Tausende auf den Straßen von Algier

Massenproteste gegen Präsident Bouteflika in Algier

Freitag, 22. März 2019 | 17:58 Uhr

Bei Massenprotesten in Algerien haben Hunderttausende Menschen den sofortigen Rücktritt von Präsident Abdelaziz Bouteflika und tiefgreifende Reformen verlangt. “Wir bleiben hier, bis das ganze System fällt”, erklärte ein 37-jähriger Lehrer, der trotz strömenden Regens am Freitag an der Kundgebung in der Hauptstadt Algier teilnahm.

Ein 55-jähriger Gastwirt sprach von einer Spaltung in der Führung des Landes. “Unser Sieg ist nahe”, sagte er. Die Proteste verliefen zunächst friedlich, die Soldaten blieben in ihren Kasernen. “Das Volk und die Armee sind Brüder”, skandierte die Menschenmenge.

Die Demonstrationen gegen den 82-jährigen Bouteflika halten seit Wochen an. Sie entzündeten sich an seinen Plänen, zum fünften Mal bei einer Präsidentenwahl anzutreten. Zwar beugte er sich dem Druck, verzichtete auf eine Kandidatur und versprach Reformen. Allerdings will Bouteflika erst abtreten, wenn es eine neue Verfassung gibt. Zudem wurde die für April geplante Wahl verschoben.

Einen Rückschlag erlitt Bouteflika am Mittwoch, als sich Stabschef Ahmed Gaed Salah hinter die Demonstranten stellte. Das Militär hat wiederholt in die Politik eingegriffen. Es stoppte 1991 eine Wahl, vor der eine islamistische Partei in den Umfragen führte. Es folgte ein Jahrzehnt von Unruhen, bei denen die Sicherheitskräfte gegen Aufständische vorgingen. Etwa 200.000 Menschen starben.

Bouteflika ist seit 20 Jahren an der Macht. In der Vergangenheit konnte er sich auf das Militär und einen inneren Zirkel aus anderen Veteranen des Unabhängigkeitskriegs von 1954 bis 1962 stützen. Inzwischen haben sich allerdings Teile der Regierungspartei Nationale Befreiungsfront den Demonstranten angeschlossen. Gegner werfen Bouteflika unter anderem vor, er könne nach einem Schlaganfall sein Amt nicht mehr ausüben und sei eine Marionette. Besonders unter jüngeren Bürgern verliert er an Rückhalt. Fast 70 Prozent der Algerier sind unter 30 Jahre alt. Davon wiederum sind mehr als ein Viertel ohne Arbeit.

Von: APA/ag.