Tausende Menschen sollen belagerte Städte verlassen

Evakuierung von vier syrischen Städten begonnen

Freitag, 14. April 2017 | 15:36 Uhr

Nach einem Abkommen zwischen Regierungskräften und Rebellen haben in Syrien Tausende Zivilisten und Kämpfer vier belagerte Orte verlassen. Damit wird eine Einigung umgesetzt, die Medien zufolge vom Iran und von Katar vermittelt worden war. Die Opposition kritisiert sie als Zwangsbevölkerungsaustausch.

Begleitet von Krankenwagen verließen Freitagfrüh etwa 60 Busse mit rund 2.300 Menschen die beiden von regierungstreuen Kräften belagerten Orte Madaya und Zabadani nahe der Grenze zum Libanon, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und regierungsnahe Medien meldeten. “Die Menschen sind traurig, aber sie hatten keine Wahl”, berichtete ein Aktivist über Telefon der Deutschen Presse-Agentur. “Es ist, als ließe man sein ganzes Leben zurück.”

Zugleich hätten etwa 75 Busse rund 5.000 Einwohner aus den von Rebellen belagerten Orten Foua und Kefraya gebracht, hieß es weiter. Diese beiden Orte werden von allem von Schiiten bewohnt, die in Syrien eine Minderheit sind. Schon am Mittwoch hatten die Konfliktparteien Gefangene ausgetauscht.

Die Evakuierung der vier Städte wurde bereits im März unter der Schirmherrschaft von Katar und Iran vereinbart, verzögerte sich aber mehrmals. “Ich kann meine Gefühle nicht beschreiben, aber ich hoffe, dass eines Tages wieder Eintracht zwischen uns herrscht – so wie es einmal war”, sagte einer der Evakuierten, der nicht namentlich genannt werden wollte, bei der Ankunft in Rashideen. Die Einwohner von Foua und Kefraya in der nordwestlichen Provinz Idlib wurden von Aufständischen belagert. Nach ihrer Evakuierung sollen sie nach Aleppo, Latakia oder in die Hauptstadt Damaskus weiterreisen können.

Die Einwohner von Madaya und Sabadani, die von Regierungstruppen belagert worden waren, erhielten bei der Evakuierungsaktion die Möglichkeit, in die von Aufständischen gehaltenen Gebiete der Provinz Idlib zu fahren. Ein Teil der Bewohner Madayas entschied sich jedoch dafür, das Evakuierungsangebot auszuschlagen und in der Stadt zu bleiben. “Wir wissen nicht, was mit denen geschehen wird, die dort bleiben”, sagte der Arzt Mohammed Darwisch aus Madaya. Allerdings sei auch das weitere Schicksal der Evakuierten unklar. “Wir hoffen, dass wir bald zurückkommen können”, ergänzte Darwisch. “Schließlich ist das unsere Heimat.”

Insgesamt sollen mehr als 30.000 Menschen aus den vier Städten in Sicherheit gebracht werden. Nach jahrelanger Belagerung gab es in diesen Städten kaum noch Lebensmittel und medizinische Versorgung. Bereits am Mittwoch waren aufgrund der Vereinbarung mehrere Gefangene ausgetauscht worden. Katar unterstützt im syrischen Bürgerkrieg die Rebellen, der Iran die Regierung von Staatschef Bashar al-Assad.

Eigentlich hatte die Evakuierung am Dienstag vergangener Woche beginnen sollen. Es gab jedoch Bedenken auf beiden Seiten und weitere Verhandlungen. Der mutmaßliche Giftgasangriff in der Provinz Idlib am 4. April verschärfte die Spannungen. Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen leben mindestens 600.000 Syrer in Gebieten, die von feindlichen Kampfeinheiten umzingelt sind.

In den vergangenen Monaten waren nach Abkommen zwischen Regierung und Rebellen bereits mehrere von der Regierung belagerte Orte evakuiert worden. Die Opposition wirft den Regierungskräften vor, diese Gebiete durch Aushungern und Bombardierungen zur Aufgabe gezwungen zu haben.

Die USA attackierten unterdessen nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff in Syrien zugleich die Regierung in Damaskus und ihren Verbündeten Russland scharf. US-Botschafter Kenneth Ward in Den Haag warf Syrien vor, noch immer Chemiewaffen zu besitzen und sie bewusst einzusetzen. Moskau unterstütze Syrien dabei, “die Wahrheit zu verbergen” und schütze das Land vor den Konsequenzen, erklärte Ward bei einer Sondersitzung der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW). Als Reaktion auf den Angriff hatten die USA einen syrischen Luftwaffenstützpunkt bombardiert.

Damaskus weist jede Verantwortung zurück und sagte der OPCW zur Aufklärung ihre Unterstützung zu. “Wir werden alles fördern, was zum Erfolg führt, einen objektiven Bericht zu ermöglichen”, sagte der syrische Außenminister Walid al-Muallem am Freitag in Moskau.

Syriens Verbündeter Russland übte zugleich scharfe Kritik an der Arbeit der OPCW nach den Giftgasvorwürfen vom 4. April. Sonderermittler der OPCW untersuchen den Fall. Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf der Organisation vor, sich dazu nicht auf syrisches Gebiet zu begeben und aus der Entfernung nach Beweisen zu suchen. Dies sei nicht objektiv, sagte Lawrow. Auch der syrische Außenamtschef Al-Muallem lehnte das Vorgehen entschieden ab, auf türkischem Gebiet Proben zu sammeln und nicht in Syrien selbst. Die russische Regierung betonte, das Vertrauen in die OPCW sinke.

Von: APA/ag.