Der Jemen versinkt im totalen Chaos

Houthi-Rebellen kontrollieren Jemens Hauptstadt Sanaa

Dienstag, 05. Dezember 2017 | 22:13 Uhr

Einen Tag nach der Tötung des früheren jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh haben die Houthi-Rebellen ihre Kontrolle über die Hauptstadt Sanaa ausgedehnt. Die vom Iran unterstützten schiitischen Rebellen kontrollierten am Dienstag alle Stellungen, die zuvor von Anhängern Salehs gehalten worden waren, wie aus Sicherheitsquellen verlautete.

Angesichts der neuen Luftangriffe auf Sanaa durch die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition drohte Teheran indirekt Riad. Auch der Anführer von Salehs Truppen, Tarek Saleh, wurde bei den Kämpfen in Sanaa getötet. Der Neffe des Ex-Präsidenten sei Verletzungen erlegen, die er bei Kämpfen in dieser Woche erlitten habe, gab die Partei des Ex-Präsidenten am Dienstag bekannt.

In Anspielung auf den Erzfeind Riad sagte Irans Präsident Hassan Rouhani in einer im Fernsehen übertragenen Rede, die Bevölkerung des Jemen werde “die Angreifer ihr Handeln bereuen lassen”. Nach der Tötung Salehs hatte die von Riad angeführte Koalition ihre Luftangriffe auf Sanaa verstärkt. Die Regierung in Riad erklärte ihrerseits, sie hoffe, dass der Jemen bald von den “vom Iran unterstützten terroristischen Milizen” befreit sein werde.

Der UNO-Sicherheitsrat rief die Konfliktparteien im Jemen dazu auf, zur Entschärfung der Lage beizutragen. Alle Seiten sollten “deeskalierende” Maßnahmen ergreifen, sagte der japanische UNO-Botschafter und amtierende Ratspräsident Koro Bessho am Dienstag in New York nach einer Sitzung. Auch sollten die Konfliktparteien sich ohne Vorbedingungen wieder an dem politischen Prozess unter dem Dach der UNO zur Herstellung einer dauerhaften Waffenruhe beteiligen.

Laut Bessho ist der aus 15 Mitgliedstaaten bestehende Sicherheitsrat tief besorgt über die jüngste deutliche Eskalation der Gewalt im Jemen und die sich verschlimmernde humanitäre Lage in dem arabischen Land. “Der Jemen befindet sich am Rande einer katastrophalen Hungersnot”, sagte er.

Saleh war am Montag von Houthis getötet worden, als er aus Sanaa fliehen wollte. Im Bürgerkrieg spielte er eine wichtige Rolle. Mit den Houthis ging er eine Allianz ein, die vom schiitischen Iran gestützt wurde. Sie kämpfte gegen Kräfte, die von der rivalisierenden sunnitischen Regionalmacht Saudi-Arabien unterstützt wurden. Am Wochenende war es zu einem offenen Bruch zwischen den Houthi-Rebellen und Saleh gekommen.

Derweil demonstrierten tausende Menschen in der Nähe des internationalen Flughafens von Sanaa für die Houthis. “Sanaa ist frei und der Staat immer noch aufrecht” und “Die Jemeniten bilden ein einziges Volk” stand auf Plakaten.

Die Arabische Liga verurteilte die Tötung Salehs. Sie zeige die “kriminelle Natur” der schiitischen Rebellen, sagte Liga-Chef Ahmed Aboul Gheit. Er warnte zugleich vor einer “Explosion der Sicherheitslage” im Jemen.

Angesichts der blutigen Kämpfe in Sanaa forderte die UNO einen humanitären “Waffenstillstand”. Er habe die Konfliktparteien um eine “humanitäre Pause” gebeten, damit die Menschen ins Krankenhaus gehen oder Wasser und Lebensmittel besorgen könnten, erklärte der für den Jemen zuständige humanitäre UN-Koordinator Jamie McGoldrick per Videoschaltung in Genf.

Auch fünf Hilfsorganisationen forderten die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen, um die in Sanaa eingeschlossenen Zivilisten versorgen zu können. “Die humanitären Helfer sitzen fest, ohne der bedürftigen Bevölkerung lebenswichtige Hilfsmittel und essenzielle Unterstützung liefern zu können”, warnten die Nichtregierungsorganisationen Handicap International, Aktion gegen den Hunger, Care, Acted und Ärzte der Welt.

Auch der Einsatzleiter von “Ärzte ohne Grenzen” (MSF) im Jemen, Djoen Besselink, berichtete am Dienstag der APA telefonisch aus Sanaa, es gebe Versorgungsengpässe bei medizinischen Gütern und Patienten könnten oft nicht in Spitäler gebracht werden. Bei den Kämpfen in der Hauptstadt wurden nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) vom Dienstag in den vergangenen Tagen mindestens 234 Menschen getötet und 400 weitere verletzt.

Die Hauptstadt wird von den Houthi-Rebellen kontrolliert. Saudi-Arabien und seine Verbündeten unterstützen in dem Konflikt die international anerkannte Regierung. Das benachbarte Königreich will mit der Einsatz vor allem den Einfluss seines schiitischen Erzrivalen Iran zurückdrängen, der die Houthi-Rebellen unterstützt.

Nach rund drei Jahren Bürgerkrieg erlebt der Jemen seit Monaten eine der weltweit schlimmsten humanitären Krisen. Von den 27 Millionen Einwohnern des Landes sind nach UN-Angaben rund zwei Drittel auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Wegen einer Blockade der saudi-arabischen Koalition kommen aber zu wenige Güter ins Land. Die UN warnten, wegen der Blockade drohe dem Land eine Hungerkatastrophe. Zudem grassiert im Jemen eine Cholera-Epidemie.

Von: APA/dpa/ag.

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