Nigussie trifft Kanzler Kurz in Davos

Inklusionsexpertin Nigussie wirft Österreich Säumigkeit vor

Donnerstag, 24. Januar 2019 | 07:00 Uhr

Die äthiopische Inklusionsexpertin Yetnebersh Nigussie, Vertreterin der Fachorganisation für Menschen mit Behinderungen “Licht für die Welt”, hat beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos Kritik an Österreich geübt. Seine Regierung sei säumig bei der Finanzierung und Umsetzung von Inklusion, so Nigussie. Am Donnerstagnachmittag trifft sie Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in Davos.

“Inklusion in der Bildung und Arbeit braucht klare finanzielle Investitionen von Österreich. Der Wille allein reicht nicht, es müssen Taten folgen”, forderte die “Licht für die Welt”-Expertin. Das Land habe hier Nachholbedarf. Die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit investierte laut “Licht für die Welt” 2017 rund zehn Millionen Euro der öffentlichen bilateralen Entwicklungshilfeleistung in Bildung und habe dabei nicht erhoben, wie viel davon Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen zugutekommt. “Österreich sollte seinen Beitrag für den Bildungssektor und Inklusion in seiner Entwicklungszusammenarbeit massiv aufstocken”, forderte Nigussie. “In Entwicklungsländern sind 32,5 Millionen Kinder mit Behinderungen von Bildung ausgeschlossen. Das ist fast vier Mal so viel wie die Einwohnerzahl Österreichs.”

Auch innerhalb von Österreich sei die Aussicht auf Inklusion in der Bildung und Arbeit düster bzw. verschlechtere sich zusehends, kritisierte die Aktivistin. Die Arbeitslosenzahlen von Menschen mit Behinderungen seien in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. In der Bildung fehle es zudem “an einem klaren politischen Bekenntnis zu einem inklusiven Bildungssystem für Alle”. “Licht für die Welt” forderte daher eine umfassende und konsequente Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention, zu der sich Österreich verpflichtet habe.

Zudem machten Nigussie und “Licht für die Welt” darauf aufmerksam, dass “der Return on Investment in die Bildung von Menschen mit Behinderungen (…) laut einer Studie von 2015 zwei bis dreimal höher als bei nicht-behinderten Menschen” sei. Gleichzeitig steige das Bruttonationalprodukt eines Landes, je mehr Menschen mit Behinderungen Zugang zu Bildung und Arbeit erhalten, wie eine Studie von 2014 belege. Bis zu sieben Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts jährlich koste die Exklusion von Menschen mit Behinderungen nach Schätzungen der International Labour Organisation manche Entwicklungsländer. Dies seien finanzielle Mittel, die dringend benötigt würden. “Inklusive Schul- und Berufsausbildung ist nicht nur ein Menschenrecht, sondern gleichzeitig der kostengünstigste Weg, um allen Menschen langfristig die Teilhabe an der Gesellschaft – und damit am BIP eines Landes – zu ermöglichen”, betonte die Aktivistin.

Nigussie, die 2017 den Alternativ-Nobelpreis erhalten hatte, forderte: “Inklusion darf nicht als Nischenthema behandelt werden. Weltweit leben eine Milliarde Menschen mit Behinderungen – und die Tendenz ist steigend. Gesellschaft und Volkswirtschaft würden extrem profitieren, wenn Menschen mit Behinderungen aktiv und überall eingebunden wären – in Schule, Arbeitsmarkt, Konsum usw.”

Von: apa

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