"Öffentliche Gelder nur bei bestimmten Voraussetzungen"

Klima-Check für Seilbahnen gefordert

Mittwoch, 20. April 2022 | 12:18 Uhr

Bozen – Die bolivianischen Hauptstadt La Paz hat schon eine, Medellín in Kolumbien ebenso und in Paris ist sie in Planung: eine Seilbahn als Teil des öffentlichen Verkehrsnetzes. “Solche Seilbahnen gelten als Leuchttürme für Klimaschutz, für sanfte und sozial verträgliche Mobilität. In Südtirol gibt es heute ein ganzes Dutzend an Projekten – nicht immer zum Vorteil für die Umwelt und meist mit großen Kosten für die öffentliche Hand.” Damit auch die hiesigen Seilbahnen zum Schlüssel für den Klimaschutz werden, fordert der Dachverband für Natur- und Umweltschutz von der Südtiroler Politik einen Klima-Check.

Südtirol ist das Land der Aufstiegsanlagen: Die heute bestehenden 360 Bahnen können pro Stunde mehr Menschen befördern als in Südtirol wohnen. Die meisten Seilbahnen bringen Menschen zum Wandern bzw. Skifahren in die Berge. Weitere Projekte liegen auf dem Tisch: Die grenzüberschreitende Verbindung zwischen Sexten und Sillian wurde von der Südtiroler Landesregierung bereits genehmigt und wird, stimmt auch Österreich zu, realisiert. Noch in der Schwebe ist die geplante Bahn von Kastelruth Richtung Seiser Alm (Marinzen). “Die Landesregierung hatte die bisherigen Projekte trotz eindeutig negativer Fachgutachten genehmigt. Bereits zweimal hatte das Verwaltungsgericht diese Beschlüsse wieder aufgehoben. In Hafling wird aus einem Sessellift eine Kabinenbahn samt Aussichtsplattform und in Mühlbach–Meransen steht der überdimensionierte Neubau der Seilbahn an. Diskutiert wird eine schienengebundene Verbindung zwischen Monte Pana in Gröden und Saltria auf die Seiser Alm. Im Passeiertal sinniert ein privater Hotelier über eine Verbindung von St. Leonhard direkt ins Skigebiet Ratschings, auch wenn die massiv mit öffentlichem Geld ausgebaute Straße auf den Jaufenpass ein touristisches Highlight ist. Im Vinschgau denkt man über eine neue Verbindung vom Bahnhof Mals auf den Watles nach, um mehr Besucher und bessere Einnahmen fürs Skigebiet zu generieren”, so der Dachverband für Natur- und Umweltschutz.

Schneller, potenter, klimaverträglicher?

Vier weitere Projekte seien zurzeit zur Umweltverträglichkeit veröffentlicht: die Erneuerung der Aufstiegsanlage Seenock im Skigebiet Speikboden (Sand in Taufers); die Erneuerung des Sonnenlifts im Ahrntal; die Verlegung der Aufstiegsanlage Monte Pana in Gröden. “Ein neuer Lift heißt auch hier mehr Leistung: Der Lift Monte Pana wird zur Zehner-Kabinenbahn, der Sonnenlift ebenfalls vom Dreier-Sessellift zur Zehner-Kabinenbahn. Beim Seenock wird die Förderleistung von heute 2.400 Personen pro Stunde auf 3.400 ausgebaut. Ebenso kommt die neue Aufstiegsanlage am Klein Gitsch (Mühlbach) derzeit in die UVP-Prüfung. Das Vorhaben wurde bereits einmal vom Umweltbeirat abgelehnt, von der Landesregierung aber genehmigt.” Zurzeit behängt diesbezüglich ein Rekurs des Dachverbands und des AVS beim Staatsrat. Die Entscheidung dazu soll im Herbst erfolgen.

Klimacheck für öffentliche Beiträge und Projekte

Die große Anzahl der vorliegenden Projekte und Machbarkeitsstudien zeige laut Dachverband für Natur- und Umweltschutz: “Der Bau von Aufstiegsanlagen ist ein wirtschaftlich florierender Sektor. Das hat in erster Linie mit der üppigen Förderung durch das Land für private Investoren zu tun. So hat der Bauherr der Cabrio-Seilbahn zwischen Tiers und Frommer Alm – die zurzeit unter anderem wegen fehlender Benützungsgenehmigung eingestellt ist – vom Land einen Beitrag von 75 Prozent der Kosten erhalten. Die Höhe der Beiträge richten sich allerdings nicht nach der Umweltverträglichkeit der Projekte oder gar nach ihrem Zweck für den Klimaschutz.” Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz fordert daher die Landesregierung auf, die Kriterien für die Förderung der Aufstiegsanlagen zu überarbeiten: “Öffentliche Gelder sollen fließen, wenn Seilbahnen und Lifte zu einer sanften und sozial verträglichen Mobilität beitragen sowie eine konsequente Reduktion des klimaschädlichen CO2 bringen. Ist dies nicht der Fall – wie bei den meisten vorliegenden Projekten – dann hat allein der Investor die Kosten zu tragen. Steuergelder, so Südtirols größte Umweltorganisation, müssen ausschließlich das Allgemeininteresse voranbringen. Dazu zählt, dringlicher denn je, der Klimaschutz.”

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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4 Kommentare auf "Klima-Check für Seilbahnen gefordert"


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OrB
OrB
Universalgelehrter
1 Monat 16 h

Südtirol ist vom Umweltschutz und Nachhaltigkeit, meilenweit entfernt.
Viel zu viele geldgeile Touristiker!

Dolomiticus
Dolomiticus
Universalgelehrter
1 Monat 12 h
Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Umweltschützer sich unbedingt  einen Feind aufbauen müssen. Klimacheck für Seilbahnen – das müsste mir die Rohrer einmal genau erklären. Lifte laufen mit Strom und der wird bei uns  aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen und die Lifte stoßen kein CO2 aus. Die meisten Lifte werden nach Beendigung ihrer technischen Lebenszeit ersetzt und kaum neue gebaut. Die neuen werden so angedacht, dass sie als Ersatz für Autos, Busse und Motorräder fungieren können, im Winter wie im Sommer. Um Lifte zu bauen  braucht es Jahre an bürokratischen Spießrutenläufen und jeder Beistrich wird von den Landesämtern 10… Weiterlesen »
Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 6 h

Und womit werden Bagger und Motorsägen betrieben, welche die Waldabschnitte roden, um die Seilbahn zu bauen? Wie viel Waldfläche geht für eine Seilbahn drauf? Wie schaut es mit der Umweltbelastung nahe den den Stationen aus?
Das kommt in den Klimacheck mit rein.

Storch24
Storch24
Kinig
1 Monat 13 h

Natürlich wollen jetzt alle eine Seilbahn, wenn man sieht wie das Land die Tierser Seilbahn mit finanziert hat. Klima Check? Glaube kaum. Denn wenn ich mit dem Auto bis Tiers fahre, fahre ich das Stückchen auch noch weiter.

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