Emmerson Mnangagwa gilt als leichter Favorit

Historische erste Wahl nach der Ära Mugabe in Simbabwe

Montag, 30. Juli 2018 | 18:42 Uhr

Zum ersten Mal seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Robert Mugabe haben in Simbabwe Wahlen stattgefunden. Die beiden aussichtsreichsten Bewerber für das Präsidentenamt, Oppositionsführer Nelson Chamisa und Amtsinhaber Emmerson Mnangagwa, zeigten sich siegessicher. Laut EU-Wahlbeobachtern war der Ablauf der Wahl teils geordnet, teils chaotisch.

Rund 5,7 Millionen Bürger waren aufgerufen, ihre Stimmen in Präsidenten-, Parlaments- und Kommunalwahlen abzugeben. Schon sehr früh am Montag bildeten sich lange Schlangen vor den Wahllokalen. Zu Mittag sprach die Präsidentin der Wahlkommission, Priscilla Chigumba, von einer hohen Beteiligung.

Elmar Brok, Chefbeobachter der erstmals seit Jahren wieder zugelassenen EU-Wahlbeobachtungsmission, berichtete, dass die Abstimmung vielerorts sehr gut verlaufen sei, in anderen Wahllokalen jedoch Unordnung geherrscht habe. Viele junge Menschen, vor allem Frauen, hätten die Warteschlangen ob langen Wartezeiten frustriert und verärgert verlassen. Für sein Team sei nicht klar, ob dies ein Zufall gewesen sei oder an der schlechten Organisation gelegen habe. Der vorläufige Bericht der EU-Mission soll noch in dieser Woche vorgestellt werden.

Oppositionsführer Chamisa von der Bewegung für Demokratischen Wandel (MDC) hatte zuvor behauptet, es habe in den städtischen Gebieten, in denen die Zustimmung für die MDC hoch sei, Versuche gegeben, Wähler an der Stimmabgabe zu hindern und sie zu frustrieren. Wenn es sich um eine “echte Wahl” handle und “nicht eine gefälschte, dann ist der Sieg uns sicher”, sagte die 40-Jährige bei der Stimmabgabe in Harare zu Anhängern.

Bei seiner Stimmabgabe in der Stadt Kwekwe wies Mugabes Nachfolger Mnangagwa von der Regierungspartei Zanu-PF den Vorwurf Mugabes zurück, die Wahl sei nicht frei, weil eine Militärregierung sie abhalte. In Simbabwe gebe es nie da gewesene demokratische Freiräume, in denen jeder seine Meinung frei äußern könne, sagte der Staatschef. Er sei “sehr glücklich, dass der Wahlkampf friedlich war und die Abstimmung heute friedlich ist”. Zuvor hatte Mnangagwa erklärt, alle Simbabwesen seien unabhängig ihrer Parteivorliebe Brüder und Schwestern.

Robert Mugabe selbst ging in Harare zusammen mit seiner Frau Grace wählen und schrieb auf Twitter zu einem Foto seiner Stimmabgabe: “Die Stimme der Menschen ist die Stimme Gottes.” Es war das erste Mal seit Jahrzehnten, dass Mugabe nicht für sich selbst stimmen konnte. Er hatte sein Amt im November infolge eines Militärputsches abgegeben. Zanu-PF machte daraufhin seinen früheren Vize Mnangagwa zum Präsidenten. Mugabe hatte Simbabwe seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1980 regiert – zuletzt mit zunehmend harter Hand.

Der 94-Jährige hatte am Sonntag bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz die Wähler dazu aufgerufen, seine ehemalige Partei Zanu-PF abzuwählen. “Ich kann nicht für die wählen, die mich gequält haben”, sagte Mugabe und deutete an, für die MDC zu stimmen. Der ehemalige Präsident habe in der neuen Demokratie das Recht, seine Meinung zu sagen, kommentierte Mnangagwa am Montag die Aussagen Mugabes lakonisch.

Wahlen unter der Mugabe-Herrschaft bedeuteten Betrug und Gewalt. Auch nach seinem Abschied gab es Befürchtungen, dass die Stimmabgabe manipuliert werden könnte. Die MDC beklagte ein fehlerhaftes Wählerverzeichnis, Missbrauch von Stimmzetteln und Wählereinschüchterung. Zudem warf die Partei der Wahlkommission Befangenheit vor. Außerdem hätten Mnangagwa und seine Partei Zanu-PF die Ressourcen der Regierung – inklusive der staatlichen Medien – schamlos für ihren Wahlkampf missbraucht, so Chamisa.

Beobachter sprachen jedoch von der freiesten und fairsten Wahl in Simbabwe seit vielen Jahren. Erstmals seit vielen Jahren waren bei der Wahl auch wieder Wahlbeobachter aus den USA und der EU zugegen.

Die Wahllokale sollten um 19.00 Uhr MESZ schließen, wobei die zu diesem Zeitpunkt noch Anstehenden ihre Stimme in jedem Fall abgeben dürfen sollten. Die Ergebnisse werden für den 4. August erwartet. Sollte keiner der insgesamt 23 Präsidentschaftskandidaten im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, kommt es am 8. September zur Stichwahl.

Eine Wählerin in Kuwadzana, einem der ärmeren Viertel von Harare, sagte, es sei Zeit für “einen radikalen Wechsel in Simbabwe”. Sie wähle Chamisa, erklärte Miriam Mundaringisa (38), “weil wir ein neues Simbabwe brauchen, nicht Mnangagwas falsche Versprechen.” Auch der 28-jährige Tawanda Petru machte kein Geheimnis aus seiner Entscheidung: “Ich werde für Chamisa stimmen, für den Wechsel. Ich habe keine Angst.” Der Arbeitslose hofft auf “ein besseres Simbabwe für meine Kinder”.

Dagegen sagte die 80-jährige Robina Mayobongwe, sie habe für Mnangagwa gestimmt. Den “Jungen” sei nicht zu trauen, sie wollten den Kolonialherren das Land zurückgeben. Erstwählerin Melinda Matukuturi (21) sagte, sie werde für Mnangagwa stimmen, weil er “eine Vision” für das Land habe.

Die nächste Regierung muss sich um die Massenarbeitslosigkeit, den Zusammenbruch der Landwirtschaft, Hyperinflation und den Abfluss ausländischer Investitionen kümmern. Das zuvor stabile Gesundheits-und Bildungssystem des Landes liegt in Trümmern, Millionen Simbabwesen sind auf der Suche nach Arbeit ins Ausland geflohen. Die Lebenserwartung hat mit 61 Jahren erst vor kurzem wieder das Niveau aus dem Jahr 1985 erreicht.

Von: APA/dpa/ag.