Kritik an Schützen wegen Boykott der Südtirol-Streitbeilegungsfeiern am 11.Juni

Kompatscher: “Manche sehen Symbole der anderen gern als Provokation”

Donnerstag, 01. Juni 2017 | 13:00 Uhr

Wien – Der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) hat den Boykott der Feiern zum Jahrestag der Streitbeilegung um Südtirol durch die Schützen kritisiert. “Manche sehen Symbole der anderen gern als Provokation und schlagen daraus politisches Kapital”, sagte er am Donnerstag in Wien mit Verweis auf das von den Schützen abgelehnte geplante Abspielen der italienischen Hymne.

Bei der Feier am 11. Juni in Bozen werden der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella und aus Österreich Bundespräsident Alexander Van der Bellen teilnehmen und der Beilegung des Streits um Südtirol vor 25 Jahren gedenken. Kompatscher nannte vor Journalisten die Absage der Schützen “eine Überreaktion aus Angst – und Angst ist nie ein guter Ratgeber”. Die Reaktion zeige, dass es trotz des Autonomiestatuts weiterhin eine gewisse Unsicherheit im Land gebe: “Wenn man gesichert ist, selbstbewusst, hat man keine Probleme mit anderen Symbolen.”

Der Landeshauptmann meinte, er finde die Absage auch “schade, denn man hätte Gelegenheit gehabt, zu zeigen, welches besonderes Land Südtirol ist”. Er betonte: “Die Autonomie ist für etwas, nicht gegen etwas.” Er ließ die Entwicklung der Region seit dem Autonomiestatut 1992 Revue passieren und unterstrich, dass die damaligen Befürchtungen sich nicht bewahrheitet hätten. Weder sei Südtirol wieder eine “innerstaatliche Angelegenheit” Italiens geworden, noch habe es eine “Erstarrung” des Autonomietextes gegeben.

Vielmehr sehe er Südtirol heute als “ein kleines Europa in Europa”: “Mehrsprachig, stark verwurzelt in der eigenen Tradition, mit Offenheit für Europa, eine Brücke zwischen Nord und Süd.”

In Bezug auf die Situation von Minderheiten in anderen Teilen des Kontinents könne man aus der Geschichte Südtirols dreierlei Schlüsse ziehen, meinte Kompatscher: “Es ist sehr gut, wenn es einen Bezugsstaat (d. i. Österreich, Anm.) gibt, der sich darum (um die Situation der Minderheit, Anm.) kümmert; es braucht keine Grenzverschiebung, um die Entwicklung der Minderheiten zu garantieren; auch Konflikte, die mit Gewalt ausgetragen wurden, können überwunden werden.”

Zum Thema Flüchtlinge und Brenner-Grenze sagte Kompatscher, es sei durchaus “legitim, dass kontrolliert wird”: “Kritisch ist aber, wenn das Wording Richtung ‘Schließung’ oder sogar ‘Mauer’ geht.” Er verwies dabei auf die “symbolische Bedeutung des Brenners” als Zeichen der Trennung, aber auch der Überwindung von Trennung. Der Landeshauptmann betonte: “Ungezügelte Grenzübertritte finden nicht mehr statt, seit wir die Einigung am Brenner erzielt haben.” Der 46-Jährige unterstrich erneut: “Es ist nicht notwendig, weitere Maßnahmen zu treffen.” Diese hätten für Südtirol “politisch, aber auch logistisch usw. negative Folgen.”

Tirols Landeshauptmann Günther Platter und Innenminister Wolfgang Sobotka (beide ÖVP) hatten in den vergangenen Monaten von einem “Hochfahren der Grenzkontrollen” an der Brenner-Grenze gesprochen, falls es eine “größere Bewegung” von Migranten geben sollte. Zuletzt hatte Platter Ende Mai bei einem Besuch mit Kompatscher in Rom allerdings festgestellt, dass “die Lage am Brenner (…) überschaubar” und “eine direkte Kontrollmaßnahme derzeit nicht notwendig” sei.

Von: apa