Das Präsidenten-Paar beim "Fest der Freude"

“Fest der Freude” mit Friedensappellen

Sonntag, 08. Mai 2022 | 22:28 Uhr

Zwei Jahre lang musste das “Fest der Freude” anlässlich des Jahrestags der Befreiung Österreichs wegen der Corona-Pandemie in den virtuellen Raum ausweichen. Erst an diesem Sonntagabend konnte man sich wieder in Präsenz am Wiener Heldenplatz zusammenfinden. Bundespräsident Alexander Van der Bellen betonte in seiner Festrede auch mit Blick auf den Ukraine-Krieg, Friede und Freiheit müssten immer weiter erkämpft, gehütet und bewahrt werden.

Seit 2013 findet das “Fest der Freude”, organisiert vom Mauthausen-Komitee, statt. Es war letztlich eine Reaktion auf das höchst umstrittene Burschenschafter-Gedenken anlässlich des Weltkriegs-Endes in Österreich, das die Berichterstattung über viele Jahre am 8. Mai mit geprägt hatte. Partner waren von Beginn an die Wiener Symphoniker, die geleitet vom israelischen Dirigenten Lahav Shani am Sonntag Werke von Richard Strauss, Krzysztof Penderecki und Sergej Rachmaninow spielten. Gesangsbeiträge kamen von der israelischen Sopranistin Chen Reiss. Die Wiener Philharmoniker hatten das Gedenken der Regierung zu Mittag begleitet.

Van der Bellen meinte, in die Freude um das Fest mische sich heuer wieder ein Gefühl der Trauer. Nicht weit weg, in der Ukraine, herrsche in Europa wieder ein Krieg, ein albtraumhafter Schrecken. Unser aller Menschenpflicht sei es, die Augen hier nicht zu verschließen und zu helfen.

Wenn Friede und Freiheit bedroht seien, brauche es Entschlossenheit, Mut und politischen Widerstand. Das sei nicht nur zur Zeit des Nationalsozialismus wichtig gewesen. Es müsse überall angesetzt werden, wo begonnen werde, Freiheit und liberale Demokratie zu unterminieren: “Es heißt nicht umsonst, wehret den Anfängen.”

Als positiv wertete das Staatsoberhaupt, dass Österreich heute ein Land sei, das die damals Vertriebenen und ihre Nachkommen willkommen heiße, auch wenn es lange gedauert habe, die Verantwortung für das NS-Regime anzunehmen. Eine jener, die dem Nazi-Terror entkommen konnten, war die Zeitzeugin Erika Freeman, die als Kind unbegleitet in die USA ausreisen konnte und dort später zu einer prominenten Psychoanalytikerinnen wurde.

Ihr Redebeitrag am Sonntagabend war vom Gedanken der Versöhnung geprägt. Die 94-Jährige schilderte ihr Schicksal durchaus auch mit Humor, verbunden mit einem Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit, Eigenschaften, die den Nazis fehlen: “Das sind nicht einmal Faschisten, weil die haben ein Gewissen. Die haben nur Schadenfreude und Hass.”

Einen Seitenhieb auf jene Geschehnisse, die Europa aktuell im Bann halten, vergaß Freeman nicht: “Wenn ein kleiner Mann halbnackt auf einem Pferd sitzt, dann pass auf”, so die Zeitzeugin mit einem Seitenhieb auf Wladimir Putin und einschlägige Propaganda-Bilder des russischen Staatschefs. Grundsätzlich war ihre Botschaft aber eine durchgehend humanistische: “Die Menschen sind das teuerste, was wir haben. Einander kennen zu lernen macht uns fröhlich und gesund und manchmal sogar geliebt.”

Abschließender Redebeitrag war per Video jener des Schriftstellers Daniel Kehlmann, der die Gefühle seines Vaters, des Regisseurs Michael Kehlmann, der unter den Nazis inhaftiert, am Tag der Befreiung beschrieb. Mit dem Gefühl der Freude darüber schwingt aber die Erkenntnis mit, dass Menschen immer unzuverlässig und korrumpierbar sein würden. Beendet wurde das “Fest der Freude” nach zwei Stunden wie üblich mit Beethovens “Ode an die Freude”.

Von: apa

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