Böhler wurde damals "an den Pranger gestellt"

Ex-Hypo-Chefermittler übt Kritik an Justiz und Politik

Sonntag, 07. Januar 2018 | 14:08 Uhr

Der ehemalige Hypo Alpe Adria-Chefermittler Christian Böhler übt in der “Presse am Sonntag” massive Kritik an Politik und Justiz im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Milliardenpleite der Bank. Der nunmehrige Landwirt Böhler zeigt sich verblüfft darüber, dass der Weg des verschwundenen Geldes nicht nachvollzogen wurde und dass die Staatsbürger dem ganzen so teilnahmslos zugesehen haben.

“Ich habe mich oft gewundert, dass da noch keiner auf die Straße geht und sagt: Ja seid’s ihr deppert. Geht’s doch endlich das Geld suchen. (…) Und ich war verwundert, dass das Thema nicht für alle Beteiligten auf allen Ebenen die Causa prima ist. Ich lasse mir das nicht einmal einreden, wenn wir uns das leisten könnten. Aber wir können es uns ja nicht leisten. Fragt man heute die Leute zur Causa Hypo und zum U-Ausschuss, sagen alle, dass eh nichts herausgekommen ist. Das ist furchtbar”, so Böhler.

Er sei vom Paulus zum Saulus gestempelt und an den Pranger gestellt worden, sagte Böhler über Ermittlungen gegen ihn, weil er Informationen an die Neos weitergegeben haben soll. Die Ermittlungen hatten zur Folge, dass er beim Hypo-U-Ausschuss nicht aussagen durfte – zwei Wochen nach dem Ausschussende wurden dann die Ermittlungen eingestellt. Er sei sich nicht einmal sicher gewesen, ob am Anfang überhaupt von allen Seiten Interesse geherrscht habe, die Pleite aufzuklären. Es habe jedenfalls an Kooperationsbereitschaft bei der Aufklärung gemangelt.

“Schauen Sie, wenn ich die Geldtasche draußen verloren habe, bitte ich Sie, mir schnell suchen zu helfen. Die Milliarden aber, die der Staat bei der Hypo und anderen Fällen verloren hat, beunruhigten die Zuständigen nicht sehr. Man würde sich als Steuerzahler mehr erwarten”, so sein Resümee. Des weiteren hätte die Politik zu wenig Druck auf Balkanstaaten gemacht, um deren Kooperationsbereitschaft zu erhöhen.

Zu den Hypo-Konten in Liechtenstein hielt der Ex-Chefvermittler fest: “Mit mehr politischem Druck hätten wir zumindest mehr Einsicht bekommen, wie das verbrecherische System funktioniert hat. Je mehr ich einsehe, umso größere Chancen habe ich, auch zum Geld zu kommen. Die Chance wäre enorm gestiegen. Sie ist übrigens noch immer da.”

Österreich habe sich jedenfalls nur einen “Bruchteil” des Geldes zurückgeholt, das verloren gegangen war. Sichtbar werde dies am Beispiel des Investmentbankers Wolfgang Flöttl, das im Zuge der Paradise Papers wieder aufgepoppt ist, weil Flöttl entgegen seinen Aussagen beim Bawag-Prozess doch einige Konten laufen hat, obwohl er behauptet hatte, die Milliarden der Bawag verspekuliert zu haben. Dazu Böhler: “Na, wir berauben uns selbst, der Staat beraubt sich seines Geldes, indem er solche Fälle – und ich sage das, ohne den Fall genau zu kennen – zu lange nicht bearbeitet. Und wenn zu lange nichts getan wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass man etwas findet. Geld sollte eigentlich ein Mascherl haben, und das sollte heutzutage möglich sein, um die Spur zu verfolgen.”

Von: apa

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