Mosul ist großteils zerstört, aber offenbar befreit

Irakische Regierung verkündete Sieg über den IS in Mosul

Sonntag, 09. Juli 2017 | 17:55 Uhr

Nach neun Monaten heftiger Kämpfe hat die irakische Regierung die “Befreiung” der Stadt Mosul vom “Islamischen Staat” verkündet. Regierungschef Haider al-Abadi beglückwünschte “die heldenhaften Kämpfer und das irakische Volk zu dem großen Sieg”, wie sein Büro am Sonntag erklärte. Der Verlust Mosuls ist ein schwerer Schlag für den IS, der auch in seiner syrischen Hochburg Raqqa an Boden verliert.

Ein Foto auf Abadis Twitter-Account zeigte Abadi in schwarzer Uniform bei seiner Ankunft im weitgehend zerstörten Mosul. Trotz des verkündeten Sieges waren dort auch am Sonntag Schüsse zu hören, während Abadis Besuchs flog die Armee weiter Luftangriffe.

Mosul ist die zweitgrößte Stadt im Irak. Die Jihadistenmiliz “Islamischer Staat” (IS) hatte die Metropole 2014 überrannt und vor fast genau drei Jahren von dort aus ein islamistisches “Kalifat” in Teilen des Irak und Syriens ausgerufen. Die irakischen Truppen hatten im Oktober mit der Rückeroberung von Mosul begonnen. Der Ostteil der Stadt wurde im Jänner zurückerobert, einen Monat später begann der Militäreinsatz im Westteil der Stadt.

Die Kämpfe brachten großes Leid über die Einwohner, zahlreiche Zivilisten wurden getötet, mehr als 900.000 Menschen mussten ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Laut den Vereinten Nationen kehrten bisher nur ein Bruchteil von ihnen zurück. Besonders im Westen der Millionenstadt wurden demnach mehrere Stadtteile völlig verwüstet. Von den 44 Wohnvierteln der Stadt seien sechs komplett und 22 teilweise zerstört. Die UNO rechnet mit mehr als 700 Millionen Dollar (614 Millionen Euro) Kosten für den Wiederaufbau.

Auch unter den Soldaten und Sicherheitskräften, die an der Rückeroberung beteiligt waren, gab es viele Tote – Schätzungen gehen von Tausenden aus, die irakischen Behörden haben bisher keine Zahlen vorgelegt.

Bis zuletzt hatte es heftige Gefechte gegeben. Doch am Sonntag drangen irakische Elitetruppen dem staatlichen irakischen Fernsehen zufolge schließlich bis ans Ufer des Tigris vor und hissten die irakische Flagge dort, wo die Islamisten ihre letzte Bastion erbittert verteidigten. IS-Kämpfer seien schließlich in den Fluss gesprungen und hätten versuchten, so zu entkommen. Dem Militär zufolge wurden allein dabei 30 Extremisten getötet. In den engen Gassen der stark zerstörten Altstadt lagen noch die Leichen von IS-Kämpfern, als Ministerpräsident Abadi eintraf.

Unterstützt von Luftangriffen der US-geführten Anti-IS-Allianz hatte die irakische Armee im Oktober Mosul erreicht und sich dort ebenfalls mit internationaler Hilfe immer weiter vorgekämpft. So wurden die Elitetruppen, die am Sonntag den Tigris erreichten, von den USA ausgebildet. Sie erlitten nach US-Angaben schwere Verluste, bis zu 40 Prozent der Spezialkräfte wurden im Kampf um Mosul getötet.

Der US-Sonderbeauftragte für die Bekämpfung des “Islamischen Staats”, Brett McGurk, sprach wie Abadi von einem “Sieg”. Frankreich, das ebenfalls an dem Bündnis gegen den IS beteiligt ist, begrüßte den Triumph über den IS ebenfalls. Präsident Emmanuel Macron erklärte auf Twitter, Ehre gebühre allen, die zu dem Sieg beigetragen hätten.

Der IS hatte angekündigt, Mossul “bis zum Tod” verteidigen zu wollen. In der Großen Moschee von Al-Nuri in Mosul hatte IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi das Kalifat ausgerufen. Ende Juni hatte die in Bedrängnis geratene Miliz das mittelalterliche Gebäude nach irakischen Angaben gesprengt. Die Regierung in Bagdad eroberte bald darauf die Ruinen und erklärte das IS-Kalifat für beendet. In ihrem Rückzugsgefecht setzten die stark dezimierten Kampfeinheiten zuletzt Selbstmordattentäterinnen ein. Sie zündeten ihre Sprengsätze auch in der Menge Tausender notleidender Zivilisten, die sich langsam wieder aus ihren Verstecken wagten. Die Vereinten Nationen schätzen, dass allein die Reparatur der wichtigsten Infrastruktur in Mosul mehr als eine Milliarde Dollar kosten wird.

Das bittere Ende der Kämpfe um Mosul, das den Islamisten faktisch als Hauptstadt diente, wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen, vor denen der Irak steht. Zum einen hält der IS noch weitere Städte. Zum anderen dürften mit dem Niedergang der Islamisten alte Konfliktlinien in dem Vielvölkerstaat wieder aufbrechen. Schließlich hatte der Kampf gegen den gemeinsamen Feind IS das Land geeint, in dem Kurden und Araber ebenso um Territorialansprüche streiten wie sunnitische und schiitische Muslime um die politische Vorherrschaft.

Von: APA/dpa/ag.

Kommentare

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3 Kommentare auf "Irakische Regierung verkündete Sieg über den IS in Mosul"


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zombie1969
zombie1969
Superredner
1 Monat 10 Tage

Staaten die gar keine Staaten sind, sondern nur durch Gewalt austarierte Gebilde mit Clan- und Stammeskulturen, haben im 21. Jahrhundert sowieso keine Überlebenschance. Sie werden allesamt zerfallen in Gebilde, die von Warlords regiert werden. Afghanistan ist die Blaupause. 
Im Grunde ist es ein Reset auf das, was einmal war. In dieser Region werden Iran, Israel und mit Abstrichen die Türkei überleben, der Rest wird im Chaos enden.  

ThunderAndr
ThunderAndr
Universalgelehrter
1 Monat 10 Tage

Ich sehe hier nur Verlierer:
Die Stadt ist zerstört, die Bevöljerung wurde vertrieben und die sogenannten “Gewinner” werden bald untereinander streiten (Iraker unter sich)

traktor
traktor
Superredner
1 Monat 9 Tage

die nicht eingeladenen gäste mögen jetzt bitte die heimreise antreten ihr land wieder aufzubauen!!!
friede sei mit euch-unter euch

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