Bei einem Anschlag gab es mindestens sechs Todesopfer

Mehr als 100 Tote bei Gewaltwelle in Afghanistan

Montag, 12. November 2018 | 14:53 Uhr

In Afghanistan verschlechtert sich die Sicherheitslage weiter: Bei einem Anschlag in der Hauptstadt Kabul und Gefechten in mehreren Provinzen sind mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen. In Kabul starben mindestens sechs Menschen, als ein Selbstmordattentäter am Montag einen Kontrollposten der Polizei angriff. Weitere 20 Menschen wurden verletzt. Die meisten Opfer seien Sicherheitskräfte.

Der Attentäter habe die Bombe an einem Polizei-Kontrollpunkt in der Nähe einer Schule gezündet, teilte das Innenministerium mit. Dort demonstrierten Hunderte Angehörige der schiitischen Volksgruppe der Hasara für mehr Schutz der Regierung vor Angriffen der Taliban. Zu dem Anschlag bekannte sich zunächst niemand.

Die afghanischen Sicherheitskräfte haben seit Monaten massive Schwierigkeiten, den Angriffen der radikalislamischen Taliban standzuhalten. Alleine im November überfielen diese mindestens sechs Militärbasen im ganzen Land und töteten Dutzende Sicherheitskräfte. Die Regierung kontrolliert nach Angaben des Militärs nur noch etwas mehr als die Hälfte aller Bezirke des Landes. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2015.

Zudem haben laut einem neuen Bericht des Sonderinspektors des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan (Sigar) die afghanischen Sicherheitskräfte Schwierigkeiten, ihre personelle Stärke zu halten. Sie liege rund 40.000 Mann unter ihrer Zielstärke von 352.000 Soldaten und Polizisten. Manche Experten schätzen, dass ein Drittel der Sicherheitskräfte sogenannte Geistersoldaten und -polizisten sind – sie haben ihre Posten verlassen, wurden aber nicht von der Gehaltsliste gestrichen. Viele andere gelten als schlecht ausgebildet und unqualifiziert. Die Zahl der Taliban-Kämpfer liegt laut afghanischen Militärexperten bei rund 60.000.

In der westlichen Provinz Farah starben mindestens 37 Polizisten als Folge von Taliban-Angriffen. Die Sicherheit in der Provinz Farah hat sich in den vergangenen Monaten massiv verschlechtert.

Bei Kämpfen in der südöstlichen Provinz Ghazni haben Taliban binnen 48 Stunden mindestens 60 Sicherheitskräfte und bewaffnete Zivilisten getötet, wie der Provinzrat Mohammed Rahim Hassani am Montag sagte. Die Gefechte im südöstlichen Ghazni dauern bereits seit einer Woche an. Die Kämpfe hätten sich aus der unsicheren Nachbarprovinz Uruzgan auf die bisher als sicher geltenden Bezirke Jaghori und Malistan ausgebreitet, sagten Bewohnern. Am Montag schickte das afghanische Militär zusätzliche Soldaten in zwei Bezirke der südöstlichen Provinz Ghazni, die mehrheitlich von der Hasara-Minderheit bewohnt wird.

In der Nacht auf Montag hätten Taliban-Kämpfer zudem versucht, das Bezirkszentrum und den Sitz des Bezirksgouverneurs von Malistan zu erobern. Der Angriff sei von den Sicherheitskräften abgewehrt worden, allerdings gebe es weiter heftige Kämpfe etwa zwei Kilometer vom Bezirkszentrum entfernt. Über Opferzahlen in Malistan gab es zunächst keine Angaben.

Die Angriffe auf die zwei von der Minderheit der Hasara dominierten Bezirke lösten Proteste in Kabul aus. Die Demonstranten, die in der Nacht auf Montag in Richtung Präsidentenpalast marschierten, forderten zusätzliche Sicherheitskräfte für die Provinzen Ghazni und Uruzgan von der Regierung.

Die Proteste dauerten bis zum frühen Montagnachmittag (Ortszeit) an. Die Demonstranten teilten mit, sie hätten nach einem Telefongespräch mit Präsidenten Ashraf Ghani die Proteste beendet. Ghani habe versprochen, Verstärkung in die Gebiete schicken. Die Demonstranten erklärten, er habe dafür 24 Stunden Zeit. Sollten bis dahin keine zusätzlichen Truppen eintreffen, würden sie ihre Proteste fortsetzen. Wenige Minuten, nachdem die Demonstranten die Einigung mit Ghani verkündet hatten, sprengte sich dann unweit der Proteste in Kabul ein Selbstmordattentäter in die Luft.

Mit ihrer Offensive wollen die Taliban offenkundig ihre Position in den Verhandlungen mit US-Vertretern verbessern. Nach einer ersten Gesprächsrunde mit Unterhändlern der Taliban in Katar sprach der US-Sondergesandte Salmai Chalisad am Wochenende mit Ghani und anderen Regierungsmitgliedern in Kabul. Chalisad hat afghanische Wurzeln und war früher US-Botschafter in Kabul.

Von: APA/ag.

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