Die Lage ist weiterhin ernst

Impfkampagne gegen Corona soll im Jänner 2021 starten

Dienstag, 24. November 2020 | 23:07 Uhr

Die Marktzulassung der ersten Coronavirus-Impfungen rückt immer näher und könnte noch heuer erfolgen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hat am Dienstag die Impfstrategie für Österreich präsentiert. In drei Phasen soll 2021 die Bevölkerung geimpft werden. Die ersten Impfungen soll es bereits im Jänner geben. Die Impfung wird jedenfalls freiwillig sein, wurde betont. Ziel ist eine Durchimpfungsrate von mindestens 50 Prozent.

“Je höher die Durchimpfungsrate in Österreich wird, desto geringer sollte schrittweise das Risiko werden”, sagte Anschober. Die Impfstrategie soll am Mittwoch beim Ministerrat beschlossen werden. 200 Millionen Euro stehen für den Ankauf von 16,5 Millionen Dosen von fünf Herstellern zur Verfügung. Über weitere zwei Millionen Dosen laufen Verhandlungen auf EU-Ebene. Pro Person sind zwei Impfdosen im Abstand von drei bis vier Wochen notwendig. Die ersten Impfstoffe werden von den Herstellern Pfizer/Biontech, Moderna und AstraZeneca erwartet. Grundsätzlich steht laut Anschober die Sicherheit an allererster Stelle und nicht der Zeitfaktor.

Als erste sollen im Jänner in Alters- und Pflegeheimen Bewohner über 65 Jahren sowie die Mitarbeiter geimpft werden. In der ersten Phase liegt der Focus ebenso auf Pflege- und Gesundheitspersonal in Krankenanstalten, Ordinationen, Rettungsorganisationen und sozialen Diensten sowie auf Hochrisikogruppen mit definierten Vorerkrankungen.

“Im Idealfall kann im Jänner, Februar eine Million Dosen für den österreichischen Markt zur Verfügung stehen”, sagte Clemens Martin Auer, Covid-Sonderbeauftragter im Gesundheitsministerium. Bei zwei notwendigen Teilimpfungen pro Person wären damit 500.000 Menschen zu immunisieren. Er betonte jedoch, dass “nicht alles von heute auf morgen anders werden” könne, “im Jänner wird nicht alles möglich sein”.

In der zweiten Phase in März und April stehen zwei Millionen Impfstoffe für eine Million Menschen zur Verfügung. Damit sollen grundsätzlich Personen über 65 Jahre sowie solche mit Systemrisiko in den Bereichen Sicherheit, Justiz, Schulen und Bildungseinrichtungen, kritische Infrastruktur und zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens geimpft werden.

Außerdem soll ab dem zweiten Quartal – also ab April – die allgemeine Bevölkerung geimpft werden. Da soll es Impfaktionen in großen Betrieben sowie Impfzentren und Impfstraßen in den Gemeinden geben. Hier könnte auch bereits ein Impfstoff zur Verfügung stehen, der nicht bei minus 80 Grad gelagert werden muss und somit auch bei den Hausärzten verabreicht werden kann. Die Leiterin der Impfabteilung, die auch Mitglied des Nationalen Impfgremiums ist, Maria Paulke-Korinek, sagte, dass noch unklar ist, ob geimpfte Personen andere nicht anstecken werden. Idealerweise soll diese durch eine Impfung natürlich verhindert werden.

Contact Tracing wird es keines geben. So hätten das auch die Slowakei und Südtirol gehandhabt, das werde auch in Österreich das “bevorzugte Vorgehen sein”, sagte Anschober. Natürlich wäre es gut, wenn es auch bei den Massentestungen Contact Tracing gebe, es sei aber eine Frage der Bewältigbarkeit.

Bei Screenings und bisherigen SARS-CoV-2-Tests werde jedenfalls auch weiterhin auf Kontaktpersonenmanagement gesetzt. Bei positiven Ergebnissen der Massentests werde es auf jeden Fall Nachtestungen geben, sagte der Gesundheitsminister. Ob diese mittels PCR- oder erneutem Antigen-Schnelltests erfolgen sollen, “werden wir im Lauf der nächsten Tage entscheiden”, sagte der Gesundheitsminister. Er betonte erneut, dass Schnelltest nur eine Aussage über den jeweiligen Tag liefern.

Die Impfstoffe werden alle zentral von der EU beschafft. Mit fünf der sieben Impfstoffanbieter wurden bereits fixe Vorverkaufsverträge auf EU-Ebene abgeschlossen. Bei den Verhandlungen konnten die EU-Staaten gemeinsam eine Marktmacht entfalten, erläuterte Auer. Je mehr in Europa produziert werden könne, desto besser sei es für die Welt, sagte Auer – 70 Prozent aller Impfstoffe würden aus Europa kommen. Im Detail wird Astra Zeneca sechs Millionen Dosen nach Österreich liefern, Biontech/Pfizer 3,5 Millionen, Curevac drei Millionen, Johnson&Johnson 2,5 Millionen und Sanofi 1,5 Millionen.

Auer geht davon aus, dass in der EU alle sieben Hersteller, mit denen Vorverträge verhandelt wurden, auch eine Zulassung bekommen werden. Welche Impfstoffe dann wo verwendet werden, sei eine Frage der Praktikabilität, aber nicht der Qualität. “Qualitätsunterschiede wird es am Ende der Reise nicht geben”, betonte Auer. Teilweise müssen Impfstoffe bei minus 80 Grad gekühlt werden, diese werden dann in großen Settings wie größeren Impfzentren eingesetzt werden. Impfstoffe können österreichweit an 23 Standorten des Pharmagroßhandels gelagert werden, Tiefkühllagerungen bei minus 80 Grad sind an acht Standorten möglich.

Zu dem geplanten Vorgehen gebe es laut Markus Zeitlinger, Leiter der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie der MedUni Wien, noch viele Fragezeichen. “Es ist sehr schwierig, eine gute Impfstrategie zu entwickeln, ohne dass alle Daten dazu auf dem Tisch liegen”, sagte Zeitlinger. Man müsse aber mit der Planung beginnen und brauche “eigentlich verschiedene Szenarien”. Zudem brauche es nun mehr Covid-19-Impfaufklärung, so der Experte.

Es werde Unterschiede zwischen den Impfstoffen selbst oder bei ihrer Zulassung (Label) geben. So stelle sich die Frage, ob man sich auch dazu entschließt “Off-Label” zu Impfen, also mit Vakzinen in Personen- oder Altersgruppen zu gehen, für die noch weniger Daten vorliegen. Insgesamt wäre es für den Internisten “viel besser, wenn die Firmen tatsächlich die Daten auf den Tisch legen”, damit sich jedes Land selbst überlegen könne, wie die Informationen zu den regionalen Begebenheiten, was etwa die Bevölkerungsstruktur betrifft, passen. “Es ist aber nicht sicher, ob sie das machen. Sie müssen es nicht”, sagte der Experte.

Darüber hinaus ist noch nicht klar, zu welchem Zeitpunkt welche Mengen, welches Impfstoffes in Österreich zur Verfügung stehen. Daher müssten mehrere Pläne vorliegen, die dann – je nach tatsächlicher Verfügbarkeit – abgewogen werden.

Die NEOS wollen, dass die Regierung die Österreicher über Influencer und Testimonials zur Teilnahme an der Corona-Impfung motiviert. Ohnehin seien Kampagnen nötig, die Bevölkerung zur Bekämpfung der Pandemie zu motivieren, denn: “Ganz viele tun nicht mehr mit”, so Parteichefin Beate Meinl-Reisinger. Was die bevorstehenden Massentests angeht, ist die NEOS-Chefin nicht per se dagegen. Dafür bräuchte es aber Begleitmaßnahmen, etwa dass danach das Contact-Tracing gesichert ist.

Anschober präsentierte wie immer auch die aktuellen Zahlen: “Wir verzeichnen leichte Rückgänge”, sagte der Gesundheitsminister. In den vergangenen 24 Stunden gab es demnach 4.377 Neuinfektionen bei 28.070 eingemeldeten PCR-Tests. Das liege “deutlich oder klar” unter den Werten an den vorhergehenden Dienstagen im November. 7.093 Menschen wurden in den vergangenen 24 Stunden als genesen gemeldet. Anschober sah die Entwicklung der Zahlen als Folge des Teillockdowns.

Schlechte Nachrichten kamen allerdings aus den Krankenhäusern: In den vergangenen 24 Stunden wurden 118 an oder mit Covid-19 gestorbene Patienten gemeldet. Auf den Intensivstationen lagen erstmals mehr als 700 Corona-Patienten – genau 704 und damit um 19 mehr als am Vortag. Allerdings verlangsame sich der Zuwachs auf den Intensivstationen, so Anschober – man liege jetzt bei sieben Prozent Zuwachsrate, war aber schon einmal bei 30, 33 Prozent.

Von: apa