42 Menschen kamen bei den Anschlägen ums Leben

Istanbul-Attentäter waren Ausländer – Österreich-Konnex?

Donnerstag, 30. Juni 2016 | 21:20 Uhr

Die Attentäter vom Atatürk-Flughafen in Istanbul stammen aus Rekrutierungsgebieten der Terrormiliz “Islamischer Staat” im russischen Nordkaukasus und in Zentralasien. Die Selbstmordattentäter seien ein Usbeke, ein Kirgise und ein russischer Staatsbürger gewesen, hieß es am Donnerstag aus türkischen Regierungskreisen. Für Verwirrung sorgen Verbindungen eines möglichen Attentäters nach Österreich.

Türkische Sicherheitsbehörden haben laut der “Presse” Kontakt zu Österreich aufgenommen, weil sie den aus der russischen Teilrepublik Tschetschenien stammenden Ahmed Tschatajew als Drahtzieher des Anschlags auf den Istanbuler Flughafen im Verdacht haben. Tschatajew soll 2003 nach Österreich gekommen und Asyl erhalten haben. Später sei er nach Syrien in den Jihad gezogen.

Wie Innenministeriums-Sprecher Karl-Heinz Grundböck gegenüber der APA klarstellte, gebe es “aktuell keine gesicherten Erkenntnisse” der Sicherheitsbehörden, wonach Tschatajew Drahtzieher gewesen sein könnte und dass irgendein Österreich-Bezug bestehe. Eine türkische Zeitung habe den Namen lediglich ins Spiel gebracht. Es habe daher auch “keine spezifische Kontaktaufnahme” vonseiten der türkischen Behörden wegen Tschatajew auf Basis eines Verdachts gegeben, sondern es bestehe “in solchen Fällen routinemäßig Kontakt, um mögliche Bezüge auszuloten”.

Das bulgarische Staatsfernsehen berichtete unterdessen von einem weiteren angeblichen Verdächtigen mit Österreich-Bezug. Demnach war einer der Selbstmordattentäter am Atatürk-Flughafen 2011 in bulgarischer Haft. Es handle sich um einen russischen Staatsbürger, den Tschetschenen Achmed Radschapowitsch. Der Mann sei damals an einem bulgarisch-türkischen Grenzübergang auf Ersuchen Russlands festgenommen, als er Bulgarien habe verlassen wollen.

Der Tschetschene wurde allerdings nicht an Russland ausgeliefert, da er 2003 politisches Asyl in Österreich erhalten hatte, so das Staatsfernsehen. Deswegen habe das Gericht im bulgarischen Plowdiw seine Auslieferung nach Russland abgelehnt. Russland hat bisher Angaben der Türkei nicht bestätigt, dass es sich bei einem der Angreifer in Istanbul um einen russischen Staatsbürger gehandelt hat.

Ministeriums-Sprecher Grundböck betonte gegenüber der APA, dass es auch beim Namen Raschapowitsch “keine gesicherten Erkenntnisse” gebe. “Wir beteiligen uns nicht an medialen Spekulationen. Wir halten uns an Ermittlungsergebnisse.”

Die türkische Zeitung “Hürriyet” berichtete ihrerseits, bei einem der Angreifer von Istanbul handle es sich um einen Tschetschenen namens Osman Wadinow, der sich zuletzt in der syrischen IS-Hochburg Raqqa aufhielt. Die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete jedoch unter Berufung auf Sicherheitskreise im Nordkaukasus, dort sei kein Osman Wadinow bekannt. Auch handle es sich nicht um einen tschetschenischen Namen.

Nach Angaben türkischer Regierungskreisen sollen die Attentäter vom Atatürk-Flughafen jedenfalls aus Rekrutierungsgebieten der Terrormiliz “Islamischer Staat” im russischen Nordkaukasus und in Zentralasien stammen. Die Selbstmordattentäter seien ein Usbeke, ein Kirgise und ein russischer Staatsbürger gewesen, hieß es.

Die türkische Regierung verdächtigt den IS, hinter dem Angriff vom Dienstagabend mit insgesamt mindestens 47 Toten zu stecken. Die Regierung in Moskau bestätigte zunächst nicht, dass ein Russe zu den Attentätern zählt. Usbekistan, Kirgistan und Dagestan sind überwiegend muslimisch und gehörten einst zur Sowjetunion. Viele Extremisten aus dem Kaukasus und Zentralasien haben sich dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen.

Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim räumte ein, dass zwei der insgesamt drei Selbstmordattentäter doch in das Flughafengebäude eindringen konnten. Yildirim sagte am Mittwochabend nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu, die Angreifer hätten zunächst das Feuer auf das Sicherheitspersonal am Eingang eröffnet. Einer habe sich außerhalb des Gebäudes in die Luft gesprengt. Die anderen beiden hätten die Panik ausgenutzt, um ins Terminal einzudringen.

Die Zahl der von den Angreifern getöteten Ausländer ist höher als bisher bekannt. Innenminister Efkan Ala sagte am Donnerstag, 19 Ausländer seien unter den Opfern. Berichte über Österreicher unter den Todesopfern gibt es nicht. Die Zahl der Todesopfer stieg nach Angaben von Anadolu auf insgesamt 44. Nicht darin eingerechnet sind die drei Selbstmordattentäter, die ebenfalls starben. Fast 240 Menschen wurden verletzt. Nach Angaben des Istanbuler Gouverneursamt wurden am Donnerstag noch 94 Verletzte in Krankenhäusern behandelt.

Yildirim kündigte an, die Regierung werde “die Präsenz von unserem Sicherheitspersonal an den Eingängen in unseren Flughäfen steigern”. Besonders gelte das für speziell ausgebildete Sicherheitskräfte.

Aus Regierungskreisen hatte es zunächst geheißen, keiner der drei Angreifer sei ins Terminal eingedrungen, obwohl Augenzeugenberichte und Videos darauf hindeuteten. Yildirim hatte nur Stunden nach dem Angriff gesagt: “Weder im Abflug- noch im Ankunftsbereich am Flughafen kann von einer Sicherheitslücke die Rede sein.”

Nach Angaben aus Regierungskreisen war es am Tag des Angriffs zu einem Sicherheitstreffen am Flughafen gekommen. Es habe sich um ein Routinetreffen gehandelt, das regelmäßig stattfinde, hieß es.

Bei Razzien gegen den IS in Istanbul wurden am Donnerstag 13 Verdächtige festgenommen worden. Darunter seien drei Ausländer, hieß es aus Regierungskreisen. In der westtürkischen Stadt Izmir habe die Polizei neun weitere Verdächtige festgenommen.

Es war bereits der vierte schwere Anschlag in Istanbul seit Jahresbeginn. Der IS hat sich noch zu keinem der ihm in der Vergangenheit zugeschriebenen Anschläge in der Türkei bekannt.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sprach den Selbstmordattentätern jegliche religiöse Rechtfertigung für die Bluttat ab. “Das sollen Muslime sein?”, fragte Erdogan nach Angaben von Anadolu am Mittwochabend. “Sie haben ihren Platz in der Hölle vorbereitet.” Der Präsident verwies auf Sure 5 im Koran, wonach das Töten eines unschuldigen Menschen dem Töten der gesamten Menschheit gleichkommt.

Aus türkischen Sicherheitskreisen hieß es am Donnerstag, türkische Grenzsoldaten hätten bereits am vergangenen Samstag zwei Syrer erschossen, die versucht hätten, von Syrien aus illegal in die Türkei zu gelangen. Einer davon sei vom türkischen Geheimdienst zuvor als ein Selbstmordattentäter identifiziert worden, der in Ankara oder Adana einen Anschlag habe verüben wollen.

Von: apa