Naser Oric gilt vielen als Kriegsheld

Freispruch für bosnischen Ex-Kriegskommandanten Oric

Montag, 09. Oktober 2017 | 14:53 Uhr

Ein Gericht in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt Sarajevo hat am Montag den Ex-Kommandant der bosnisch-muslimischen Truppen in Srebrenica, Naser Oric, freigesprochen. Der 50-Jährige hatte sich wegen der Ermordung dreier serbischer Kriegsgefangener im Osten Bosniens im Jahr 1992 verantworten müssen. Das Gericht befand Orics Waffenbruder Sabahudin Muhic ebenfalls für nicht schuldig.

Dutzende Menschen applaudierten Oric, als er das Gerichtsgebäude verließ und in einem Geländewagen verschwand. Oric gilt vielen bosnischen Muslimen als Held, weil er während des Bosnienkriegs (1992 bis 1995) die Verteidigung seiner Heimatstadt Srebrenica gegen die serbischen Belagerer organisierte. Die Freisprüche für die “Verteidiger von Srebrenica” sind für sie eine Genugtuung.

Viele Serben – sei es in Bosnien oder im benachbarten Serbien – sprechen dagegen von einem krassen Fehlurteil. Für sie ist Oric ein “Mörder”, der mit seinen Gefolgsleuten zwischen 1992 und 1995 gegen serbische Dörfer in der Umgebung Srebrenicas vorging und dort Verbrechen gegen Zivilisten und Kriegsgefangene beging. Gemäß einem von serbischen Behörden 2014 ausgestellten Haftbefehl wollte Oric die Serben durch Einschüchterung, Folter und Mord vertreiben.

Wenig überraschend ist somit auch die Reaktion bosnisch-serbischer und serbischer Spitzenpolitiker. Milorad Dodik, der bosnische Serbenführer und Präsident der Republika Srpska, brachte in seiner ersten Reaktion am Montag erneut die umstrittene Volksabstimmung über die gesamtstaatliche Justiz ins Spiel.

Der serbische Verteidigungsminister Aleksandar Vulin erklärte, das Urteil gefährde “den Frieden, die Sicherheit, das Vertrauen und die Versöhnung auf dem gesamten Balkan”. Vinko Lale, Vorsitzender einer Vereinigung ehemaliger serbischer Kriegsgefangener in Srebrenica, sagte, das Urteil werde zur “Radikalisierung” beitragen.

Der serbische Präsident Aleksandar Vucic versuchte unterdessen zu beruhigen. Er kritisierte zwar ebenso die Gerichtsentscheidung, appellierte aber gleichzeitig an seine Landsleute, kein schlechtes Wort” über Angehörige der muslimischen Volksgruppe der Bosniaken zu verlieren.

Das zur UNO-Enklave erklärte Srebrenica wurde im Juli 1995 von bosnisch-serbischen Einheiten eingenommen, die Schätzungen zufolge 8.000 bosnische Muslime – Männer und Buben – ermordeten. Das Massaker gilt als schlimmstes Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs 1945.

Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag stufte das Massaker als “Völkermord” ein. Belgrad und Moskau lehnen diesen Begriff als “einseitige Stigmatisierung” des serbischen Volks ab und sprechen stattdessen von den Taten einzelner Verbrecher.

Der Haager Gerichtshof hatte den 2003 festgenommen Oric 2006 zu zwei Jahren Haft verurteilt. Im Urteil hieß es, er sei während des Bosnienkriegs nicht genügend gegen Verbrechen eingeschritten, die seine Truppen an Serben verübten. Zwei Jahre später wurde Oric in einem Berufungsverfahren freigesprochen.

Belgrad reagierte seinerzeit mit Empörung auf den Freispruch. Serbische Politiker und Verbände beschuldigten das Gericht, einseitig zu Ungunsten der Serben zu urteilen. Nach Angaben serbischer Vereinigungen wurde bisher nicht ein muslimischer Bosnier wegen der seinerzeit im Gebiet um Srebrenica an Serben verübten Verbrechen verurteilt. Opferorganisationen zufolge wurden dort während des Konflikts 2.438 serbische Zivilisten und Soldaten getötet.

2015 wurde Oric aufgrund des serbischen Haftbefehls in der Schweiz festgenommen, aber nicht nach Serbien, sondern nach Bosnien-Herzegowina ausgeliefert. Der damalige serbische Regierungschef und heutige Präsident Vucic beschuldigte Oric, dem Kriegsgefangenen Slobodan Ilic 1992 die Augen ausgestochen und dann getötet zu haben.

Während des im Jänner 2006 begonnenen Prozesses in Sarajevo wegen der Ermordung Ilics und zwei weiterer Gefangener sagte Oric wiederholt, dass er als Soldat keine Reue empfinde. Aussagen von Zeugen, wonach der Angeklagte im Juli 1992 einen der drei Kriegsgefangenen erwürgte, bestritt Oric.

Oric war als junger Polizist tagsüber Personenschützer des einstigen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Im Nebenjob war er als Türsteher in Belgrader Nachtklubs tätig. Zu Beginn des Bosnienkrieges befand er sich in Srebrenica, wo er ab April 1992 die bosnisch-muslimischen Truppen befehligte. Drei Monate vor dem Fall der Stadt am 11. Juli 1995 wurde er zusammen mit anderen Offizieren zu Militärübungen abgezogen.

Von: APA/ag.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz