alle unsere Möglichkeiten nutzen müssen, um Druck auszuüben, insbesondere auf die Verantwortlichen in Libyen, insbesondere General Haftar, dass jede weitere militärische Eskalation unterbleibt”. Auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow rief die libyschen Konfliktparteien bei einem Besuch in Ägypten zu einem Dialog ohne Vorbedingungen auf.

Die Appelle blieben zunächst ungehört. Augenzeugen meldeten am Samstag Gefechte südlich von Tripolis. Haftars Gegner versuchten offenbar, dessen Nachschubwege abzuschneiden. Unklar war zunächst, ob die Anhänger des Generals den seit 2014 stillliegenden internationalen Flughafen im Süden von Tripolis einnehmen konnten.

Haftar hatte seinen Truppen am Donnerstag den Befehl zum Vormarsch auf Tripolis gegeben, wo die international anerkannte Regierung von Fayez al-Sarraj sitzt. Der 75 Jahre alte General will die Hauptstadt einnehmen und das ölreiche Land unter seiner Führung vereinen. Allerdings muss er in Tripolis mit starkem Widerstand rechnen, weshalb Beobachter einen neuen Bürgerkrieg fürchten.

Die UNO will trotz der Eskalation an der für Mitte April geplanten Versöhnungskonferenz in der Stadt Ghadames festhalten. “Wir arbeiten weiter an einer politischen Lösung für Libyen”, sagte der UN-Vermittler für das Krisenland, Ghassan Salame, in Tripolis.

Die Operation des Generals bedeutet eine neue Eskalation in einem Land, das seit dem Sturz von Langzeitherrscher Muammar al-Gaddafi 2011 von Krisen erschüttert wird. Seit Jahren konkurrieren etliche Milizen um Macht und Pfründe, auch zwei Regierungen rivalisieren miteinander: eine in Tripolis, eine mit Haftar verbündete im Osten. Mehrere UN-Vermittler scheiterten daran, eine Lösung zu finden.

Haftar hat sich in den vergangenen Jahren zur einflussreichsten Figur Libyens entwickelt. Er genießt den Ruf eines Militärs, für den die Politik erst an zweiter Stelle kommt. Einst unterstützte er Gaddafi und gehörte zu dessen Kräften, als dieser 1969 an die Macht kam. Später aber kam es zum Bruch. Als Haftar 1987 im benachbarten Tschad in Gefangenschaft geriet, ließ Gaddafi ihn dort sitzen. Frei kam er mit Hilfe der USA, wo er anschließend über zwei Jahrzehnte im Exil lebte. Aus der Zeit stammt auch der Vorwurf, ein CIA-Agent zu sein.

Nach seiner Rückkehr nach Libyen 2011 versuchte er schon einmal, sich an die Macht zu putschen, scheiterte aber kläglich. Zuletzt konnte er aber seinen Einfluss mit einigem Geschick vom Osten des Landes bis weit in den Westen ausdehnen, häufig ohne großen Widerstand. Dafür setzte er auf ein Bündnis mit lokalen Milizen in einem Land, das in viele Ethnien und Stämme aufgeteilt ist. Sympathien findet Haftar bei Libyern, die dem jahrelangen Chaos überdrüssig sind und auf einen starken Mann hoffen, der das Land regiert und stabilisiert.

Haftar inszeniert sich dabei als Vorkämpfer gegen radikal-islamische Kräfte und kann nicht zuletzt deswegen auf Unterstützung aus dem Ausland zählen, vorneweg aus Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Sie sehen den General als ihren Mann, um die islamistischen Muslimbrüder zu bekämpfen, die sie zur Terrororganisation erklärt haben. Gute Kontakte pflegt Haftar zudem zu Saudi-Arabien und Russland, auch Frankreich unterstützt ihn. Zu seinen Truppen gehören Söldner aus dem Tschad und dem Sudan.

Doch Kritiker warnen, weil sie in dem 75-Jährigen einen wendigen Militär sehen, der das Land einer autoritären Herrschaft unterwerfen will. Zwar bekannte sich Haftar mit Worten zu Wahlen, unternahm aber nichts, um sie umzusetzen. Stattdessen sagte er dem Magazin “Jeune Afrique” im vergangenen Jahr, Libyen sei noch nicht reif für die Demokratie: “Vielleicht können sie spätere Generationen erreichen.”

Haftar scheint sich seiner Sache sicher zu sein und brüskierte sogar die UNO. Den Beginn der Offensive verkündete er, während UN-Chef Antonio Guterres in Tripolis weilte. Dieser wollte in Libyen die Versöhnungskonferenz vorbereiten, die die UNO organisiert.

Libyen-Beobachter halten Haftar jedoch längst nicht für so stark, wie er sich gibt, weil er seine Kräfte überdehnt habe. Sein Bündnis mit lokalen Milizen ist lose und könnte wieder auseinanderfallen. “Haftar hat sein Blatt überreizt”, twitterte der Libyen-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Wolfram Lacher.

Von: APA/dpa

Kommentare

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3 Kommentare auf "Eskalation in Libyen: Druck auf General Haftar steigt"


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sepp2
sepp2
Superredner
17 Tage 7 h

der sturz von Gaddafi war ein großer Fehler

Mistermah
Mistermah
Kinig
16 Tage 57 Min

Jep… sagte ich schon damals. Und dass libyen im Chaos versinken wird. Achja … ist ja wieder nur Verschwörung und gar nicht war. Den libyern geht es so gut wie noch nie. Schließlich haben wir, sorry Hillary, vom schrecken befreit und die Demokratie gebombt.. ääh nein bebracht 😊

zombie1969
zombie1969
Universalgelehrter
16 Tage 19 h

Mittlerweile ist man doch der Ansicht, dass einem einer in Militäruniform lieber ist als einer im Nachthemd und Vollbart. Von Demokratie haben zwar beide keine Ahnung, aber ersterer garantiert wenigstens teilweise religiöse Freiheiten und Biedermeiertum…

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