Menschenmassen demonstrierten in Paris

Massive Proteste in Frankreich gegen Pensionsreform

Freitag, 20. Januar 2023 | 07:23 Uhr

Am ersten großen Protesttag gegen die geplante Pensionsreform sind am Donnerstag in Frankreich mehr als eine Million Menschen auf die Straße gegangen. Massive Streiks legten Teile des öffentlichen Lebens lahm, betroffen waren unter anderem Schulen, Züge, der Pariser Nahverkehr, Raffinerien und der öffentliche Dienst. Präsident Emmanuel Macron will das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre anheben. Dies sei “gerecht und verantwortungsvoll”, sagte Macron.

Nach Angaben des Innenministeriums demonstrierten landesweit 1,12 Millionen Menschen, 80.000 davon in Paris. Der Generalsekretär des Gewerkschaftsbunds CGT, Philippe Martinez, schätzte die Zahl der Demonstranten in ganz Frankreich auf “mehr als zwei Millionen”. Laut CGT demonstrierten in Paris 400.000 Menschen.

Der Vorsitzende der als gemäßigt geltenden Gewerkschaft CFDT, Laurent Berger, sagte, die Mobilisierung “liegt über dem, was wir erwartet hatten”.

Im Zentrum von Paris kam es zu vereinzelten Ausschreitungen. Demonstranten warfen Flaschen, Mülleimer und Rauchgranaten auf Polizisten, die mit dem Einsatz von Tränengas reagierten, wie AFP-Journalisten berichteten. Im Osten der Stadt lieferte sich am Abend außerdem einer Gruppe junger Demonstranten Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften. Die Polizei meldete knapp 40 Festnahmen.

Landesweit fanden am Donnerstag mehr als 200 Protestaktionen statt, die weitgehend friedlich blieben. “Macron will, dass wir bei der Arbeit sterben”, sagte Hamidou, ein 43 Jahre alter Mitarbeiter der Müllabfuhr, der an der Demonstration in Paris teilnahm. “Manche meiner Kollegen stehen um 03.00 Uhr morgens auf. Wir können nicht bis 64 arbeiten”, sagte er.

Béatrice, die seit Jänner ihre Rente bezieht, sagte: “Ich habe mehr als 40 Jahre Beiträge gezählt, um jetzt eine winzige Rente zu bekommen.” Auf Plakaten war zu lesen: “Metro-Arbeit-Friedhof”.

“Es geht gar nicht so sehr um mich, denn ich bin leitender Angestellter, ich habe mit 25 Jahren angefangen zu arbeiten, also gehe ich auch ohne die Reform mit 65 Jahren in Rente”, sagte der 36-jährige Damien Mathieu, der in der IT-Branche arbeitet und in Toulouse im Südwesten Frankreichs demonstriert. Er gehe aus Solidarität auf die Straße, “weil es eine (…) ungerechte Reform ist, die die Arbeiterklasse stark benachteiligt”.

“Wenn sich alle Gewerkschaften einig sind, was selten ist, dann zeigt es, wie groß das Problem ist”, sagte CGT-Gewerkschaftsführer Martinez dem Sender Public Sénat. Zu dem Streik hatten die acht größten Gewerkschaften gemeinsam aufgerufen. “Viele Leute, die sonst nicht auf die Straße gehen, sind dieses Mal dabei”, sagte CFDT-Chef Berger dem Sender BFM.

Mitarbeiter des staatlichen Stromversorgers EDF drosselten aus Protest die Stromproduktion um mindestens das Doppelte des Verbrauchs der Stadt Paris. Beim Energieunternehmen TotalEnergies streikten nach Gewerkschaftsangaben an den meisten Standorten zwischen 70 und 100 Prozent der Beschäftigten. Auch das Verkehrswesen wurde stark bestreikt, es fuhren kaum Regionalzüge und nur wenige Hochgeschwindigkeitszüge.

Premierministerin Elisabeth Borne hatte in der vergangenen Woche die großen Linien der Rentenreform bekannt gegeben. Macron hatte bereits 2019 versucht, das komplizierte französische Rentensystem zu vereinfachen und durchzusetzen, dass Franzosen länger arbeiten. Dies hatte zu der längsten Protestwelle seit der Studentenrevolte 1968 geführt. Das Reformprojekt wurde dann wegen der Corona-Pandemie zunächst auf Eis gelegt.

Die Regierung will durch die Reform die langfristige Finanzierung des Rentensystems sichern. Derzeit weist die Rentenkasse ein Plus auf, aber die Regierung rechnet mit einem Defizit von 14 Milliarden Euro bis 2030. Das Rentensystem kostet Frankreich laut OECD derzeit etwa 14 Prozent seiner Wirtschaftsleistung.

Daher soll das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre angehoben werden. Ursprünglich hatte Macon 65 Jahre als Ziel genannt. Für Menschen, die sehr früh angefangen haben zu arbeiten, und solche in besonders anstrengenden Berufen soll es weiterhin Sonderregelungen geben. Zugleich soll die Mindestrente auf 1200 Euro erhöht werden.

Die Regierung will außerdem dafür sorgen, dass mehr Senioren als bisher im Beruf bleiben. Ende 2021 waren lediglich 36 Prozent der 60- bis 64-Jährigen berufstätig.

Der Gesetzentwurf soll kommende Woche im Kabinett vorgestellt und anschließend in der Nationalversammlung debattiert werden. Für den 31. Jänner haben die Gewerkschaften einen neuen landesweiten Protesttag angekündigt.

Von: APA/AFP

Kommentare

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14 Kommentare auf "Massive Proteste in Frankreich gegen Pensionsreform"


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N. G.
N. G.
Kinig
15 Tage 23 h

In Italien wird auch an einer Pensionsreform gearbeitet. Man wird sehen was unserrn Politikern einfällt. Ich bezweifle aber, dass die Italiener un dem Ausmaße auf die Straßen gehen werden. Da haben uns die Franzosen einiges voraus!

Zugspitze947
15 Tage 17 h

N.G. : Das ist nicht VORAUS sondern Rückwärtsgewandt ! Ein Land kann nur das ausgeben was auch erwirtschaftet wird. Und ein Rentenalter von 64 ist wirklich sehr kulant und man sollte froh darüber sein ! 🙂

N. G.
N. G.
Kinig
15 Tage 16 h

@Zugspitze947 Damit meinte ich die Streik Kultur in Frankreich. Ich bin der erste der sagt, alle müssen länger arbeiten da die Kassen leer sind. Ansonsten ganz deuner Meinung.

Orch-idee
Orch-idee
Universalgelehrter
15 Tage 15 h

@N.G…. Die Italiener gehen nur auf die Straßen, wenn es um Fußball geht, zum Feiern….wenn es um Demo geht…sind sie zu faul😉

Zugspitze947
15 Tage 4 h

N.G. Es bräiuchte eine Miss Tatcher in Frankreich wie seinerzeit in England ! Sie hat diese verrückten Gewerkschaften streiken lassen bis sie PLEITE waren und dann war RUHE ! 🙂 Es kann keine Lösung sein,wenn man gegen Alles ist und ohne Rücksicht Volkseigentum zerstört 🙁 Man müsste endlich Eurioaweit das Vermummen verbieten ! Wer zu feige ist sein Gesicht zu zeigen gehört in ein Arbeitslager und endlich mal malochen…… 🙂

Hustinettenbaer
14 Tage 22 h

@Zugspitze947
“Diese verrückten Gewerkschaften” wehrten sich, weil “Miss” Thatcher (sie war verheiratet) Dutzende staatliche Kohlegruben schließen ließ. Zehntausende Miner wurden arbeitslos. Dann die Stahlindustrie.

Die Miss läutete die Deindustrialisierung des Landes ein. Ende 1981 Industrieproduktion um 25 % gefallen, Bruttosozialprodukt geschrumpft, rasant steigende Arbeitslosigkeit, Inflation zeitweilig 22 %.
Sie war verhasst. Doch Simsalabim Falklandkrieg und Wiederwahl.

https://www.geo.de/wissen/margaret-thatcher–das-ende-des-wohlfahrtsstaates-30181446.html

Zugspitze947
14 Tage 18 h

Hustinetttenbaer: und DAS war gut so ! Zu starke Gewerkschaften sind nicht gut für die Wirtschaft. Und die britische Wirtschaft taugt ebenso wenig wie die vom Kriegsverbrecher Putin 🙁 In England wedren jeden Tag bis 300 Wohnungen oder Häuser ZWANGSGERÄUMT ! 90 % der Betriebe sind nur Kleinbetriebe und verschuldet dazu ! Der BREXIT war gut für Europa 🙂

Rudolfo
Rudolfo
Kinig
15 Tage 20 h

Herr Macron “vermarktet” sich als “Europa Chef”, hat aber seinen eigenen Laden 🇨🇵 nicht im Griff….

ieztuets
ieztuets
Superredner
15 Tage 22 h

Italien will aber laut Medienberichten die Altersgrenze reduzieren bzw. den Eintritt flexibler gestalten… 1200€ Mindestrente ist aber wohl ein Traum!

Zugspitze947
15 Tage 17 h

iaztuats: ja absolut lächerlich ,denn mir zahlen sie nicht mal die 110.60 € die mir zustehen ! Dazu benutzt man fadenscheinige Begründungen,aber dieser Bananestaat ist eben zu NICHTS zu gebrauchen 🙁

Privatmeinung
Privatmeinung
Superredner
15 Tage 21 h

In Italien muß zum Teil bis 66 und 67 Jahre gearbeitet werden…

kunstgis
kunstgis
Grünschnabel
15 Tage 1 Min

…in Deutschland schon lange !!! Wir sind dann Nettozahler für andere in Europa !!!

nikname
nikname
Universalgelehrter
15 Tage 21 h

zum Glück gibt es für gewisse in Südtirol das erworbene Recht, grins 😁😁

der echte Aaron
der echte Aaron
Universalgelehrter
14 Tage 21 h

recht haben die Franzosen sich nicht alles gefallen zu lassen. Die haben Eier. Soll der Macron mal nur einen Monat auf dem Bau arbeiten, packt er nie und nimmer …..

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