Um Cherson wurden Minen gelegt und Brücken zerstört

Kiew: Russland will Cherson in “Stadt des Todes” verwandeln

Donnerstag, 10. November 2022 | 20:03 Uhr

Russland will nach der Rückzugsankündigung nach Ansicht der Ukraine Cherson in eine “Stadt des Todes” verwandeln. Der politische Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Mychajlo Podoljak, beschuldigte Russland, Gegenden zu verminen und zu planen, Cherson von der anderen Seite des Flusses Dnipro zu beschießen. Selenskyj selbst rief nach der Ankündigung Moskaus zur Zurückhaltung auf. Auch die NATO gab sich zurückhaltend. Kiew meldete indes Gebietsgewinne im Süden des Landes.

“RF (Russland) will Cherson in eine ‘Stadt des Todes’ verwandeln. Das russische Militär vermint alles, was es kann: Wohnungen, Abwasserkanäle. Die Artillerie am linken Ufer plant, die Stadt in Ruinen zu verwandeln”, schrieb Podoljak auf Twitter. “So sieht (die) ‘russische Welt’ aus: kam, raubte, feierte, tötete ‘Zeugen’, hinterließ Ruinen und ging.”

Der Machthaber der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, hält den russischen Truppenabzug aus Cherson und dem gesamten rechten Dnipro-Ufer für eine richtige Entscheidung. Der neue Kommandant der russischen Truppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, habe damit tausende Soldaten aus der faktischen Umzingelung gerettet, schrieb Kadyrow am Donnerstag in seinem Telegram-Kanal. Surowikin habe eine “schwere, aber richtige Entscheidung zwischen sinnlosen Opfern für lautstarke Erklärungen und der Rettung unbezahlbarer Soldatenleben” getroffen.

Kadyrow hatte die russische Kriegsführung zuvor häufiger getadelt. Auch im Fall Cherson ließ er Kritik anklingen. Cherson sei ein schwieriges Gebiet, wo keine stabile und regelmäßige Versorgung mit Munition und die Bildung einer starken Nachhut möglich sei. “Warum wurde das nicht schon in den ersten Tagen der Spezialoperation gemacht?” Surowikin aber habe weitsichtig gehandelt und seine Soldaten nun in eine vorteilhaftere strategische Position gebracht. Es gebe keinen Grund, von einer “Aufgabe” Chersons zu sprechen.

Auch der britische Geheimdienst erklärte, dass die russischen Truppen Brücken zerstört und mutmaßlich auch Minen gelegt haben, um die Rückeroberung der von Moskau aufgegebenen Stadt Cherson für die Ukraine zu erschweren. Es sei zu erwarten, dass der angekündigte Rückzug sich über mehrere Tage hinziehen und von Artilleriefeuer zum Schutz der abziehenden Einheiten begleitet werde, hieß es am Donnerstag im täglichen Kurzbericht des britischen Verteidigungsministeriums auf Twitter. Insbesondere bei der Überquerung des Dnipro seien die russischen Einheiten angesichts begrenzter Möglichkeiten verletzlich.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg zeigte sich ebenfalls zurückhaltend. “Wir müssen jetzt sehen, wie sich die Lage vor Ort in den nächsten Tagen entwickelt”, sagte der Norweger am Donnerstag am Rande von Gesprächen mit der neuen italienischen Regierungschefin Giorgia Meloni in Rom. Klar sei aber, dass Russland schwer unter Druck stehe. “Wenn sie Cherson verlassen, wäre das ein weiterer großer Erfolg für die Ukraine”, fügte Stoltenberg hinzu.

Der ukrainische Präsident hatte bereits am Mittwochabend misstrauisch reagiert. Nach Ankündigung des russischen Abzugs herrsche zwar “viel Freude”, sagte Wolodymyr Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache. “Aber unsere Emotionen müssen zurückgehalten werden – gerade während des Krieges.” Selenskyj: “Der Feind macht uns keine Geschenke, macht keine Gesten des guten Willens.” Das ukrainische Militär werde sich weiter “sehr vorsichtig, ohne Emotionen, ohne unnötiges Risiko” bewegen.

Ukrainische Einheiten sind indes offenbar in die Kleinstadt Snihuriwka in der Südukraine eingerückt. In einem am Donnerstag in sozialen Netzwerken veröffentlichten Video zeigte sich eine ukrainische Späheinheit in der Stadt vor Beifall klatschenden Einwohnern. Der Verkehrsknotenpunkt im Gebiet Mykolajiw mit vor dem Krieg 12.000 Einwohnern war im März von der russischen Armee besetzt worden.

Die ukrainischen Streitkräfte sind sieben Kilometer an zwei Abschnitten in den südlichen Gebieten Cherson und Mykolajiw vorgerückt. Dabei seien innerhalb von 24 Stunden etwa 264 Quadratkilometer und zwölf Ortschaften zurückerobert worden, teilte der Oberkommandierende der Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, am Donnerstag mit. “Wir können die Informationen über den angeblichen Abzug der russischen Besatzungstruppen aus Cherson noch nicht bestätigen oder dementieren. Wir führen die Offensivoperation gemäß unserem Plan weiter durch”, schrieb er auf Telegram.

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu hatte am Mittwoch den Rückzug aus Cherson und weiteren Teilen des dort besetzten Gebiets angekündigt. Der Verlust der Region werde Russland wahrscheinlich sein strategisches Ziel verwehren, eine russische Landbrücke bis zur Hafenstadt Odessa aufzubauen, halten die Briten fest. Ukrainische Angriffe auf die Nachschubrouten der Russen hätten deren Position in Cherson unhaltbar gemacht. Ein Rückzug wäre eine der bisher schwersten Niederlagen der russischen Streitkräfte in dem Krieg gegen die Ukraine.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete den angekündigten Rückzug dagegen als positiven Schritt. Auf einer Pressekonferenz vor seiner Abreise zu einem Besuch in Usbekistan antwortete Erdogan damit auf eine Frage zu den Aussichten auf Gespräche zwischen Russland und der Ukraine.

Von: APA/dpa/Reuters

Kommentare

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8 Kommentare auf "Kiew: Russland will Cherson in “Stadt des Todes” verwandeln"


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Anderrrr
Anderrrr
Universalgelehrter
24 Tage 12 h

Krank de russn

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
24 Tage 9 h

Konsequenz alla Putin: “Wenn schon ich Nichts davon habe, weil ich es nicht “halten” kann, dann ihr auch nicht”🤑….

pfaelzerwald
24 Tage 9 h

Das sind doch alles militärische Spezialoperationen. Was würden die eigentlich in einem sogenannten “richtigen Krieg” machen?

Dagobert
Dagobert
Kinig
24 Tage 9 h

Pfeffert in de abziehenden Russn noch wos lei geht und zerstört ihmene so viel Gerät wie irgend möglich!

Doolin
Doolin
Kinig
24 Tage 13 h

…eine Falle aufgebaut…immerhin rückwärts…

Laempel
Laempel
Superredner
24 Tage 5 h

Die russische Rückzugsbegründung ‘Überschwemmungsgefahr’ lässt sehr stutzig werden: Haben sie etwa danach eine Staudammsprengung vor, die das gesamte Rückzugsgebiet überschwemmen und verwüsten soll? Zuzutrauen wäre es ihnen nach allem, was sie bisher schon an Gräueltaten angerichtet haben. Gewissenlose schlechte Verlierer ticken meist so: Was ich nicht bekommen kann, soll niemand mehr bekommen. Hinter mir die Sintflut!

Tigre.di.montana
Tigre.di.montana
Superredner
24 Tage 4 h

Der Krieg wird irgendwann auf die angrenzenden russischen Provinzen übergreifen. Frieden ist erst wieder möglich wenn Russland keinen Zugang mehr zum Schwarzen Meer hat.

Lauterfresser
Lauterfresser
Grünschnabel
24 Tage 11 Min

So unnötig und gemein! So ist das, wenn man seine Niederlage nicht akzeptieren kann 😕

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