Proteste in Tunesien halten seit Tagen an

Mehr als 600 Festnahmen bei Protesten in Tunesien

Donnerstag, 11. Januar 2018 | 15:58 Uhr

Nach der dritten Nacht in Folge mit gewaltsamen Protesten in Tunesien ist die Zahl der Festgenommenen nach Angaben des Innenministeriums auf mehr als 600 gestiegen. Bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften seien landesweit 328 Menschen festgenommen worden, sagte ein Sprecher am Donnerstag. Allerdings habe die Intensität der Gewalt nachgelassen.

Die Verhaftungen am Mittwoch seien wegen Diebstahls, Plünderungen, Brandstiftung und Straßenblockaden erfolgt, erläuterte der Sprecher. Bereits am Dienstag waren demnach 237 Menschen und am Montag 44 Menschen festgenommen worden.

In der nordtunesischen Stadt Thala wurde in der Nacht auf Donnerstag nach Angaben des Sprechers ein wichtiger Polizeiposten angezündet. Landesweit seien bei den Auseinandersetzungen in dieser Nacht 21 Polizisten verletzt worden.

Die Proteste richten sich gegen steigende Lebenshaltungskosten und die Sparpolitik der Regierung. In der nordtunesischen Stadt Siliana bewarfen Jugendliche die Sicherheitskräfte mit Steinen und Molotow-Cocktails. Die Polizei setzte Tränengas ein. Wie ein AFP-Reporter berichtete, zündeten in Kasserine im Zentrum des Landes junge Demonstranten Reifen an, um Straßen zu blockieren. Sie bewarfen die Polizei mit Steinen.

Ähnliche Szenen spielten sich in Sidi Bouzid und in einigen Vierteln der Hauptstadt Tunis ab. Auch in Tebourba westlich der Hauptstadt Tunis seien am Mittwochabend Demonstranten auf die Straße gegangen, berichteten Einwohner. Die Polizei habe Tränengas eingesetzt, sagte ein Einwohner.

In Tebourba war am Montag bei gewaltsamen Protesten ein etwa 40-jähriger Mann getötet worden. Unklar ist nach wie vor die Todesursache. Das Innenministerium bestritt, dass die Polizei den Mann getötet habe.

Das Verteidigungsministerium teilte mit, dass wegen der Ausschreitungen in den größeren Städten nun Soldaten vor Banken, Postfilialen und Regierungsgebäuden postiert worden seien. Am Mittwoch hatte der tunesische Regierungschef Youssef Chahed bei einem Besuch in der Nähe von Tebourba die gewaltsamen Proteste als “Vandalismus” verurteilt. Er bedauerte, dass jedes Mal “Vandalen” auftreten würden, wenn es in Tunesien zu sozialen Spannungen komme.

Ein Sprecher der linken Oppositionspartei Volksfront bezeichnete es zwar als “illegitim”, Staatseigentum zu zerstören. Zugleich appellierte er an Regierungschef Chahed, “Lösungen für die jungen Tunesier” zu finden. “Friedliche Demonstrationen” seien Teil der Demokratie.

Die mächtige Gewerkschaft UGTT rief für Montag anlässlich des siebenten Jahrestags der tunesischen Revolution zu einer Kundgebung in Tunis auf. Die Aktivisten der Kampagne Fech Nestannew (Was wir wollen) riefen zu Massenprotesten am Freitag auf.

Die Denkfabrik International Crisis Group (ICG) warnte indessen in einem Bericht vor einer “autoritären Versuchung” für die politische Klasse Tunesiens. Sie warf dem tunesischen Präsidenten Beji Caid Essebsi am Donnerstag vor zu versuchen, das politische System auf sich auszurichten.

Tunesien hat nach der Revolution 2011 zwar den Übergang zu einer Demokratie nach westlichem Vorbild erfolgreich geschafft, kämpft aber mit großen wirtschaftlichen Problemen. Am Sonntag jährt sich der Jahrestag der Revolution zum siebten Mal.

Von: APA/dpa/ag.

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1 Kommentar auf "Mehr als 600 Festnahmen bei Protesten in Tunesien"


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zombie1969
zombie1969
Superredner
5 Tage 4 h

Wer hätte nach der Niederschlagung des Prager Frühling 1968 gedacht, dass 20 Jahre später die sozialistischen Diktatoren Vergangenheit sind.
Und auch die jungen Araber werden den “Arabischen Frühling” nicht mehr vergessen, auch wenn er heute gescheitert erscheint. Die Sehnsucht nach Freiheit lässt sich nicht unterdrücken, weder von arabischen Diktatoren, noch von den Islamisten.
Es gibt da aber einen kleinen, entscheidenden Unterschied. Weltliche Ideologien haben eine geringe “Lebenserwartung”.
Die Ideologie des Islam wird so schnell nicht an Bedeutung verlieren.
Wer hätte nach der Niederschlagung des Prager Frühling 1968 gedacht, dass 20 Jahre später die sozialistischen Diktatoren Vergangenheit sind.

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