Giftattentat belastet Beziehungen zu Russland

Giftaffäre: Russische Diplomaten verließen Großbritannien

Dienstag, 20. März 2018 | 18:44 Uhr

Wegen des Giftanschlags auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal haben 23 russische Diplomaten Großbritannien verlassen müssen. Sie und ihre Familien wurden am Dienstag mit einem Sonderflug nach Moskau gebracht, wie die Agentur Tass meldete.

Die britische Premierministerin Theresa May macht Russland für den Anschlag verantwortlich. Sie hatte die Ausweisung der Diplomaten vergangene Woche im Parlament als eine von mehreren Sanktionen verkündet. Von dem Schritt waren inklusive Familienangehöriger etwa 80 Menschen betroffen, wie der russische Botschafter in London, Alexander Jakowenko, sagte. Moskau verweist im Gegenzug 23 britische Diplomaten des Landes.

Das russische Außenministerium lud in einem ungewöhnlichen Schritt alle in Moskau akkreditierten Botschafter ein, um ihnen am Mittwoch die russische Sicht auf den Fall darzulegen. Sprecherin Maria Sacharowa kritisierte die Diskussion, ob das eingesetzte Gift tatsächlich der Kampfstoff Nowitschok sei. Das lenke nur davon ab, dass Großbritannien keine Informationen zum Fall Skripal liefere, sagte sie der Agentur Interfax zufolge.

Skripal (66) und seine Tochter Yulia (33) waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury gefunden worden. Sie wurden nach Londoner Angaben mit dem in der früheren Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok vergiftet. London bezichtigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin als direkten Drahtzieher des Attentats. Auch am Dienstag wiederholte der britische Außenminister Boris Johnson in Interviews diese Aussage.

Laut Johnson gibt es Beweise, dass Moskau auch in den vergangenen Jahren dieses Nervengift produziert und gehortet habe. Der Kreml weist die Vorwürfe strikt zurück: Die Substanz könnte auch in Großbritannien und anderen Ländern hergestellt worden sein, hieß es.

Wegen der Attacke mit einem gefährlichen chemischen Kampfstoff haben sich Deutschland, Frankreich und die USA sowie auch EU und NATO auf die Seite Großbritanniens gestellt. Bei einem Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und dem russischen Staatschef Wladimir Putin am Dienstag habe das Thema aber keine Rolle gespielt, sagte ein Kreml-Sprecher.

Ein russischer Experte und angeblicher Mitentwickler des Nervengifts zweifelte die britischen Vorwürfe an. Das Gift, das für den Anschlag auf Skripal in Großbritannien verwendet wurde, könne auch außerhalb Russlands hergestellt worden sein, sagte der Chemiker Leonid Rink der staatlichen Agentur Ria Nowosti. Auch in Großbritannien gebe es Spezialisten, die dies hätten machen können. In anderen russischen Aussagen wurden außerdem die USA, Tschechien oder Schweden als mögliche Herkunftsländer genannt. In Prag zitierte der tschechische Außenminister Martin Stropnicky deshalb für Mittwoch den russischen Botschafter Alexander Smejewski herbei. Er solle die “lügnerische Aussage der russischen Seite” erklären, das bei dem Anschlag verwendete Nervengift Nowitschok könne aus Tschechien stammen.

Nach dem Nervengiftanschlag soll sich der EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag in Brüssel mit der Abwehr von atomaren, biologischen und chemischen (ABC) Risiken befassen. EU-Ratspräsident Donald Tusk erklärte Dienstag in seinem Schreiben an die EU-Staats- und Regierungschefs, er wolle die Abwehr der EU durch stärkere Kooperation in der EU und NATO stärken. Der Anschlag von Salisbury soll laut einem Gipfelentwurf von der EU erneut verurteilt werden. Dabei soll auch der Gipfel festhalten, dass die Anschuldigungen Großbritanniens, wonach Russland höchstwahrscheinlich hinter der Attacke stehe, “äußerst ernst” genommen werden. “Wir stehen in uneingeschränkter Solidarität mit Großbritannien angesichts dieser schweren Herausforderung für unsere gemeinsame Sicherheit”, heißt es in dem Gipfelentwurf. Die EU sollte die Kapazitäten verstärken, um “hybride Bedrohungen” abzuwenden, darunter in den Bereichen Cyber, strategische Kommunikation und Spionageabwehr. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini soll bis zum Juni darüber Bericht erstatten, heißt es in dem Entwurf.

Von: APA/dpa