Liao Yiwu (Mitte) im Gespräch mit Hans Balmes (li.) bei "Literatur im Nebel"

Liao Yiwu in Heidenreichstein: “Wuhan”-Roman erscheint bald

Samstag, 09. Oktober 2021 | 11:07 Uhr

Nach einem Jahr pandemiebedingter Pause geht an diesem Wochenende wieder das Festival “Literatur im Nebel” im niederösterreichischen Heidenreichstein über die Bühne. Ehrengast der 14. Ausgabe ist der in Berlin lebende chinesische Autor und Dissident Liao Yiwu, der beim Auftakt am Freitag in der gut gefüllten Margithalle mit großem Applaus begrüßt wurde und heute, Samstag, im Literaturwäldchen eine Zypresse pflanzen wird.

Bei dem 2006 gegründeten Festival im nördlichen Waldviertel steht in jedem Jahr ein anderer internationaler Autor im Mittelpunkt von Lesungen und Gesprächen. Jeder hinterlasse eine anderen Baum, berichtete Moderatorin Andrea Schurian, die am Tag nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreisträgers 2021 stolz darauf hinwies, dass man bereits drei Laureaten in Heidenreichstein begrüßen durfte: Swetlana Alexijewitsch (2017), Herta Müller (2018) und J.M. Coetzee (2019).

Müller ist auch heuer wieder zugegen und beschloss den ersten Abend mit einer berührenden Rede an ihren Freund Liao Yiwu, an dessen Werk sie die Mischung aus Dokumentarischem und Poetischem hervorhob: “Liao Yiwus Sprache wird körperlich, weil sie körperlich erlitten ist.” Sie verglich den Kampf des chinesischen KP-Regimes gegen Yiwus Schreiben mit dem Schicksal von Boris Pasternak und warnte davor, sich an der von der Staats- und Parteiführung Chinas angestrebten Verharmlosung der autoritären Maßnahmen zu beteiligen. Sie nannte dabei explizit die deutsche Autorin Juli Zeh als Beispiel. Liao Yiwus Werk ist untrennbar mit den Repressionen verbunden. Müller verwies auf die Haft des Autors und auf den Tod des chinesischen Dissidenten und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, dem in der Haft eine Behandlung seiner Krebserkrankung verweigert wurde. Diese “Verrohung des Regimes” sei eine “Bankrotterklärung”.

Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht “Massaker”, wofür er vier Jahre inhaftiert und misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis “Freiheit zum Schreiben” ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. 2011 gelang es Liao Yiwu, China zu verlassen. 2012 wurde der Autor, der “sprachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung aufbegehrt und den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbare Stimme verleiht” (so die Jury) mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Schon der erste Abend gab einen starken Einblick in Liao Yiwus sozial engagiertes Schreiben. Weina Zhao brachte dem Publikum die “vier Lehrmeister” des Dichters näher: den Hunger, das “Schwarzwohnen” (eigenmächtiger Zugang zum Wohnen abseits der staatlichen Lenkung, Anm.), die Obdachlosigkeit und das Gefängnis. Die Autorin Nora Bossong und Burgschauspielerin Marie-Luise Stockinger lasen ebenso aus der Gesprächssammlung “Fräulein Hallo und der Bauernkaiser”, in der Liao Yiwu “Chinas Gesellschaft von unten” zu Wort kommen lässt, wie Weina Zhao, Babett Arens, Sherko Fatah und Cornelia Travnicek. Anna Rieser und Aleksandar Petrovic schließlich brachten Auszüge aus “Gott ist rot”, seinem Buch über verfolgte Christen in China.

Eindrucksvoll zeichnete der deutsche Diplomat Volker Stanzel, ehemaliger Botschafter in Peking und in Tokio, ein Bild der gegenwärtigen politischen Situation der Weltmacht China unter Xi Jinping, der sukzessive alle Brücken zur alten chinesischen Kultur wie zu den heutigen internationalen Plattformen abbreche und darauf setze, dass die chinesische Bevölkerung akzeptiere, einen gewissen privaten Wohlstand durch absolutes politisches Stillhalten zu erkaufen: “Wir sollten wissen, welches Drama sich da abspielt, von dem wir nicht wissen, welches Ende es nehmen wird.” Man solle aus dem Mut von Liao Yiwu lernen und diese Entwicklung nicht widerspruchslos hinnehmen, so Stanzel.

Der Ehrengast selbst kam – unterstützt von einem jungen Übersetzer – schließlich im Gespräch mit seinem Lektor Hans Jürgen Balmes (S.Fischer Verlag) zu Wort. Dabei stand vor allem sein Dokumentarroman “Wuhan” im Zentrum, dessen Übersetzung im kommenden Jänner erscheinen soll. Ausgehend von damals live im Internet übertragenen Schilderungen von Betroffenen aus der zernierten Stadt, in der die ersten Covid-19-Fälle gemeldet wurden, beschreibt er in dem Buch die radikalen Maßnahmen eines autoritären Staates zur Eindämmung des Virus, aber auch zur Verhinderung von Ursachenforschung oder Information über die medizinischen und politischen Zusammenhänge. Nicht nur seien Menschen aus Wuhan damals in ganz China verfolgt und interniert worden, auch wurde freier Informationsaustausch radikal unterbunden.

“In China darf man kein Interesse am Virus haben”, sagte Liao Yiwu, der seinen Part musikalisch ausklingen ließ. Im Gefängnis hat er zu musizieren begonnen – und so griff er abschließend zur Klangschale und sang dazu ein trauriges Lied über die Austrocknung von Flüssen und Gefühlen. Am heutigen zweiten Tag von “Literatur im Nebel”, wo es u.a., um das Massaker am Tiananmen-Platz gehen wird, ist er auch als Flötenspieler angekündigt.

(S E R V I C E – http://www.literaturimnebel.at)

Von: apa

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