Nemzow wurde 2015 ermordet

Lange Haftstrafen für Angeklagte im Nemzow-Mordprozess

Donnerstag, 13. Juli 2017 | 19:48 Uhr

Knapp zweieinhalb Jahre nach dem Mord an dem Kreml-Kritiker Boris Nemzow sind fünf Angeklagte zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Wie ein Moskauer Militärgericht am Donnerstag entschied, muss der Schütze für 20 Jahre ins Gefängnis, seine vier Komplizen zwischen elf und 19 Jahre.

Die Polizei kündigte an, eine internationale Ermittlerkommission solle den mutmaßlichen Auftraggeber des Mordes, Ruslan Muchudinow, aufspüren.

Die 20-jährige Haftstrafe verhängte das Moskauer Militärgericht gegen den Tschetschenen Saur Dadajew, der im Februar 2015 die tödlichen Schüsse auf Nemzow abgefeuert hatte. Dadajews vier Mitangeklagte müssen zwischen elf und 19 Jahre in Haft.

Die Behörden hatten im Dezember 2015 den Tschetschenen Muchudinow als Auftraggeber des Mordes identifiziert. Den Ermittlern zufolge erhielten die Täter von Muchudinow 15 Millionen Rubel (rund 217.000 Euro) für den Mord. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte am Donnerstag, er sei “hoffnungsvoll”, dass der Auftraggeber des Mordes gefasst werde.

Die fünf Angeklagten, die aus den Kaukasusrepubliken Tschetschenien und Inguschetien stammen, hatten im Prozess auf nicht schuldig plädiert. Ende Juni wurden sie von einer Geschworenenjury verurteilt. Der Richter legte nun noch das Strafmaß fest. Er knüpfte die Haftstrafen der Verurteilten an besondere Auflagen: Sie dürfen nur selten Besuch empfangen und haben weniger Ausgang. Die Staatsanwaltschaft hatte für alle Angeklagten längere Haftstrafen gefordert.

Der Hauptangeklagte Dadajew gehörte früher den Truppen des russischen Innenministeriums in Tschetschenien an. Das Gericht erkannte ihm nun eine militärische Ehrenmedaille ab. Nach dem Willen der Anklage sollte er aber lebenslang hinter Gitter.

Nemzow war am 27. Februar 2015 auf einer Brücke über der Moskwa in Sichtweite des Kreml erschossen worden. Neben Dadajew wurden im März 2015 die Brüder Schadid und Ansor Gubaschew sowie Temirlan Eskerchanow und Chamsat Bachajew als Täter präsentiert.

Viele Freunde und Mitstreiter Nemzows sehen als Auftraggeber des Mordes den autoritären tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow oder jemanden aus seinem Umfeld. Das Gericht hatte im Dezember jedoch die Forderung zurückgewiesen, Kadyrow als Zeugen vorzuladen.

Im Prozess hätten weder die Auftraggeber noch die Hintermänner des Mordes auf der Anklagebank gesessen, kritisierte der Anwalt Wadim Prochorow, der Nemzows Tochter vertritt, nach der Urteilsverkündung. Dabei gebe es mittlerweile keine Zweifel mehr daran, “dass die Spur zum engen Kreis um Ramsan Kadyrow führt”.

Der Nemzow-Vertraute Ilja Jaschin kritisierte die Haftstrafe für Dadajew. “Wir hatten mit einer lebenslangen Haftstrafe für Dadajew gerechnet”, sagte der Oppositionelle. “Was sind 20 Jahre für ein Menschenleben?”, fügte er hinzu. Solange die Auftraggeber und Hintermänner noch auf freiem Fuß seien, könne der Mordfall ohnehin nicht als gelöst gelten.

Dadajew hatte nach seiner Festnahme zunächst ein Geständnis abgelegt. Später widerrief er aber seine Aussagen, die seinen Angaben zufolge unter Folter erzwungen worden waren. Sein Bruder wiederholte am Donnerstag die Vorwürfe: “Saur wurde nicht festgenommen, er wurde verschleppt und gefoltert.”

Auch die vier anderen Männer bestritten bis zuletzt eine Beteiligung an der Tat. Bei der Urteilsverkündigung hauchte Eskerchanow an den Glaskasten für die Angeklagten und schrieb mit seinem Finger das Wort “Lüge” auf die Scheibe.

Nemzows Ermordung hatte weltweit Bestürzung ausgelöst. Der frühere Vize-Ministerpräsident war einer der prominentesten Widersacher von Präsident Wladimir Putin und ein scharfer Kritiker von dessen Ukraine-Politik.

Von: APA/dpa