Papst entzündete die Friedensfackel

Franziskus mahnt Kolumbianer zur Aussöhnung

Donnerstag, 07. September 2017 | 19:43 Uhr

Zum Auftakt seines Kolumbien-Besuchs hat Papst Franziskus dazu aufgerufen, nach dem historischen Friedenspakt mit der FARC-Guerilla der Gewalt dauerhaft abzuschwören. Nach über 220.000 Toten in dem 50 Jahre langen Konflikt mahnte er, den Weg der Aussöhnung und nicht der Rache zu gehen. Die Suche nach dem Frieden sei immer “eine offene Sache”, betonte Franziskus am Donnerstag in Bogota.

Entlang der Wegstrecken des Papamobils jubelten ihm Hunderttausende zu, die Leibwächter wurden nervös. Fast 35.000 Polizisten und Soldaten schützen den Papst-Besuch. Franziskus appellierte, “in der Anstrengung nicht nachzulassen, die Einheit der Nation aufzubauen”. Der Mensch, seine Würde und die Achtung des Gemeinwohls müssten im Zentrum allen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Handelns stehen, forderte der 80-Jährige. Der Vatikan hatte in den Verhandlungen mit der linken FARC-Guerilla in Havanna eine entscheidende Rolle gespielt – kurz vor dem Besuch verkündete auch die letzte verbliebene Guerillagruppe ELN eine Waffenruhe bis Ende des Jahres. Auch mit der ELN-Guerilla will die Regierung bald einen Friedensschluss erreichen.

“Sie haben eine schöne und edle Mission vor sich, die zugleich eine schwierige Aufgabe ist”, sagte der Papst. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos betonte: “Kolumbien ist das Land, das die Waffen tauscht gegen Worte.” Tausende Leben seien so bereits gerettet worden, die Waffen würden eingeschmolzen. Er hatte für das in fast vierjährigen Verhandlungen erreichte Friedensabkommen mit der FARC 2016 den Friedensnobelpreis erhalten. Die 6800 Kämpfer haben ihre Waffen den Vereinten Nationen übergeben und wollen nun als Partei für ihre Ziele wie eine gerechtere Landverteilung kämpfen.

Kolumbien wird angesichts vieler Krisen in der Welt als ein positives Beispiel in schwierigen Zeiten gesehen. Bereits bei der Landung in der Hauptstadt Bogotá stand das Friedensthema im Mittelpunkt. Dutzende Kriegsopfer in Rollstühlen begrüßten den Papst, der sie umarmte. Bei der Fahrt mit dem Papamobil in die Stadt gab es zeitweise kein Durchkommen mehr, die Sicherheitsleute reagierten sichtbar nervös. “Verliert nie die Hoffnung und die Freude”, sagte der Papst mit Blick auf den Friedensprozess.

Der Besuch des Papstes fällt in eine kritische Phase: Die Zustimmung zu Präsident Santos ist stark gesunken – ihm werden zu viele Zugeständnisse an die FARC-Guerilla vorgeworfen. So gibt es milde Strafen für Verbrechen und Sozialleistungen beim Übergang in ein normales Leben. Zudem werden der FARC-Partei, die sich als Anwalt der armen Landbevölkerung sieht, bis 2026 zehn Kongresssitze und entsprechende hohe finanzielle Zuwendungen garantiert. Auch gibt es Hinweise, dass andere kriminelle Gruppen in früheren FARC-Gebieten die Kontrolle etwa über den Drogenhandel übernehmen.

Santos setzt angesichts der wachsenden Gegnerschaft auf die Unterstützung des Papstes. Das Motto des Besuchs lautet: “Gehen wir den ersten Schritt.” Der langjährige FARC-Chef Rodrigo Londono unterstrich die großen Hoffnungen, die mit dem Besuch verbunden sind: “Danke, dass Sie den Frieden unterstützen”, teilte er mit. “Dieses wunderbare Volk empfängt Sie mit großem Enthusiasmus.”

Mehrere Millionen Menschen werden bei den Besuchen in Bogotá, in der früheren Konfliktregion Villavicencio sowie in Medellín und Cartagena erwartet. An der Messe in Villavicencio sollen auch 6000 Opfer des Konflikts zwischen linker Guerilla, Militär und rechten Paramilitärs sowie ehemalige Guerillakämpfer teilnehmen.

Mit Spannung wird erwartet, was der aus Argentinien stammende Papst zur Lage im Nachbarland Venezuela sagen wird – er hatte Präsident Nicolas Maduro mit eindringlichen Worten vor einem Ende der Demokratie im Land mit den größten Ölreserven gewarnt. Der Appell, auf die Einsetzung einer neuen Volksversammlung zu verzichten, die das Parlament inzwischen entmachtet hat, verhallte aber ungehört. Kritiker sprachen von einem Fehlschlag der Vatikan-Diplomatie, weil der Appell des Papstes viel zu spät gekommen sei.

Zuvor hatten Papst Paul VI. im Jahr 1968 und Johannes Paul II. im Jahr 1986 Kolumbien besucht. Beim letzten Besuch stand das Gedenken an die rund 25 000 Menschen in der Stadt Armero im Vordergrund, die durch eine verheerende Schlamm- und Gerölllawine nach einem Vulkanausbruch getötet worden waren.

Von: apa

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