Zehn von elf Kandidaten für den Elysee-Palast

Französische Präsidentschaftskandidaten streiten über Europa

Mittwoch, 05. April 2017 | 14:59 Uhr

In einer teils hitzig geführten TV-Debatte haben die elf französischen Präsidentschaftskandidaten über die EU und innenpolitische Themen gestritten. So lieferte sich der parteilose Zentrums-Kandidat Emmanuel Macron am Dienstagabend einen harten Schlagabtausch mit der Rechtspopulistin Marine Le Pen über die EU und den Euro.

Bei der zweiten Fernsehdebatte für die diesjährige Präsidentschaftswahl – die erste Runde findet am 23. April statt – nahmen alle elf Kandidaten teil. Das war eine Premiere in Frankreich. In der vierstündigen Mammut-Diskussionsrunde wurde unter anderem über Arbeitslosigkeit, Wirtschaftsreformen, Sicherheit und Staatsausgaben diskutiert. Dabei ging es in den Nachrichtensendern BFMTV und CNews teilweise heftig hin und her, immer wieder fielen sich die Kandidaten gegenseitig ins Wort. Laut einer Umfrage schnitt der angriffslustige Linkspartei-Gründer Jean-Luc Melenchon knapp drei Wochen vor der Wahl am besten ab.

Als ein zentrales Streitthema kristallisierte sich Europa heraus: Präsidentschaftsfavorit Macron griff seine Rivalin Le Pen für ihre Pläne an, Frankreich aus der EU zu führen und zu einer nationalen Währung zurückzukehren. “Was Sie vorschlagen, ist der Nationalismus”, sagte der sozialliberale Reformpolitiker. “Nationalismus bedeutet Krieg.”

Die Front-National-Chefin hielt ihm deswegen vor, er packe “mindestens 50 Jahre alte Kamellen” aus. Macron entgegnete: “Frau Le Pen, sie holen die Lügen hervor, die wir schon seit 40 Jahren hören und die wir aus dem Mund ihres Vaters hörten” – ein Verweis auf FN-Gründer Jean-Marie Le Pen.

Der 39-jährige Ex-Wirtschaftsminister warf der Rechtspopulistin zudem vor, mit ihren Vorschlägen für einen Austritt aus der Eurozone und für Protektionismus einen “Wirtschaftskrieg” anzuzetteln. Außerdem würde eine Abkehr vom Euro die Kaufkraft der Franzosen schwächen. Auch der konservative Kandidat Francois Fillon griff Le Pen für ihre Europapolitik an.

Neben Le Pen vertraten mehrere andere Kandidaten sehr europakritische Positionen, unter ihnen der Gaullist Nicolas Dupont-Aignan und der Rechtsnationalist Francois Asselineau, der einen “Frexit” ohne vorgeschaltetes Referendum will. Linkspartei-Gründer Melenchon machte die EU für die Sparpolitik verantwortlich und forderte erneut, die EU-Verträge neu zu verhandeln oder aufzukündigen.

Nachdem bei der ersten TV-Debatte vor zwei Wochen nur die fünf wichtigsten Kandidaten Macron, Le Pen, Fillon, Melenchon und Benoit Hamon eingeladen waren, kamen nun auch die sechs anderen Bewerber zum Zug: Dupont-Aignan, Asselineau, Nathalie Arthaud von Lutte Ouvriere (Arbeiterkampf), Philippe Poutou von der Neuen Antikapitalistischen Partei, der zentrumsliberale Abgeordnete Jean Lassalle und der Unabhängige Jacques Cheminade.

Sie nutzten die TV-Debatte, die von 6,3 Millionen Fernsehzuschauern verfolgt wurde, besonders als Bühne: So attackierte der Trotzkist Poutou, der in einem einfachen Pullover auf der Bühne stand, die in Scheinbeschäftigungsaffären verstrickten Kandidaten Le Pen und vor allem Fillon: “Je tiefer man bei Francois Fillon wühlt, desto mehr riecht es nach Korruption und Schummelei.”

Fillon reagierte dünnhäutig – und drohte Poutou einen Prozess an. Der einstige Präsidentschaftsfavorit, der wegen der Scheinbeschäftigungsaffäre um seine Ehefrau in Umfragen hinter Macron und Le Pen auf den dritten Platz zurückgefallen ist, blieb in der Diskussionsrunde lange zurückhaltend, wurde dann aber präsenter.

Gewohnt angriffslustig und schlagfertig zeigte sich Linkspartei-Gründer Melenchon, der immer wieder Le Pen attackierte. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Elabe konnte der 65-Jährige in der Debatte am meisten punkten: 25 Prozent hielten ihn für den überzeugendsten Kandidaten, gefolgt von Macron mit 21 Prozent.

Die Fernsehdebatten sind für die Kandidaten sehr wichtig: Knapp drei Wochen vor der Wahl sind viele Franzosen noch unentschlossen, wem sie ihre Stimme geben sollen. Umfragen sagen derzeit für die erste Wahlrunde am 23. April ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Macron und Le Pen voraus. In der Stichwahl am 7. Mai wäre Macron dann klarer Favorit.

Von: APA/ag.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz