Tausende demonstrierten in Wien

Großdemo gegen türkische Afrin-Militäraktion in Wien

Samstag, 27. Januar 2018 | 18:19 Uhr

Tausende haben am Samstag in Wien gegen die türkischen Militärangriffe auf den nordsyrischen Kanton Afrin demonstriert. Dabei gab es mehrere kleinere Zusammenstöße. Afrin wird seit 2012 von der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) und ihrem militärischen Arm, den Volksverteidigungseinheiten (YPG), kontrolliert.

Der Demonstrationszug startete bei der Wiener Staatsoper und lief über die Ringstraße und den Schwarzenbergplatz auf die Prinz-Eugen-Straße, die einige hundert Meter vor der türkischen Botschaft von der Polizei gesperrt wurde. Teilnehmer schätzten die Teilnehmerzahl auf rund 3.000. Laut Polizeiangaben waren es rund 1.600 Menschen. Parallel zu der Demonstration in Wien fanden unter anderem auch Solidaritätsveranstaltungen in Köln und Graz statt.

Der Protest verlief am Anfang friedlich, im späteren Verlauf kam es zu mehreren gewaltsamen Zwischenfällen, berichtete ein Polizist. Offenbar wurden manche Teilnehmer von Passanten angegriffen. Bei den Angreifern dürfte es sich um Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gehandelt haben. Um sich vor Angriffen zu schützen, bildeten Demonstranten Menschenketten. Laut Polizei gab es weder Verletzte noch Festnahmen.

Die Solidaritäts-Kundgebung wurde vom “Rat der kurdischen Gesellschaft in Österreich” (FEYKOM) organisiert. Vertreter der Organisation erklärten in Ansprachen, die auf Deutsch, Englisch, Kurdisch und Türkisch gehalten wurden, dass die Region Afrin eine “Insel der Stabilität und Sicherheit” im syrischen Bürgerkrieg gewesen sei. “Afrin hat 3.000 Flüchtlinge aufgenommen”, so eine Sprecherin. “Afrin bleibt standhaft gegen die türkische Gewalt”, fuhr sie fort.

FEYKOM forderte auf der Veranstaltung eine Flugverbotszone in Nordsyrien und wies darauf hin, dass die Bedrohung durch die Terrororganisation “Islamischer Staat” (IS), der durch den Angriff der Türkei auf die Kurden profitiere, in der Region noch nicht gebannt sei. “Alle Kräfte müssen ihre Aufmerksamkeit auf den IS und ähnliche Gruppen richten”, so ein Sprecher.

Der FEYKOM-Sprecher warf der Türkei “Massaker” an Kurden, Arabern, Christen und Flüchtlingen in Afrin vor. Die Türkei habe im syrischen Bürgerkrieg salafistische Gruppen wie die Al-Kaida und den IS unterstützt und gegen die Kurden gehetzt. Laut dem Sprecher greife die Türkei “gezielt” zivile Siedlungsgebiete an und begehe in Afrin “Kriegsverbrechen” und “Verbrechen gegen die Menschlichkeit.”

Die Kurden seien von den Reaktionen Russlands, der USA, der EU und der UNO enttäuscht, so der Sprecher weiter. “So sollte man nicht ein Volk behandeln, das tapfer gegen den IS im Namen der Menschheit gekämpft hat”, fuhr er fort.

Die Demonstranten bezeichneten Erdogan in Sprechchören als “Diktator”, “Terrorist” und “Faschist”. “In Afrin werden Zivilisten getötet und die Welt schließt die Augen”, sagte ein Demonstrant. “In Afrin haben Menschen Zuflucht gefunden, das war ein friedliches Gebiet”, sagte eine Teilnehmerin. Manche Teilnehmer trugen Fahnen der YPG, andere Flaggen zeigten Abdullah Öcalan, den seit 1999 auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali inhaftieren Führer der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Die Türkei hatte vergangenen Samstag die Militäroffensive “Olivenzweig” in der Region Afrin gestartet, die sich gegen die von den USA unterstützten YPG richtet. Ankara betrachtet diese wegen ihrer engen Verbindungen zur PKK als Terrororganisation. Am Freitag kündigte die Türkei an, ihre Offensive gegen die YPG in Nordsyrien auf das gesamte Grenzgebiet ausweiten zu wollen.

Von: apa