Griechenland fühlt sich von der EU im Stich gelassen

Kein Ende der Flüchtlingskrise in der Ägäis

Mittwoch, 07. September 2016 | 11:55 Uhr

Hitze in den Zelten, nicht genügend Wasser sowie Fälle von Hepatitis und Malaria – die meisten Flüchtlingslager in Griechenland sind in einem erbärmlichen Zustand. Im von der Finanzkrise schwer getroffenen Land mit knapp 24 Prozent Arbeitslosigkeit harren noch immer fast 60.000 Flüchtlinge aus.

Sollten Österreich, Deutschland und andere Länder Ernst machen und Flüchtlinge nach Griechenland zurückschicken, könnte das aus Sicht von Beobachtern schlimme Folgen haben. “Es wäre eine Katastrophe”, sagt Nikitas Kanakis, Chef der griechischen Abteilung der humanitären Organisation Ärzte der Welt.

Griechenland hat bisher nach EU-Angaben 900 Millionen Euro Finanzhilfe für die Flüchtlinge erhalten. Damit wurden landesweit knapp 50 Lager geschaffen. Es sind alte Kasernen, verlassene Industrie- und Lagerhallen sowie Zeltlager.

Am schlimmsten ist die Lage auf den Ostägäischen Inseln. Die Lager dort können höchstens 7.450 Menschen aufnehmen. In den sogenannten Hotspots befinden sich aber immer noch mehr als 12.000 Flüchtlinge. In und um die Lager kommt es vermehrt zu Protestaktionen und Rangeleien zwischen Migranten. Wer auf den griechischen Inseln ist, darf nicht zum Festland. Im Rahmen des EU-Türkei-Flüchtlingspaktes sollen die meisten dieser Menschen zurück in die Türkei geschickt werden.

Die Europäische Union hat Personal zur Unterstützung der Registrierungen und Asylanträge in Griechenland zugesagt. Der zuständige Migrationsminister Ioannis Mouzalas macht keinen Hehl daraus, was er von der versprochenen Hilfe hält: “Von den Hunderten (Beamten), die kommen sollten, sind bisher 29 gekommen.” 33.000 Flüchtlinge sollen dieses Jahr aus Griechenland in andere Länder umgesiedelt werden. Bisher hätten nur 3.000 das Land verlassen. Die Regierung habe bereits die Listen für weitere 7.000 Flüchtlinge fertiggestellt. Doch niemand wolle die Menschen haben, sagt Mouzalas. Die Vorschläge über eine Rückführung von Migranten nach Griechenland, wie Österreich, Ungarn und Deutschland planen, hätten daher “mit der Realität vor Ort nichts zu tun.”

Im Land gibt es nur wenig Chancen auf Arbeit, weder für viele Einheimische noch für die Migranten – obwohl sie theoretisch mit einer Sonderverordnung arbeiten dürften. Der Sparkurs der Regierung gefährdet zudem die Gesundheitsversorgung. Soziale Leistungen gibt es nur in Form von Lebensmitteln für die Ärmsten. “Das ist Nährboden für rechtsextremistisches Gedankengut”, warnt ein Offizier der Küstenwache.

Auf Samos demolierten diese Woche aufgebrachte Migranten, die zum Festland kommen wollten, eine Kirche. Rechtsgesinnte Bürger drohen seitdem, auf eigene Faust für Ordnung auf ihrer Insel zu schaffen. Bisher sind jedoch rassistische Übergriffe wie in zahlreichen Ländern Mitteleuropas in Griechenland nicht vorgekommen.

Profiteure der prekären Situation sind die Menschenschlepper – ihr Geschäft floriert. “Sie sind immer einen Schritt weiter als die Planer der Migrationspolitik in den europäischen Entscheidungszentren”, sagt der Offizier der Küstenwache. Wer Geld hat, versucht, mit gefälschten Pässen auf einem der Flüge nach Mitteleuropa zu gelangen. Andere Schlepperbanden versprechen, die Menschen für wenige Hundert Euro über geheime Balkan-Routen doch noch nach Mitteleuropa zu bringen. Hunderte wurden in den vergangenen Wochen in Bulgarien und Mazedonien erwischt – und nach Griechenland zurückgeschickt.

Von: APA/dpa

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