"Vom Hof auf den Teller": Ziel ist umweltfreundlichere Produktion

Green Deal: EU stellt Plan für Ernährung und Artenschutz vor

Mittwoch, 20. Mai 2020 | 10:28 Uhr

Ein Nährwertlogo auf Lebensmitteln, weniger Pestizide auf dem Acker, mehr Naturschutz: Europa soll nach dem Willen der EU-Kommission zum weltweiten Vorreiter für nachhaltige Ernährung und biologische Vielfalt werden. Am Mittwoch legt die Behörde ihre Pläne als Teil des “Green Deal” für ein klimaneutrales Europa bis 2050 vor. Sie dürften sich auf die Ernährung von Millionen Verbrauchern auswirken.

Der Kampf gegen den Klimawandel ist für die EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen Topthema, stand aber zuletzt im Schatten der Corona-Krise. Deshalb verzögerte sich auch die Vorstellung der beiden Strategien, die später in Gesetzesvorschläge gegossen werden sollen.

Konkret geht es am Mittwoch neben einer Strategie zur Stärkung des Artenschutzes um die “Vom Hof auf den Teller”-Strategie für eine umweltfreundlichere Produktion von Lebensmitteln. Ziel ist, weniger Pestizide, Antibiotika und Düngemittel einzusetzen, Tierschutz zu verbessern und Fischerei nachhaltiger zu gestalten, wie aus einem Entwurf hervorgeht. Ebenso sollen die Menge weggeworfener Lebensmittel und der Verpackungsmüll reduziert werden.

Um Verbrauchern die Wahl im Supermarkt zu erleichtern, will die EU-Kommission zudem ein verpflichtendes Nährwertlogo für Lebensmittel vorschlagen. Man wolle die Menschen dazu befähigen, eine gesunde und nachhaltige Wahl zu treffen, heißt es in dem Entwurf. Deutschland führt ein solches Nährwertlogo bereits ein – allerdings auf freiwilliger Basis der Hersteller. Die neuen Regeln sollen noch in diesem Jahr in Kraft treten. Es geht um eine freiwillige Verwendung des Logos auf der Vorderseite von Fertigprodukten.

Die zweite Strategie soll die Artenvielfalt sichern, die in den vergangenen Jahrzehnten drastisch abgenommen hat. Zentraler Punkt des Biodiversitäts-Plans ist die Ausweitung von Schutzgebieten: 30 Prozent der europäischen Land- und Meeresfläche sollen unter Schutz gestellt werden, zehn Prozent sogar unter besonders strengen Auflagen quasi naturbelassen bleiben. Zudem wird das Ziel gesetzt, bis 2030 drei Milliarden neue Bäume zu pflanzen.

Die Grünen-Europapolitikerin Anna Deparnay-Grunenberg lobte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa ausdrücklich, dass die EU-Kommission trotz der Corona-Krise den “Green Deal” vorantreibt. Allerdings kritisierte sie, dass die Strategie an verschiedenen Punkten auf Druck von Lobbyisten verwässert worden sei. Zehn Prozent des Landes als Rückzugsorte und “biologisches Reservoir” für die Artenvielfalt zu sichern, sei zwar ein starkes Signal, reiche aber nicht aus.

Letztlich brauche man auch einen neuen Ansatz in der Landwirtschaftspolitik: “Wir werden weder die “Vom Hof auf den Teller”-Strategie noch die Biodiversitätsstrategie hinkriegen, wenn wir nicht an die Gemeinsame Agrarpolitik rangehen”, sagte die Europaabgeordnete. Die EU-Staaten beraten seit Jahren über eine Agrarreform, kommen aber kaum voran.

Laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace ist der blinde Fleck der EU-Kommission in ihrer künftigen Lebensmittel- und Landwirtschaftsstrategie die industrielle Tierhaltung. Für Greenpeace zeichnet sich ab, dass die EU-Behörde in Brüssel das aus ihrer Sicht “größte umweltpolitische Problem im Ernährungs- und Agrarbereich”, die “massive Überproduktion von Fleisch in industrieller Massentierhaltung mit katastrophalen Auswirkungen auf Tier, Mensch und Klima”, nicht anspricht. Um das Lebensmittelsystem umweltschonender zu machen, müsse jedoch eine Strategie eine Reduktion der Tierhaltung in Europa beinhalten.

“Es ist inzwischen wissenschaftlich vielfach belegt, dass der Überkonsum von Fleisch, Milch und Eiern schlecht für unser Klima und schlecht für unsere Gesundheit ist”, heißt es in einer Aussendung der Umweltschutzorganisation von Dienstag. Zudem litten Nutztiere unter den schlechten Haltungsbedingungen in der Massentierhaltung.

Greenpeace führt auch als Argument an, dass die Nutztierhaltung ineffizient sei. Den Tieren müssen deutlich mehr Kalorien gefüttert werden, als sie schließlich selbst in Form etwa von Fleisch wieder bereitstellen. Wenn pflanzliche Lebensmittel direkt für Menschen produziert werden und nicht als Futtermittel für Tiere, sei dies ressourcenschonender. In der Europäischen Union essen laut der Umweltschutzorganisation Menschen im Schnitt doppelt so viel Fleisch wie gesundheitlich maximal empfohlen, in Österreich sind es im Schnitt dreimal so viel.

71 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in der EU werden demnach für Tierfutter verwendet. Gleichzeitig bestehe eine hohe Abhängigkeit von importierten Futtermitteln wie Soja, für deren Anbau oft Regenwald abgeholzt werde, so Greenpeace. Dies fördere den Klimawandel.

Der Umweltschutzorganisation zufolge gehen zwischen 28 Milliarden und 32 Milliarden Euro der europäischen Agrarsubventionen jährlich an Tierhaltungsbetriebe oder Betriebe, die Futtermittel für Tiere erzeugen. Das sind 69 bis 79 Prozent aller EU-Agrar-Direktzahlungen bzw. 18 bis 20 Prozent des gesamten EU-Budgets.

Der “Green Deal” zielt darauf ab, die Europäische Union bis 2050 “klimaneutral” zu machen. Das heißt, ab dann sollen keine neuen Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen werden. Was nicht eingespart werden kann, muss gespeichert werden. Landwirtschaft trägt vor allem in der Viehzucht erhebliche Mengen Klimagase bei. Andererseits kann Aufforstung große Mengen Kohlendioxid binden.

Von: APA/dpa

Kommentare

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18 Kommentare auf "Green Deal: EU stellt Plan für Ernährung und Artenschutz vor"


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Missx
Missx
Universalgelehrter
9 Tage 17 h

Der Hof woher das Rind kommt, darf aber ruhig in Argentinien liegen, oder?

romanok1966
romanok1966
Neuling
9 Tage 16 h

Informieren Sie sich beim Schlachter, woher Ihr Fleisch kommt, und kaufen Sie nur einheimische Produkte. Ich mache das seit 20 Jahren und es funktioniert.

Faktenschnecker
Faktenschnecker
Grünschnabel
9 Tage 15 h

Ja, sonst ist es ja kein Argentinisches Rindersteak mehr.

Stolzz
Stolzz
Grünschnabel
9 Tage 14 h

Fleisch müsste wieder mehr Wert und damit wohl auch einen höheren Preis haben, dann wird auch weniger konsumiert. Momentan kosten z.B. Kälber (die dann gemästet werden) ab 81 € inklusive Mwst. (siehe http://www.kovieh.com/de/versteigerungen/kaelberpreise), also ungefähr eine Tankfüllung mit Diesel.

Tantemitzi
Tantemitzi
Universalgelehrter
9 Tage 14 h

romanok das mach ich auch so

Anubis
Anubis
Grünschnabel
9 Tage 13 h

@romanok1966 wen nor beim bauor! Di metzgor sogn a lei des wos di leit hern weln!

Guenni
Guenni
Universalgelehrter
9 Tage 13 h

@Anubis…dann ist es nicht der Metzger deines Vertrauens

Anubis
Anubis
Grünschnabel
9 Tage 10 h

@Guenni ken di metzgor, bin selbor ibor 20 johr metzgor und schlochtor gwedn! Wen 100% sichor giahn wilsch nor muass mans beim bauor selbor kafn in viertl

wellen
wellen
Universalgelehrter
9 Tage 15 h

Bravo von der Leyen. man sieht, eine Frau ist am Werk. Südtirol kauft inzwischen Milch aus Padua in Plastikflaschen….

Tantemitzi
Tantemitzi
Universalgelehrter
9 Tage 14 h

jo, des sollte sie DRINGEND überdenken und die Richtlinien korrigieren!

Guenni
Guenni
Universalgelehrter
9 Tage 13 h

@wellen…wusste wirklich nicht, dass die deutsche Kommisionspräsidentin der EU für die Beschaffung der Milch und Milchprodukte für die Südtiroler Sanitätsbetriebe zuständig ist. Danke für diese wichtige Info !

marher
marher
Superredner
9 Tage 16 h

Wenn das Gute so nah warum in die Weite schweifen, aber mit den EU Richtlinien, sprich Ausschreibungen ist das wohl eher umgekehrt. Klassisches Beispiel für die Krankenhäuser u.s.w. werden die Milchprodukte von Fern und nicht von Nah bezogen.

Guenni
Guenni
Universalgelehrter
9 Tage 13 h

Wie wäre es, Ausschreibungen so zu stückeln, dass man unter einem Einzelbeschaffungswert von 214.000 bleibt ?! Dann gilt nationales Recht !! Wäre sicher etwas mehr bürokratischer Aufwand, aber besser für die nationale/regionale Wirtschaft. Dazu braucht es aber den Willen der Ausschreibenden und der politisch Verantwortlichen.

Faktenschnecker
Faktenschnecker
Grünschnabel
9 Tage 15 h

Oh, schön, dass sie da nach Jahrzehnten mal drauf kommen. 

Jiminy
Jiminy
Universalgelehrter
9 Tage 11 h

das allertraurigste an der Corinageschichte wird am Ende sein, dass trotz alles was passiert ist und was noch passieren wird, der homo sapiens seine Einstellung zur Natur und zum Naturschutz und Respekt trotzdem nicht radikal nicht ändern wird….

Guenni
Guenni
Universalgelehrter
9 Tage 16 h

…oder in den USA 🤣🤣🤣🤣

Tantemitzi
Tantemitzi
Universalgelehrter
9 Tage 14 h

I kaf grundsätzlich la einheimisches Fleisch! Es steht sem do Nome vom Bauernhof drauf ….. sischt koch i eben KEIN Fleisch!  Liebe EU-Fachleute: Regional, biologisch, aus “anständiger” Haltung…. dies sollte auch für MILCH gelten!  Warum werden z.B. Krankenhäuser dazu verdonnert die billigste Milch zu kaufen? dafür wird sie dann mehrmals quer durch das Land gekarrt!!!!   Umweltbewusstsein geht anders!! Es ist wohl höchste Zeit sich auch bereits festgelegte Grundsätze nochmal anzusehen um diese dann zu korrigieren!

65xzensiert
65xzensiert
Tratscher
9 Tage 10 h

Die EU als Handlanger der Konzerne will weniger Pestizide? Da muss man direkt lachen wenn es nicht so traurig wäre.  

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