Kohl galt als "Vater der Wiedervereinigung"

Helmut Kohl international als Jahrhundertpolitiker gewürdigt

Freitag, 16. Juni 2017 | 23:02 Uhr

Helmut Kohl ist tot. Weltweit haben Spitzenpolitiker den am Freitag verstorbenen deutschen Altkanzler als historische Figur und überzeugten Europäer gewürdigt. “Ich verneige mich vor seinem Andenken”, sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in Rom. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ließ in Brüssel die Fahnen auf halbmast setzen und sagte: “Ohne Helmut Kohl gäbe es den Euro nicht.”

Der zuletzt gesundheitlich schwer angeschlagene Kohl war am Freitag in der Früh 87-jährig in seinem Haus in Ludwigshafen gestorben. Seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicherte er sich, indem er knapp ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 die Wiedervereinigung Deutschlands erreichte. Am 3. Oktober 1990 trat die frühere kommunistische DDR, aus der Merkel stammt, der Bundesrepublik Deutschland bei.

Kohl habe die historische Chance zur deutschen Wiedervereinigung ergriffen, betonte die deutsche Kanzlerin. “Da war Helmut Kohl der richtige Mann zur richtigen Zeit.” Man werde noch einige Zeit brauchen, um die Dimension seiner politischen Arbeit in Gänze zu würdigen, sagte Merkel. Er habe wie kein Anderer verstanden, dass die europäische Einigung und die deutsche Einheit untrennbar miteinander verbunden seien. “Und er hat sich um beide Ziele wie kaum ein Anderer verdient gemacht.” Auch sie selbst habe ihm als Ostdeutsche zu verdanken, dass sie heute statt in einer Diktatur in Freiheit leben könne, sagte Merkel.

Der 1930 geborene Pfälzer war von 1982 bis 1998 deutsche Bundeskanzler – so lange wie niemand vor ihm. Von 1973 bis 1998 war Kohl Vorsitzender der CDU. In seine Kanzlerschaft fielen die deutsche Einheit, wurde die Einführung des Euro beschlossen. Beides war Kohl ein großes Anliegen. Nach seiner Abwahl als Kanzler bekam sein Image allerdings Risse: Wegen der CDU-Spendenaffäre überwarf er sich mit seiner Partei und weigerte sich beharrlich, die Namen der anonymen Geldgeber zu nennen.

Kohls letzte Lebensjahre waren von Krankheit geprägt; am Staatsakt zum 20. Jahrestag des Mauerfalls nahm er 2009 im Rollstuhl sitzend teil. Dem Kohl-Vertrauten und früheren “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann zufolge starb der CDU-Politiker am Freitagmorgen “friedlich in seinem Haus in Ludwigshafen”.

In Deutschland würdigten Politiker über die Parteigrenzen hinweg Kohl für seinen Beitrag zur Einheit Deutschlands und Europas. Finanzminister Wolfgang Schäuble erklärte, Kohls Politik sei maßvoll, integrierend und verlässlich gewesen, seine Leistungen seien bedeutend. “Wir dürfen ihm dankbar sein.” Außenminister Sigmar Gabriel sagte, Kohl habe sehr viel für die Einheit Deutschlands und Europas getan. “Es ist ein wirklich großer Deutscher gestorben.” SPD-Chef Martin Schulz erklärte: “1989 war es seiner Geistesgegenwart, seinem politischen Mut und seiner Führungsstärke zu verdanken, dass die Wiederherstellung der Deutschen Einheit möglich wurde.” Er habe sich für Deutschland und Europa Verdienste erworben, die nicht vergessen würden. Auch Grüne und Linke würdigten Kohl als überzeugten Europäer.

Die früheren US-Präsidenten George Bush sen. und Bill Clinton würdigten Kohl ebenso wie der russische Präsident Wladimir Putin. Dieser erklärte seinem Präsidialamt zufolge, er sei glücklich, dass er mit Kohl von Angesicht zu Angesicht habe sprechen dürfen. Der letzte sowjetische Präsident Michail Gorbatschow bezeichnete Kohl als bedeutenden Politiker, der deutliche Spuren in der Weltgeschichte hinterlasse. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nannte Kohl einen Baumeister des Friedens, der gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand an einem freien, starken und in demokratischen Werten vereinten Europa gearbeitet habe.

EU-Kommissionspräsident Juncker zeigte sich tief betroffen über den Tod Kohls. Dieser sei Europa und ihm persönlich “ein echter Vertrauter und Verbündeter” gewesen, erklärte Juncker in Brüssel. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres bezeichnete Kohl ebenfalls als “persönlichen Freund”. Das heutige Europa sei ein Ergebnis von Kohls “Visionen und seiner Hartnäckigkeit, enormen Hindernissen zum Trotz”, teilte der portugiesische Ex-Premier mit.

“Helmut Kohl hat im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte geschrieben. Europa trägt seine Handschrift”, sagte Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ). Bundespräsident Alexander Van der Bellen erinnere daran, dass Kohl mit Mitterrand auf dem Schlachtfeld von Verdun “Hand in Hand” der Kriegstoten gedachte und “die Einführung des Euro in Deutschland durchsetzte”. Außenminister Sebastian Kurz sagte, dass Kohl “maßgeblich den österreichischen EU-Beitritt unterstützt” habe. Oppositionsführer Heinz-Christian Strache (FPÖ) würdigte Kohl als “Grandseigneur der Politik”.

Auch Kohls Nachfolger Gerhard Schröder nannte Kohl einen großen Patrioten und Europäer. “Obwohl wir im Jahr 1998 einen harten Wahlkampf gegeneinander geführt haben und in vielen politischen Fragen weit auseinander lagen und -liegen, habe ich für seine historische Leistung größten Respekt”, sagte der Sozialdemokrat dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Von: APA/ag./dpa